Everyone Asked About You - Paper airplanes, paper hearts

Numero Group
VÖ: 08.09.2023
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Zucker und Salz

Ob auseinandergegangene Freundschaften oder verflossene Romanzen – manchmal wird einem erst im Nachhinein bewusst, was man Wichtiges verloren hat. Everyone Asked About You, deren Name allein schon so unfassbar viel Trauer transportiert, dass die Emo-Polizei anrücken muss, waren ein Midwest-Quintett aus Little Rock in Arkansas, das sich schon wieder aufgelöst hatte, bevor die künftigen Mitglieder von Evanescence sich im selben Kaff überhaupt über den Weg gelaufen waren. Ende der Neunziger war das, in einer anderen Welt. Die Band überlebte nicht lange, ein gewisser Kult-Status etablierte sich dank Genre-Blogs und (Online-)Fanzines erst später – siehe einleitendes Fazit. "Paper airplanes, paper hearts" ist eine Compilation des gesamten Schaffens der Band, bestehend aus der einzigen LP "Let's be enemies" (Track 9 bis 19) und, O-Ton, "zweieinhalb" EPs, eine Split-Single miteingerechnet. Wie auch immer: Selbst ohne die Zeitmaschine anwerfen zu müssen, haben wir es bei den remasterten Aufnahmen schlichtweg mit umwerfender Musik zu tun. Nennt es "Cuddlecore", nennt es Twee Pop, nennt es, wie Ihr wollt. Es geht direkt ans Herz.

Das Markenzeichen schlechthin von Everyone Asked About You sind die lieblichen Vocals von Hannah Vogan, die über den rauen, meist dezent unordentlichen Instrumentalspuren thronen wie ein Häubchen aus reinster Schlagsahne und von Chef-Songwriter Chris Sheppard mürrische Rückendeckung bekommen. Oft wechseln sich die beiden kollegial am Gesang ab. Das herzzerreißende Lamento "There's an ache in my heart, I can feel it!" aus der Debüt-Single "Paper airplanes, paper hearts" stellt die Weichen für die kommende gute Stunde, der Song dient nicht grundlos als namensgebender Wegweiser und Überschrift für das gesamte Œuvre der Band. Everyone Asked About You bleiben so melancholisch wie möglich, aber so zurückhaltend wie nötig, driften nie in bodenlose Trauer ab, sondern verleihen bloß vehement ihrer Sehnsucht Ausdruck, und das gern gebrüllt. Nun lieb mich endlich, verdammt! Die Single-Phase kulminiert im Sechsminüter "Handsome, beautiful", mixt Mike-Kinsella-Riff, giftige Zwiegespräche zwischen Vogan und Sheppard sowie wohldosiertes Chaos zu einem kleinen, fulminanten Emo-Epos.

Das Album "Let's be enemies", ursprünglich erst lang nach der aktiven Phase der Band im Jahr 2012 veröffentlicht, kommt insgesamt mathiger und ungestümer daher als das weitestgehend gemütliche Frühwerk. Hier hat die Band hörbar ihren Groove gefunden und den zweistimmigen Gesang noch weiter ins Zentrum der Songs gerückt. In "Song for Chris" ergänzen sich die Bubblegum- und Punk-/Hardcore-Einflüsse passgenau, aber schon das darauffolgende "Letters never sent" beweist, dass auch Sheppard seine sanfte Seite zum Vorschein zu bringen vermochte. "Taxi" kondensiert sämtliche Stärken der Band, kleidet Boy-meets-Girl-Trouble und auf den ersten Blick belanglose, dann aber doch von tiefstem Weltschmerz durchzogene Alltagsbeobachtungen in aufbrausenden, epochalen Schrammel-Pop. Kleinere Kuriositäten wie der Titeltrack "Let's be enemies" mit seinem einsamen Lick und verfremdeten Vocals, die in der Ferne vorbeirauschen, sind ebenso versteckt.

"Paper airplanes, paper hearts" ist gewiss Zeitdokument und ein Relikt längst vergangener Tage, was sich vor allem an der zwar aufgehübschten, aber immer noch sehr ursprünglichen belassenen Produktion zeigt. Aber es ist auch ein Gefühl. Und zwar jenes, das man gemeinhin unter "bittersüß" versteht. Ob die besungenen (Wunsch-)Partner*innen von vor beinahe dreißig Jahren seitdem irgendwo zusammengefunden haben? Oder entdecken sie heute erst dieses Re-Release und erinnern sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge an früher zurück? Mögliche zweite Chancen zur Kontaktaufnahme scheinen gegeben, schließlich haben sich alle nach Deinem Verbleib erkundigt: Zwischen 1997 und 2000 sind Everyone Asked About You "in Kellern und Wohnzimmern" aufgetreten, pünktlich zum Erscheinen der Platte wurden in den Staaten vereinzelt ausgewachsene Shows gespielt. Manchmal will gut Ding eben Weile haben! "Your touch warmed me like a favorite sweater" heißt es zufrieden in "A better way to a broken heart". Diese Platte kann das Gleiche für sich beanspruchen.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Paper airplanes, paper hearts
  • It's days like this that make me wish the summer would last forever
  • Handsome, beautiful
  • Song for Chris
  • Taxi
  • Solitaire

Tracklist

  • CD 1
    1. Paper airplanes, paper hearts
    2. Me vs. you
    3. It's days like this that make me wish the summer would last forever
    4. Everyone asked about you
    5. A better way to a broken heart
    6. I will wait
    7. Sometimes memory fails me sometimes
    8. Handsome, beautiful
  • CD 2
    1. Crazy
    2. Boston
    3. Song for Chris
    4. Letters never sent
    5. Taxi
    6. Last dance
    7. Let's be enemies
    8. Solitaire
    9. Across puddles
    10. Greek to me
    11. Outro
Gesamtspielzeit: 59:43 min

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Armin

2023-12-21 20:05:32- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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