Hurray For The Riff Raff - The past is still alive

Nonesuch / Warner
VÖ: 23.02.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Warme Melancholie

Die Countrymusik hat Alynda Segarra Mitte der 2010er-Jahre ein bisschen zurückgelassen. Es ging auf den Alben als Hurray For The Riff inhaltlich vom Kleinen ins Größere: von der Perspektive einer reisenden Person, die sich selbst und ihren Kosmos verstehen will, auf "Small town heroes" über den größeren Diskurs um migrantisches Leben in den USA auf "The navigator" bis hin zur globalen Klimakrise von "Life on Earth" – alles zu Recht von der Presse gefeiert. Aber da ergaben die geradlinigen Gitarren an manchen Stellen eben keinen Sinn mehr und so veränderte sich auch der Sound, wurde moderner und ließ mehr zu. "The past is still alive" ist eine Rückkehr. Musikalisch, aber auch inhaltlich. Denn Segarra kehrt an die Orte der Vergangenheit zurück. Damals, als Segarra mit 17 Jahren aus der Bronx losging, mit Güterzügen Nordamerika durchquerte und teilweise von der Hand in den Mund lebte.

Und auch, wenn es auf Album Nummer neun auf den ersten Blick musikalisch weniger zu entdecken gibt als auf den letzten Platten, bringen die Folk- und Country-Songs genügend Herz und Feingefühl mit, um zu berühren. Und in den Zeilen selbst gibt es bei Hurray For The Riff Raff immer eine Menge auf die Spur zu kommen. Schon die Single "Alibi" lässt sich auf unterschiedliche Arten lesen. Eigentlich war es ein Song über einen Freund, der mit Suchtproblemen vermutlich längst verloren ist, aber noch ein letztes Mal angefleht wird, dass auch alles anders sein könnte: "Baby, try to live again / And play another hand / Maybe we'll start a band." Im Zuge des Todes von Segarras Vater einen Monat vor der Aufnahme des Albums bekam der ´Track aber eine weitere Bedeutung im Zusammenhang mit Verlust. Segarra klingt gleichzeitig erschöpft und trotzdem warm und weich. Mit dem charakteristischen besonderen Tenor erzählt "Snake plant (The past is still alive)" vom abgehängten Amerika irgendwo zwischen den großen Städten, ohne schlecht gelaunt zu sein oder zu sehr zu romantisieren. Klar gibt es da Gutes: "I only wanted ever to be a good daughter / Soft hands, gold rings / Try to remember most everything / Like feeding grapefruits to the cows / Holding my belly while I´m laughing out loud." Aber es gibt auch Schmerzen, Fentanyl und Tod.

Die autobiografische Offenheit hievt die zwar nicht uninspirierten, aber sehr konventionellen Songs auf eine höhere Ebene. Ebenso wie der Gastgesang von Conor Oberst in "The world is dangerous", bei dem er zu Gitarre und Geige in der Scheune zum Slow Dance einlädt. "Hawkmoon" hingegen zieht das Tempo und die Cowboystiefel an und ist mit E-Gitarre und enthusiastischen Drums ein Kandidat für den Roadtrip mit den Füßen aus dem Fenster und einer eingängigen Melodie in den Ohren: "Oh baby, where do you wanna go / I know a please no one will ever know." Ein erstrebenswerteres Leben als im sich nackt machenden "Hourglass": "I always feel like a dirty kid / I used to eat out of the garbage."

Produzent Brad Cook (Bon Iver, Waxahatchee) fängt die Geschichten in klaren Spuren auf, Störfaktoren oder Unausgewogenheiten sucht man auf "The past is still alive" vergebens. Und vielleicht ist die Einfachheit am Ende die größte Stärke der Platte. Hurray For The Riff Raff fordert nicht heraus, strengt nicht an, sondern erzählt und berührt. Wie im großen Rausschmeißer "Ogallala", das sich metaphorisch beim Untergang der Titanic sieht, aber damit meint, auf dem Deck zu stehen und bis zum Schluss zu spielen: "I used to think, I was born in the wrong generation / But now I know I made it right on time / To watch the world burn, with a tear in my eye." Ganz am Ende hört man in “Kiko forever” dann noch Segarras Vater höchstpersönlich in kurzen Sprachnachrichten. Er klingt nach einem wundervollen Menschen – in diesem Stück und wenn sein Kind ihn in Interviews beschreibt. Eine kleine Widmung, die das Album mit einer traurigen Wärme beschließt und zur ganzen Platte passt.

(Arne Lehrke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Alibi
  • Hawkmoon
  • Snakeplant (The past is still alive)
  • Ogallala

Tracklist

  1. Alibi
  2. Buffalo
  3. Hawkmoon
  4. Colossus of roads
  5. Snakeplant (The past is still alive)
  6. Vetiver
  7. Hourglass
  8. Dynamo
  9. The world is dangerous
  10. Ogallala
  11. Kiko forever
Gesamtspielzeit: 36:47 min

Im Forum kommentieren

Alice

2024-03-07 21:43:13

Überhaupt nicht langweilig

Socko

2024-03-07 10:52:47

Ui, das ist sehr langweilig. Sehr, sehr, sehr.

saihttam

2024-03-07 10:50:35

Ich mag ihre Alben seit Jahren, aber sie schaffen es für mich nie in ganz hohe Regionen vorzustoßen. Irgendwas fehlt für mich dann doch immer, um vollends begeistert zu sein. Scheint bei diesem Album leider auch nicht anders zu sein. Aber ich bleibe dran.

Bese

2024-03-07 04:37:15

Sehr schönes Album. Erfreut mein Herz und läuft derzeit bei mir hoch und runter.

AliBlaBla

2024-02-28 17:28:26

Hui, auch ich (durch pitchfork) ab heute im Rennen, CD liegt vor, mehr morgen! ;)

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