Marika Hackman - Big sigh

Chrysalis / Cargo
VÖ: 12.01.2024
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Kernschmelze

Es ist keine Selbstverständlichkeit, mit damals nicht einmal 30 Jahren künstlerisch schon so viel von sich preisgegeben zu haben wie Marika Hackman. Nachdem "We slept at last" die junge Britin als introvertierte Folkerin vorstellte, packte sie plötzlich die Grunge-Gitarren aus, nur um im Anschluss auf "Any human friend" mit synthverstärkten Pop-Hooks lesbische Lust zu feiern. Ihr viertes Album "Big sigh", dessen Titel sich nicht ohne Verbindungslinie zum quälenden Entstehungsprozess lesen lässt, bündelt nun alle von Hackmans Identitäten. Unter orchestraler Beihilfe pendelt sie zwischen Reduktion und Ausbruch und kehrt dabei ihr Innerstes nach außen, was angesichts ihrer lyrischen Vorliebe für Körperausscheidungen teils auch wörtlich zu verstehen ist. Um daher die von Kollege Müller für "I'm not your man" herausgestellten Leitthemen zu aktualisieren, vier Aspekte, die bei Marika Hackman im Jahr 2024 eine Rolle spielen: Eis, Blut, Embryos und Radiohead.

An der Platte mitgemischt hat nämlich Sam Petts-Davies, der unter anderem für Thom Yorke an den Reglern saß – und möglicherweise dazu beiträgt, dass sich die Eröffnungsminiatur "The ground" mit entmenschlichender Stimmverzerrung und wie Tränen tropfendem Piano irgendwo zwischen "Kid A" und "Daydreaming" platziert. "Make a herbal tea / Don't throw up / Remember how to breathe / Maybe try to fuck", instruiert sich Hackmans nun unentstellter Gesang in "No caffeine", setzt den von einer destruktiven Beziehung ausgelösten Panikattacken die irre mitreißende Wucht eines Schepper-Beats samt Streicher-Artillerie entgegen. Ob der Einkaufswagen auf dem gezeichneten Cover den Stress symbolisieren soll, den das aus einer "kreativen Dürreperiode" geborene Album verursacht hat, ist nicht bekannt. Was wir nach zwei Songs sicher wissen: dass das fertige Werk so flutscht, als hätte Hackman nie auf dem Trockenen gesessen.

Abgesehen von den Streichern und Bläsern hat die 31-Jährige jedes Instrument auf "Big sigh" selbst eingespielt – dass der über The-Cure-Gitarren seufzende Titeltrack in Refrain und Finale dennoch eine Power wie zehn Begleitbands entwickelt, überrascht weniger, als es sollte. Hackman ist ganz bei sich, beschützt zu Akustikakkorden und atmosphärischen Synths ihr "Blood" vor metaphorischen Vampiren und will in "Hanging" verhindern, dass das lyrische Du ihr Herz in einen steinernen Embryo verwandelt. Trotz des herausgeschrienen Dammbruchs am Ende des letztgenannten verkörpern beide Stücke ein auffallend zurückgenommenes Albumzentrum. Das fast vollelektronische "Vitamins" beendet diesen Akt mit einem Mini-Rave – der trotz Arpeggio übrigens nicht wie "The rip" klingt, lieber Promotext – und schockfrostet den musikalischen Fluss auf eine Weise, dass es ohne intensiven Schmelzprozess gar nicht weitergehen könnte.

Dieser Mission kommt "Slime" mehr als gewissenhaft nach, wenn es mit eindeutigen Zeilen à la "I want your head above mine" einen ordentlichen Schwall heißes Wasser einschüttet. Das ironisch betitelte "Please don't be so kind" brodelt vor einem durch Bläser-Einwirkung heilig aufgeladenen Zorn, während die Frustrierte eine erneut fleischlich-plastische Bildsprache findet: "So you cut me up / And the lines went red / I didn't want you then." Hackman vergleicht ihr kreatives Schaffen mit der Bearbeitung eines Eisblocks, bei dem man vorsichtig Schicht um Schicht weghackt, aber auch nicht zu zögerlich vorgehen darf, damit er nicht wieder einfriert. Spätestens, wenn "The yellow mile" vor einer minimalistischen melodischen Schönheit erstrahlt, die ein Sufjan Stevens nicht wundersamer aus den Saiten gestreichelt hätte, wird klar, dass die Eishauerin die Balance gefunden und den goldenen Kern in der Mitte des Klotzes freigelegt hat. "Show me the bones that we buried outside", fordert das mehrstimmige Schlussmantra, dabei hat Marika Hackman wieder einmal alles von sich ausgebuddelt.

(Marvin Tyczkowski)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • No caffeine
  • Big sigh
  • Please don't be so kind
  • The yellow mile

Tracklist

  1. The ground
  2. No caffeine
  3. Big sigh
  4. Blood
  5. Hanging
  6. The lonely house
  7. Vitamins
  8. Slime
  9. Please don't be so kind
  10. The yellow mile
Gesamtspielzeit: 35:47 min

Im Forum kommentieren

Kojiro

2024-02-12 20:24:04

Hatte heute "Slime" im Mix der Woche. War ziemlich gut. Album wird die Tage mal intensiver gehört...

Edrol

2024-01-25 20:52:20

Da geh ich mit. "Blood" ist mittlerweise auch mein Highlight. Insgesamt einfach ein traumhaft schönes Album.

Grizzly Adams

2024-01-25 19:11:51

Nachtrag: „Blood“ gehört sehr wahrscheinlich schon jetzt zu den besten/am häufigsten gehörten und liebsten Songs am Ende des Jahres. Mein Favorit auf dem Album unter sehr vielen richtig guten Stücken.

Grizzly Adams

2024-01-25 17:54:48

Stimme zu. Gefällt mir nach zwei Durchläufen auch sehr.

Affengitarre

2024-01-25 17:53:09

Jap, verdammt gut geworden.

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Threads im Forum