Boeckner - Boeckner!

Sub Pop / Cargo
VÖ: 15.03.2024
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Ganz schön betrommelt

Man meint förmlich zu sehen, wie Dan Boeckner die Stirn in Falten legt: Der Co-Frontmann von Wolf Parade hat inzwischen so viel auf dem musikalischen Kerbholz, dass man schon mal durcheinanderkommen kann. Die Indie-Rock-Supergroup Divine Fits mit Britt Daniel von Spoon, new-wavige Kühle bei Operators, klirrenden Elektro-Pop mit der Ex-Lebensgefährtin Alexi Perry als Handsome Furs und zuletzt sogar Art-Jazz-Schnack mit Fortune Kit. Doch fehlt nicht noch etwas? Genau: ein Album unter eigenem Namen. Am besten im Schwitzstudio von Randall Dunn aufgenommen, der sich nicht nur bei Sunn O))) oder Boris durch dröhnende Desaster wühlt, sondern auch Eingängigeres mit Ecken, Kanten und Schmackes produziert. Dennoch fühlt sich Boeckner dabei manchmal immer noch wie ein Jungspund, der in einer Punk-Band in Vancouver spielt.

Was vielleicht auch den nicht mehr jugendlichen, aber umso mehr überbordenden Ungestüm seines Solo-Debüts erklärt, der sich schon im Ausrufezeichen im Titel niederschlägt. Von Punk natürlich keine Spur – dafür von unbändigem Machenwollen und -können, mit dem der Kanadier in nur wenig mehr als einer halben Stunde annähernd sämtliche Aggregatzustände seines bisherigen Schaffens verdichtet. Etwa im beschwingten Opener "Lose", nach dem klar sein dürfte, auf wessen Mist seinerzeit "The grey estates" gewachsen ist: Die Keyboards sprotzen frech und setzen reizende kleine Details, Boeckner singt brüchig, jedoch mit schmiegenden Absichten, und Matt Chamberlains Drums hetzen das Ganze so dynamisch nach vorne, dass auch eine Break-Ehrenrunde nicht schadet. "You're bound to lose your love"? Halb so schlimm, solange es dieses Stück gibt.

Ach, sagen wir lieber gleich: solange es dieses Album gibt. Denn auch, wenn es neben dem drohenden Verlust angebeteter Menschen genauso spukige Erscheinungen im eigenen Spiegelbild oder postapokalyptische Innenstadt-Szenarien verhandelt, ist "Boeckner!" vor allem eins: ein jubilierendes, die Zähne zeigendes Indie-Pop-Wunderwerk, das große Harmonien zur Schau stellt, in einem Moment beinahe zu Tränen rührt und im nächsten zackig auf die elektronische Pauke haut. Besonders "Wrong" macht in dieser Hinsicht den Lauten, lässt breitbeinige Gitarren schmirgeln und die Rhythmen so betrommelt zischen und dengeln, als wäre Martin Hannett einst angetütert ins Drum-Setup von Joy Divisions "She's lost control" gerauscht. Mit dem Unterschied, dass Boeckner und Mannschaft jederzeit alles im Griff haben – und einen Haufen toller Songs in der Hinterhand.

Und obwohl "Don't worry baby" keine Beach-Boys-Coverversion ist, trifft das Stück wie praktisch alle anderen auch auf den Punkt und liegt in puncto Veröffentlichungsdatums mit den Zeilen "It's Easter everywhere / And in the cracks along the streets / Strange flowers rise to greet the shining air", sogar zeitlich nahezu richtig. Hinreißend, dass der finstere Bilder suggerierende Boogie "Dead tourists" danach im Intro leicht "Sloop John B" zunickt – wie generell viele der umarmenden Melodiebögen dieses Albums auf anerkannt klassischen Rock-Platten von Fleetwood Mac bis Supertramp vorzüglich aufgehoben wären. Auch die des versöhnlichen und ausnehmend hübschen "Holy is the night", mit dem sich "Boeckner!" auf fluffigen Synthie-Wölkchen schwebend allmählich verabschiedet. Nur vorübergehend hoffentlich, denn so viele Hits am Stück lässt man nur ungern ziehen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Lose
  • Wrong
  • Dead tourists

Tracklist

  1. Lose
  2. Ghost in the mirror
  3. Wrong
  4. Don't worry baby
  5. Dead tourists
  6. Return to life
  7. Euphoria
  8. Holy is the night
Gesamtspielzeit: 31:59 min

Im Forum kommentieren

Hmm

2024-04-30 20:32:27

Ist bei mir inzwischen sehr gewachsen. Taucht vielleicht in meiner Jahresliste auf.

fakeboy

2024-03-20 21:54:43

Bei Wolf Parade konnte ich mich nie entscheiden, wen ich nun lieber mag. Boeckner mit seinen eher straighten Power-Songs? Oder Krug mit den dramatischeren Momenten? Nun, genau die Abwechslung zwischen diesen beiden charismatischen Sängern machte und macht Wolf Parade für mich zu einer sehr spannenden Band. Und diese Spannung vermisse ich ein wenig auf Boeckners Solo-Album. Ich mag es, aber es vermag mich nicht wirklich zu begeistern. Werd ihm aber sicher noch ein paar Durchläufe gönnen.

Armin

2024-03-20 21:54:08- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Samuel Herring

2024-03-17 16:04:18

Nachdem was Devojka jetzt veröffentlicht hat (ohne Wertung), ist davon auszugehen, dass die Operators in der Konstellation mit ihr und die Beziehung Geschichte sind.

Das Album ist kurz und gut. Mir persönlich fehlen trotzdem gewissen Elemente. Dead Tourists skippe ich sogar.
Aber mit den letzte drei Songs (holy ist the night, euphoria und return to life) hat er auch richtig gute fabriziert.

Gordon Fraser

2024-03-16 07:32:47

Find's auch sehr gelungen auf den ersten Eindruck.

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