Kara Jackson - Why does the Earth give us people to love?

September / Membran
VÖ: 14.04.2023
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Hurts so good

Ein Mysterium zu bleiben, ist in der heutigen Zeit deutlich schwerer als früher. Kara Jackson ist zwar auf den üblichen Social-Media-Kanälen unterwegs, ihr Privatleben ist jedoch gut genug abgeschirmt, dass beispielsweise außer dem Jahr 1999 nicht mal ihr genaues Geburtsdatum bekannt ist. Auch die Musik der Singer-Songwriterin aus Chicago trägt zu dieser Aura bei – obwohl sie mit ihren Gefühlen weniger hinterm Berg hält. "Why does the Earth give us people to love?" ist erst ihr Debütalbum, auch wenn sie bereits 2019 die EP "A song for every chamber of the heart" herausbrachte und im selben Jahr den Titel "US National Youth Poet Laureate" verliehen bekam – für Verdienste im Bereich Poesie und Spoken Word. Im wundervoll betitelten "Dickhead blues" sagt sie es ja bereits selbst: "I'm not as worthless as I once thought / I am pretty top notch." Warum Jackson auf die Idee kommen könnte, wertlos zu sein, dafür gibt "Why does the Earth give us people to love?" keinerlei Indizien.

Jacksons Musik lebt vom Kontrast zwischen dem direkten, ja in Teilen sogar konfrontativen Vortrag in den reduzierten Momenten und wundervoll verzierten Höhepunkten, die mit Percussion, Streichern und Bläsern nicht geizen. Ihre Stimme trägt den klassischen Bob-Dylan-Ansatz: Sie ist womöglich keine "gute" Sängerin im technischen Sinne, aber ihr tiefes Timbre und ihre ureigene Stoik verleihen den Songs ungemein viel Charakter. Wenn sie den Quasi-Opener "No fun / Party" zu akustischem Strumming mit klarem Fokus auf ihren Vocals beginnt, schneidet das ein und man hört ihr zu. Und bekommt dadurch ihre eindrucksvollen Verse auf den Weg mit: "I think I'm taken for granted / Every person that I've dated / Tells me I'm intimidating / Like a snake that's preying." Gerade dieser Song bleibt stets wandlungsfähig, setzt sich über mehrere Taktmaße fort und tröstet im LoFi-Outro noch fix: "Don't be sorry for missing the party / 'Cause somebody's party is missing you, too."

Ein relativ, straighter und zugleich herrlich melodiöser Song wie "Pawnshop" ist eher die Ausnahme auf "Why does the Earth give us people to love?". Entweder schiebt Jackson eine kurze Bissigkeit wie die 78 Sekunden von "Therapy" ein oder lässt Songs wie "Free" und "Rat" viel Raum, sich über mehrere Minuten einzuschleifen, bevor sie ihre Klimax finden oder weitere Haken schlagen. Ersterer hält sich mit "Lily" sogar noch eine eigene Coda an der Leine. "When you're good and free / Don't you bother me / When I've cleaned my sheets / Don't come calling to see me" – Jackson kann sehr zynisch und bitter sein, was jedoch nur eine Facette auf ihrem ersten Werk ist. Sie reicht dennoch auch die Hand zur Versöhnung oder zur Hilfe, anderswo sehnt sie sich selbst nach einer Schulter zum Anlehnen. Das Album wie auch sein Titeltrack ist vom Tod ihrer Freundin Maya-Gabrielle Gary geprägt, die 2016 mit nur 18 Jahren an Krebs starb.

Genau der Song dient deshalb auch als emotionales Zentrum. "Why does the Earth give us people to love / Then give them a sickness that kills?", fragt Jackson unverblümt und roh mit dem Herz auf der Zunge. Brutale Ehrlichkeit statt Melodramatik. "We're only waiting our turn / Call that living." Und doch findet der Track die Sonne hinter den Wolken, schwingt sich am Ende auf, auch wenn Jackson weiß, dass sie immer diejenige mit dem Finger in der Wunde sein wird: "If we can ever sing again / You sing those high notes, my friend / I'll sing those low notes in the end." Trotz der emotionalen Reinigung trägt "Why does the Earth give us people to love?" nur sehr gut dosiert dicker auf, hier und da lässt Jackson sogar mal die Zügel locker. So im rumpeligen Intro "Recognized", dass kurz vor Schluss nur mit der lakonischen Zeile "Lotta people gonna die" wiederholt wird. Am Ende kann man ja doch nur mit den Schultern zucken. Und sich daran freuen, dass diese Platte wie das Leben ist: Sie tut weh, aber man weiß, dass man noch jede Menge fühlt.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • No fun / Party
  • Pawnshop
  • Why does the Earth give us people to love?

Tracklist

  1. Recognized
  2. No fun / Party
  3. Dickhead blues
  4. Therapy
  5. Pawnshop
  6. Brain
  7. Free
  8. Lily
  9. Rat
  10. Why does the Earth give us people to love?
  11. Curtains
  12. Recognize reprise
  13. Liquor
Gesamtspielzeit: 52:07 min

Im Forum kommentieren

Mr Oh so

2024-02-21 16:27:37

Okay, okay, ich geb zu, da hab ich mich von Stereotypen aufs Glatteis führen lassen. Hab das Album in massig Jahresendwertungen gesehen. Schwarze Künstlerin? Muss Hip Hop oder R'n'B sein, dachte ich, also nix für mich. Naja, besser spät als nie. Tolles Album.

Obrac

2024-01-05 08:26:59

Die Bewertung ist natürlich ein Schlag ins Gesicht für mich und meine Familie. Im Jahrespoll taucht sie natürlich auch nirgendwo auf.

Armin

2024-01-04 21:43:35- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

"Vergessene Perle 2023".

Meinungen?


AliBlaBla

2023-12-08 10:59:50

@Z4
Enkel...?

Jaja, ..deine Mudder!

Z4

2023-12-08 10:58:42

AdJ-Kandidat in vielen Magazinen und hier einfach ignoriert. Bekommen die Redakteure gerade alle Enkel oder was ist dieses Jahr hier los?

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