Panchiko - Failed at math(s)

Panchiko / Ditto
VÖ: 05.05.2023
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Zweiter Bildungsweg

Allein die Hintergrundgeschichte zu Panchiko ist originell genug, um ihr im Folgenden ausreichend Platz einzuräumen. Wer also keine Lust auf olle Künstlerbiografien hat, springe bitte jetzt zum dritten Absatz! Der Fünfer aus Nottingham war um die Jahrtausendwende herum im Teenageralter als Coverband aktiv, schrieb jedoch bald eigene Songs. Die Karriere endete allerdings, noch bevor sie wirklich begann – denn es kümmerte damals schlichtweg niemanden. Die einzige Demo namens "D>E>A>T>H>M>E>T>A>L" (sic!) wurde ebenfalls in dem Glauben aufgenommen, kein*e Einzige*r würde sie jemals zu Gehör bekommen. Die Mitglieder gingen schließlich getrennte Wege: Uni, Militärdienst, Ende der Geschichte. Panchiko waren nicht länger.

2016 entdeckte jemand eine Ausgabe der EP ausgerechnet in einem Oxfam-Wohltätigkeitsladen und teilte sie im Internet mit der 4chan-Community. Trotz der (Nicht-)Qualität der durch "Disc-Fäule" in Mitleidenschaft gezogenen Aufnahmen fand die Musik Anklang. Fortan verbreitete sich der Rip und eine immer größere Öffentlichkeit wurde auf die obskure Phantomband aufmerksam. Um die schrägen Stücke formte sich ein Kult, es folgten Verschwörungstheorien. Die ehemaligen Bandmitglieder bekamen absolut nichts davon mit. Reddit, einem Discord-Server namens Panchikord und dem Umstand, dass sich ältere Menschen bei Facebook ausfindig machen lassen, ist es zu verdanken, dass schließlich Ex-Sänger Owain Davies, mittlerweile 38, kontaktiert werden konnte. Zunächst irritiert, trieb dieser noch nicht völlig ruinierte Exemplare der EP auf, remasterte die alten Audio-Files und trommelte die über den Globus verstreuten Restmitglieder zusammen. Die Neuauflage von "D>E>A>T>H>M>E>T>A>L" inklusive unveröffentlichter Demos wurde zum Hit auf Bandcamp, die Band über Nacht zu Szene-Stars und zu neuem Leben erweckt. Ein Vierteljahrhundert nach Geburt ist mit "Failed at math(s)" nun das tatsächlich offizielle Debütalbum der reunierten Panchiko erschienen, das viele der alten Stücke neu arrangiert und ausformuliert.

Falls Ihr nicht schon beim Lesen ausgestiegen seid: Die Briten verquirlen Shoegaze, TripHop, Ambient und gefühlt zwölf andere Genres, bleiben als real existierender Act ebenso wenig greifbar, wie sie als Onlinephänomen waren. Die Band hat darüber hinaus einen gewissen Japan-Fetisch, ziert Plattencover mit Anime-Waifus, sampelt Videospiel-Sounds, hat allein ihren Namen dem falsch geschriebenen Begriff für japanische Mini-Glücksspielautomaten entnommen. Alles an Panchiko ist ein wahrgewordener feuchter Nerd-Traum. Aber einer, dessen Inhalt mit der Form mitzuhalten weiß: Ob "Until I know" mit dem irgendwie logischsten Gitarrenriff aller Zeiten und verschrobenem, Glam-artigen Indie-Charme, ob die gazy Britpop-Hymne "Gwen Everest" oder der Chiptune-Dreampop des Titeltracks – hier machen kluge Köpfe Herzmusik.

An Kompositionen wie dem atmosphärischen TripHopper "Portraits" zeigt sich die Vorliebe der Band für Dekonstruktion – ohne eine gewisse Glitch-Kante, die ja eher zufällig zum Markenzeichen wurde, ist Panchikos Musik kaum denkbar. Trotzdem sorgt gerade Davies' alterslose Stimme für den nötigen Schönklang, schmiegt sich an, will nicht mehr weg. Im jazzigen "Breakfast séance" braucht es sie trotzdem nicht. Spätestens wenn das Crescendo des Lo-Fi-Midi-Epos "Rocking with Keith" verklungen ist, weiß man, dass man hier in kompakten 26 Minuten etwas Einzigartiges erlebt hat – etwa so, als hätte Parannoul sich auf seine Stärken konzentriert und die Erlösung in Reduktion gefunden. Und so krude die Panchiko-Story auch anmuten mag: Spräche die Musik nicht für sich, bliebe all das uninteressant, egal, wie gut es erzählt wird. Internet, you did your thing!

(Ralf Hoff)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Failed at math(s)
  • Until I know
  • Gwen Everest

Tracklist

  1. Failed at math(s)
  2. Portraits
  3. Until I know
  4. Breakfast séance
  5. Find it (A song)
  6. Gwen Everest
  7. Think that's too wise
  8. Rocking with Keith
Gesamtspielzeit: 26:00 min

Im Forum kommentieren

Armin

2024-01-04 21:44:31- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

"Vergessene Perle 2023".

Meinungen?

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Threads im Forum