Ty Segall - Three bells

Drag City / Indigo
VÖ: 26.01.2024
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Cocktail-Party in Kalifornien

Na, wer kratzt denn da mit schrägen Gitarren-Akkorden von außen an der Haustür und lässt die Nachbarn vor lauter Panik schon mal die "11" auf dem Telefon vorwählen? Wenn nicht alles täuscht, ist es mal wieder Zeit für ein Lebenszeichen von Ty Segall – die letzte Veröffentlichung liegt ausnahmsweise mal länger als fünf Minuten zurück. Der Tausendsassa aus Kalifornien, dessen Musik sich stets anhört, als hätte man einen verloren geglaubten Albumklassiker der Neunzigerjahre neues Leben eingehaucht, schüttelt gemeinsam mit Weggefährten wie Mikal Cronin und The Cairo Gangs Emmett Kelly mal eben 15 neue Songs so lässig aus dem Ärmel, wie man es als Kind sonst nur von den Eltern auf deren ausgelassenen Cocktail-Partys gewohnt war. Mit seinem neuen Album "Three bells" verewigt sich Segall einmal mehr als einer der ehrlicherweise nicht unbedingt immer qualitativ hochwertigsten, aber doch spannendsten Kreativlinge seiner Generation. Gemeinsam mit seinen treuen Kumpanen schrammelt sich der musikalische Schweißarmband-Entwertungsautomat auch auf "Three bells" jedenfalls wieder derart tief in die Gehörgänge, dass so mancher Neurochirurg schon mal mit einem breiten Grinsen im Gesicht die Skalpelle wetzen dürfte.

Immerhin eineinhalb Jahre liegen zwischen "Three bells" und dessen Vorgänger "Hello, hi" – für Segalls Verhältnisse beinahe eine Ewigkeit. Zeit genug hatte er also und tatsächlich hört man das seinem sage und schreibe 15. Soloalbum auch an: Technisch ausgeklügelt und sauber produziert ist das, ohne an Authentizität zu verlieren oder zu wirken, als sei der Dreck unter den Fingernägeln voller Absicht und in manueller Feinarbeit dort gelandet. Da wäre etwa das einerseits gelassen groovende und andererseits doch sehr nach vorn preschende "Reflections", das mit der motivierenden Reise-ins-Ich-Zeile "You can get to know the places inside you / Just invite yourself" aufwartet. Oder auch die komplett verstrahlte Doppelspitze "Eggman" und "My room" in der Albummitte, die den Hörer mit ordentlich Strom und noch mehr Charme aus jeglicher Komfortzone einfach rausschubst. Derweilt präsentiert sich "Hi Dee Dee" als lupenreine Psych-Rock-Dampfwalze im Gewand eines Duschvorhangs aus den Siebzigerjahren – besagte Dusche braucht man ordentlich Dampf sei Dank danach auch.

Segall wirbelt auch auf "Three bells" erneut ein musikalisches Kaleidoskop auf, dessen Farben und Formen man nach nunmehr mindestens 15 Platten zwar zu kennen glaubt, dessen Zusammenspiel aber doch immer wieder überrascht. "Repetition" knüpft mit seinem kaugummiartigen und mutmaßlich unter halluzinogenen Bedingungen entstandenen Klangbild nahtlos an das geordnete Chaos des restlichen Albums an und lässt doch das Blut in den Adern rauschen. Im epischen Fast-Siebenminüter "Void" gibt es eine kurze Verschnaufpause, ehe das düstere "Wait" mit tiefgründiger "Wir gegen den Rest der Welt"-Mentalität auch noch mal ordentlich ans Herz packt. Zum Abschluss schmeichelt dem Hörer "What can we do" entgegen, augenzwinkernd verführerisch und mit Segalls Lebensgefährtin in der Rolle der Background-Sängerin – und als Sparringspartnerin für einen kleinen Flirt eh sicher mehr als bereit. Am Ende muss man festhalten: Wer hier die Tür nicht freiwillig aufmacht und die verängstigten Nachbarn zur Cocktail-Sause der etwas anderen Art nicht einfach einlädt, hat den Blick ins kunterbunte Kaleidoskop des Ty Segall auch nicht verdient.

(Jennifer Depner)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Void
  • Hi Dee Dee
  • Reflections
  • To you

Tracklist

  1. The bell
  2. Void
  3. I hear
  4. Hi Dee Dee
  5. My best friend
  6. Reflections
  7. Move
  8. Eggman
  9. My room
  10. Watcher
  11. Repetition
  12. To you
  13. Wait
  14. Denée
  15. What can we do
Gesamtspielzeit: 65:05 min

Im Forum kommentieren

Hierkannmanparken

2024-02-13 17:34:04

Heißt ja auch nicht Ty's Egal. ;)

Ich finde vereinzelte Stellen cool, so insgesamt fließt es aber nicht. Finde das Songwriting manchmal echt zusammengepuzzelt (Im looking at you, Void)

kingsuede

2024-02-07 23:13:17

Schön, dass es überhaupt rezensiert wurde.

Armin

2024-02-07 21:20:01- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

kingsuede

2024-02-02 19:54:34

Ah, ist ja bereits erschienen. Vinyl leider sehr teuer. Werde ich heute Abend aber mal reinhören.

fuzzmyass

2024-02-02 19:44:52

Erster Durchgang war ganz gut, auch wenn das recht lang und hook-less ist, somit nicht sofort ins Ohr geht... das wird ein Paar Durchgänge brauchen, aber es macht schon gleich Spaß ohne umzublasen

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