Sprints - Letter to self

City Slang / Universal
VÖ: 05.01.2024
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Treib's uns aus

Karla Chubb, Gitarristin und Lead-Songwriterin der irischen Formation Sprints, ist Frontfrau bei einem der am heißesten gehandelten Newcomer-Acts von den britischen Inseln. Klingt zunächst nicht unbedingt ungewöhnlich. Doch wenn wir den Blick im Rückspiegel der Musikszene in die Vergangenheit schweifen lassen, hat dieser Umstand ein wenig auch mit Savages zu tun. Als deren Debut "Silence yourself" anno 2013 dem noch immer hartnäckigen Alphamännlein-Mackertum im Rock- und Punk-Zirkus frech ins Gesicht spuckte, war weibliches Empowerment in der Musik endgültig ein nicht mehr wegzulächelndes Thema. Inspiriert von der Band und deren Live-Konzerten, begann Chubb daran zu glauben, dass es gerade auch als Frau voll klar geht, sich in und mit der Musik auszudrücken.

Auch wenn der Sprints-Sound sich eher von bewährten Zutaten der Rockmusik nährt, seine Wurzeln nostalgisch inmitten des 90s-Alterna positioniert, wenn es einerseits nach lärmigem Grunge-Proberaum klingt, ebenso aber die Wucht von Slaves oder Idles an jeder Ecke lauert: Diese Platte boxt uns mit ihrer Energie förmlich aus der Feiertags-Lethargie. "Adore adore adore" etwa ist mit seinen 2:38 Minuten kompromisslos und catchy zugleich. "Am I everything you wanted / Or am I just everything you test?", fragt Chubb und scheint die Antwort zu kennen. Nachdem das knackige "Ticking" als Opener den staubigen Teppich ausgerollt hat, kommt "Heavy" als erstes Highlight daher. Die Gitarren sägen bedrohlich, ein Basslauf wie ein vertonter Zeigefinger. Und dann kurz anzählen, schon überholt sich der Refrain quasi selbst, und ein breites Grinsen stellt sich ein. "Literary mind", bekannt schon seit Februar 2023, bohrt sich ebenfalls direkt ins Ohr und verfängt dort nachhaltig mit Spoken-Word-Part und Pogo-Finale.

"Did you ever feel like / The room is heavy? / Like you can't breathe?", heißt es in "Heavy", und schon hier ist klar: Um simples Female-Riot-Gehabe oder um die Punk-Pose an sich geht es Sprints nicht. Vielmehr finden sich hier Themen, die von der Gesellschaft zu lange verschwiegen oder verdrängt wurden, wie etwa körperliche Autonomie von Frauen, den Kampf um Identität und Sexualität sowie im biestigen Post-Punker "Cathedral" – in Irland kein ungewichtiges Thema – von der Kirche auferladene Schuldgefühle. "Mother! Father! Are you happy? / Can anybody here be happy!?"

Dieses "Letter to self", offizielles Debüt nach zwei im UK umjubelten EPs, kann aber nicht nur die Abrissbirne schwingen. "Shaking their hands" baut vom ersten Ton an Atmosphäre auf, die scheinbare Ruhe weicht bald einem Brodeln. Und der biestige Basslauf kann nirgendwo anders hinführen als zur Eruption geballter Post-Punk-Wucht. Das tolle "Shadow of a doubt" versprüht zunächst heftige PJ-Harvey-Vibes, bevor das unterschwellige Brodeln dann doch die nicht aufzuhaltende Mutation zur intensiven Hymne einleitet.

Passend zum Sound setzt sich Chubb auf diesem Album auch mit der Zerrissenheit auseinander, die viele junge Erwachsene duchleben. Und die auch mit entsprechend antiquierten Erziehungskonzepten zu tun hat, mit dem häufig aus Kindheitstagen rührenden Mangel an Selbstbewusstsein und Selbstakzeptanz. Da nützt es auch nichts, dass ein aufmerksam zuhörender, mittelalter weißer Mann nach dem finalen, wuchtigen Titelsong mindestens einen Mundwinkel offenstehen hat. Und dass er sich hüten würde, der jungen Songschreiberin in allwissend-wertender Manier zu sagen, dass sie mit ihrer Band ein verdammt starkes Debüt vorlegt. Aber es ist etwas Wahres dran.

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Heavy
  • Adore adore adore
  • Shadow of a doubt
  • Literary mind

Tracklist

  1. Ticking
  2. Heavy
  3. Cathedral
  4. Shaking their hands
  5. Adore adore adore
  6. Shadow of a doubt
  7. Can't get enough of it
  8. Literary mind
  9. A wreck (a mess)
  10. Up and comer
  11. Letter to self
Gesamtspielzeit: 36:42 min

Im Forum kommentieren

Arne L.

2024-04-04 16:03:24

Find´s mittlerweile auch großartig. Die geradlinigeren Songs gefallen mir am besten gefallen. Sowas wie "Heavy" passt super in eine Playlist mit Amyl and the Sniffers.

myx

2024-01-17 20:53:06

Das Album ist bei mir jetzt auch durchgestartet. Schmuckes mit Schmackes, könnte man verkürzt sagen.

Live ist die Band bestimmt der Hammer, dir also schon mal viel Spass in München, Kojiro! Wäre auch vor Ort, wenn ich English Teacher nicht dann beim Maifeld Derby sehen würde (und deshalb Anreise- und Übernachtungskosten doch lieber spare). Sprints vielleicht dann ja mal bei anderer Gelegenheit.

Klaus

2024-01-17 16:34:47

Shadow of a doubt ist echt toll.

Autotomate

2024-01-17 16:29:17

Bin auf Anhieb begeistert, mein erstes Jahreshighlight!

Klaus

2024-01-17 08:52:19

Schönes Album. Richtig guter Mix aus (Punk)Rock Geschrammel und feinen Melodien.

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