Danny Brown - Quaranta

Warp / Rough Trade
VÖ: 17.11.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Blick und Pupillen

Die dunkelsten Jahre seiner Heimatstadt Detroit hat Danny Brown hautnah miterlebt. Als die einstige Industriemetropole heimgesucht wurde von einem sozialen Verfall, der sein Emblem fand in entkernten Häusern und versehrten Straßen, als sich dort immer mehr Gewalt auf immer weniger Menschen verteilte, wuchs Brown auf, fand seine Sprache und seinen Ausdruck. Darin gingen exzessiver Lebenswille und Selbstzerstörung, ästhetischer Scharfsinn und drogeninduzierte Paranoia selbstverständlich Hand in Hand, um nicht vom schmalen Grat zu stürzen, der sich Alltag nannte. Vor knapp drei Jahren hat Brown die 40 überschritten und diese Wegmarke zu einer grundsätzlicheren Zäsur erklärt. Clean und nüchtern blickt er zurück auf die Turbulenzen vergangener Zeiten und Alben, wirkt auf "Quaranta" mitunter wie ein aus dem Delirium Erwachter, der letzte Albtraumfetzen verscheucht. Der Titel, italienisch für "vierzig", aber auch eine unmissverständliche Referenz auf die Pandemie, fungiert als schließende Klammer zu seinem Durchbruch "XXX". Und so weitet Brown den Blick statt der Pupillen, findet am Ende des Rausches aber längst nicht nur Frieden.

Mit Stimmfetzen, warmen Klavierakkorden und Gitarrenmelancholie aus einem Spagetti-Western empfängt der Titeltrack zunächst wirklich, als käme man aus einem Schlummer zu sich. Neugefundene Klarheit konturiert auch die ersten Zeilen des Albums, eine Art Leitmotiv: "This rap shit done saved my life / And fucked it up at the same time." Brown rappt nicht nur hier mit bedachtem Flow, leicht hinter dem Beat, vor allem frappiert aber seine Stimme: Sein natürlicher Bariton ersetzt immer häufiger die nasale Exaltiertheit, mit der Browns Vortrag bekannt und berüchtigt wurde. Ausnahmen sind die Regel, aber auch die beiden Vorabsingles: "Tantor" klingt nach einer psychotischen Version der Beastie Boys und sprudelt sich ins Surreale. "Jenn's terrific vacation" hingegen muss einmal schnell vernuschelt werden, um sich als bitterer Code für ein anderes Thema zu offenbaren. Brown streift durch die alte Nachbarschaft und entdeckt allerorten Spuren der Gentrifizierung – "Landlords looking for a payday / Now it's rental scooters where we used to sling yay" –, während Kassa Overalls hektisch-synkopiertes Schlagzeug die Rastlosigkeit der Armen heraufbeschwört. Spätestens in der Hook gerät die Vertreibung aus dem Viertel dann vollends zum Horrortrip: "Where you gon' go, what you gon' do?", flüstert Overall bedrohlich nah ins Mic, während Browns Stimme dämonisch verzerrt wird. Trotz eines desolaten Instrumentalteils bleibt Raum für der Wirklichkeit abgetrotztem Galgenhumor: "Right there used to be a crack house / Now it's an organic garden."

"Jenn's terrific vacation" ist der vielschichtige Höhepunkt auf "Quaranta" und wohl einer der besten Rap-Tracks der vergangenen Jahre, deutet zugleich aber auch eine neue Dimension in Browns Texten an. "Y.B.P." liefert im Verbund mit Bruiser Wolf astreine Sozialkritik, wenn beide über die Krise ihrer Stadt im Spiegel der eigenen Kindheit reflektieren. Zudem prägt sich dem Album der Einfluss von Browns zahlreichen Kollaborationen mit dem Underground auf. "Ain't my concern" rechnet zu einem Squarepusher-Instrumental mit der aktuellen Rapszene ab: Brown attestiert ihr, als vermarktetes Produkt der Musikindustrie jegliche Relevanz einzubüßen. Das anschließende "Dark sword angel", ebenfalls von Quelle Chris produziert, gibt sich durchgeknallten Sprachspielen hin und leitet passend ein: "We doin' this even without a record deal / Half the shit I say can't be understood by executives." Wer da jedoch an Browns Zusammenarbeit mit JPEGMafia denkt, findet auf der Oberfläche wenige Gemeinsamkeiten. Der flackernde Irrsinn von "Scaring the hoes" steht der ruhigen Kontemplation von "Quaranta" meist diametral gegenüber.

Nirgendwo wird das deutlicher als in den letzten fünf Tracks, die wie eine umfassende, zusammenhängende Beichte daherkommen. "Down wit it" sinniert reumütig über eine gescheiterte Beziehung, woraufhin "Celibate" das Motiv einer grundsätzlichen Enthaltsamkeit bespielt, garniert von einer grandios-verschlungenen Strophe des gefeatureten MIKE. Der etwas schläfrige Chill-Beat von "Shakedown" und das Retro-Conscious-Gewand von Hanami, mit souligen Licks und Streichern hinter Browns konzentriertem Flow, wirken fast wie Antithesen zu früheren Brown-Releases und ihren Eskapaden. Spätestens das sentimentale "Bass jam", in dem Brown stellenweise nur über einer minimalistischen Basslinie zu hören ist, erkundet Räume der Vergangenheit so sanft, dass es auf seine Weise als radikaler Schlusspunkt des Albums gelten kann: "Play another song, let the music talk for us / Have us sheddin' tears so we talk through the chorus", wünscht sich der nüchterne, gelegentlich ernüchterte Brown und denkt ans Soul-Radio seiner Mutter zurück. Selten war er näher dran, selbst einen solchen Song zu schreiben.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Quaranta
  • Tantor
  • Jenn's terrific vacation (feat. Kassa Overall)
  • Bass jam

Tracklist

  1. Quaranta
  2. Tantor
  3. Ain't my concern
  4. Dark sword angel
  5. Y.B.P. (feat. Bruiser Wolf)
  6. Jenn's terrific vacation (feat. Kassa Overall)
  7. Down wit it
  8. Celibate (feat. MIKE)
  9. Shakedown
  10. Hanami
  11. Bass jam
Gesamtspielzeit: 34:15 min

Im Forum kommentieren

Unangemeldeter

2024-04-19 07:11:29

Ich hab leider ein Ticket für den 11. Mai (Heimathafen Neukölln) über - kann wegen Urlaub doch nicht zum Konzert. Jemand hier zufällig Interesse?

boneless

2024-02-05 21:05:29

Wurde in diesem Thread doch ausgiebig getan...

Unangemeldeter

2024-02-03 09:18:51

Warum sagt mir denn keiner dass das Album so gut ist? Hatte nach dem mäßigen Vorgänger und dem Scaring the Hoes-Wahnsinn irgendwie nie Lust da reinzuhören, merke aber grade dass ich da echt was verpasst hab. Sehr starkes Ding!
Und im Heimathafen bin ich aller Voraussicht nach auch.

boneless

2024-01-19 22:59:37

Karte im Sack, Vorfreude ist auch da. Mit 41 Euro weniger als ich vermutet hatte, günstig ist natürlich was anderes. Egal.

Gibt seit 2 Tagen ein schnuckeliges Video zum für mich besten Track des Albums: Y.B.P.

boneless

2024-01-16 17:53:54

Ich mag den Heimathafen sehr, auch wenn ich schon ewig nicht mehr dort war.

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