Messer - Kratermusik

Trocadero / Indigo
VÖ: 01.03.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Nach dem Einschlag

"Keine Liebesheirat" war es, was den tapferen Kollegen Bremmer und die Gruppe Messer 2020 auf "No future days" am Ende doch noch zusammenführte. Ganz falsch lag der Rezensent mit seiner latent skeptischen Einschätzung nicht: Der Begriff Post-Punk alleine wird der Band um Hendrik Otremba längst nicht mehr gerecht, sodass man auch immer Dub, Reggae und Funk mitdenken sollte. Und spätestens seit Otrembas exaltiertem Solo-Ausflug "Riskantes Manöver" auch Theatralik und Sprachspielereien wie "66' sürrealistische Masznahmen gegen die Verachtung der Gegenwarth". Es ist kompliziert. Zumal diese dichterischen Freiheiten auch auf seine Hauptband abstrahlen. Zwar geriert sich "Kratermusik" als kratzbürstige Rockplatte, auf der aber durchgehend eine diffuse Bedrohlichkeit mitschwingt. Die Einschläge kommen näher – oder sind bereits erfolgt.

"Frieden finden"? Nicht so einfach unter solchen Umständen. Weswegen sich der gleichnamige Opener zu weit ausholenden, dann spitz zulaufenden Schreng-Gitarren und verschachtelten Rhythmen erst einmal zurechtpoltert. Weitaus lebhafter als "Opening night" oder "Im Pelzmantel, Cretin" am Anfang von "Riskantes Manöver", aber auch eine Art Ouvertüre in Talking-Heads-Moll. Genug Kontrastprogramm haben Messer ohnehin im Repertoire – und mit dem in fidelem Offbeat kickenden, Ska-infizierten "Schweinelobby (Der Defätist)" eine zusätzliche, ruppige Spielart ihrer grau umwölkten Musik, in der Otrembas krähendes Organ oft als missmutiger Fixpunkt fungiert. Einer der direktesten Hits dieses Albums – ähnlich wie das knackige "Oswalth (1 2 3 4)", wo Messer mit scharfen Riffs in Stop-and-go-Gangart sogar zum Tanz laden (wenn man das so nennen kann).

Bei All Diese Gewalt, dem Projekt von Die-Nerven-Frontmann Max Rieger, stünde so ein Schriftbild vielleicht für eine "Welt in Klammern". Hier jedoch scheint es, als habe Otremba den zahlreichen Persönlichkeiten, die "Kratermusik" bevölkern, stets noch ein Detail, eine Widmung oder eine kleine, sardonische Gemeinheit hinzuzufügen. So auch "Taucher (Für Smukal)", einem sehnigen Kracher, der die Leads jaulen, den Bass bohren und den Beat maschinell rotieren lässt . Wäre dieses formidabel angestochene Stück knapp zwei Jahrzehnte früher gekommen, hätten sich Go Home Productions ihren Dance-Mix von Gang Of Fours "To hell with poverty" glatt sparen können. Der Sänger wünscht sich dazu mehrdeutig: "Ich will ein Taucher sein / Ein Taucher hat's gut / Ein Taucher taucht allein / Ein Taucher sucht den Grund." Wann öffnen in der Tiefsee eigentlich die Clubs?

Nicht so wichtig – immer muss man da schließlich nicht hin. Und anderswo laufen auch schöne Sachen. Zum Beispiel die geisterhaft verhallte Moritat "Kerzenrauchers letzte Nacht", die genauso einen tiefen Zug aus der Dub-Bong nimmt wie der Klirrfaktor-Shuffle "Der Atem" oder der finale Dancehall-Wobbler "Am Ende einer groszen Verwirrung", während "Flimmern" und "Spiegel" eine speckige Punkrock-Visitenkarte abgeben. Apropos: Hoher Besuch wartet im von hektischem Stakkato zerteilten "Grabeland", wo niemand Geringeres als Kreator-Mastermind Mille Petrozza begeistert mitgrowlt. Ein rührend kumpeliger Kniff, um etwaige Bedenken zu zerstreuen, Messer könnten hier und da zu prätentiös werden. Doch keine Bange: Ein bisschen Poesie und Kunstsinnigkeit haben einem so kraftvollen, unwägbaren (Post-Punk-)Album noch nie geschadet.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Schweinelobby (Der Defätist)
  • Oswalth (1 2 3 4)
  • Taucher (Für Smukal)
  • Am Ende einer groszen Verwirrung

Tracklist

  1. Frieden finden
  2. Schweinelobby (Der Defätist)
  3. Der Atem
  4. Oswalth (1 2 3 4)
  5. Flimmern
  6. Kerzenrauchers letzte Nacht
  7. Taucher (für Smukal)
  8. Eaten alive
  9. Im falschen Traum
  10. Grabeland
  11. Spiegel
  12. Am Ende einer groszen Verwirrung
Gesamtspielzeit: 44:01 min

Im Forum kommentieren

saihttam

2024-05-23 23:29:21

Richtig gutes Ding! Hat nen tollen Groove und dazu diese leicht abgründige, bedrohliche Atmosphäre. Partymusik fürs Jenseits! Bin sehr auf die Live-Umsetzung gespannt.

saihttam

2024-03-19 23:22:17

Oha, was ist das? Ich finde es aufs erste Ohr äußerst interessant. Warum ging die Band eigentlich bisher an mir vorbei? Am 25.5. dann auch noch in der Oetinger Villa. Das wird was!

cargo

2024-03-10 09:53:12

Der Dub Einschlag gefällt mir leider überhaupt nicht. Nach den ersten beiden großartigen Alben geben mir Messer nicht mehr viel.

Talibunny

2024-03-09 17:32:02

Der Gesang von Otremba ist halt ein bisschen problematisch, wie ich finde. Der machts einem/mir nicht leicht.

Emil.Sinclaire.

2024-03-09 17:28:13

Grandios, wie immer. Freue mich auf live in Sarrebruck 😎

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