Johnny Marr - Spirit power: The best of Johnny Marr

New Voodoo / BMG / Warner
VÖ: 03.11.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Ein Werk wie ein Eisberg

Es gibt wenige Musiker, auf die das Attribut "Legende" passt, im Falle Johnny Marrs ist es aber absolut angebracht. Schließlich waren The Smiths nicht nur die Backing-Band, über die Morrissey drübergesungen hat – ihr tragisch schöner Sound speiste sich in den Achtzigern zu einem großen Teil aus den Riffs dieses Mannes. Das macht Marr zu einem der größten Gitarristen unserer Zeit, wobei sein Spiel nie aus Solofrickeleien und herausgestellter Männlichkeit bestand. Marr war schon immer ein Mann der leisen Töne, des melancholischen Pickings, zu dem eine ganze Generation geträumt hat. Selbst Farin Urlaub sang einst, immer wenn er traurig war, hätte er die Smiths gehört. Seit einigen Jahren ist nun zu beobachten, dass Morrissey zu einem grantelnden, alten Indierocker mit zweifelhaften Ansichten mutiert ist. Dagegen ist Johnny Marr ganz hervorragend gealtert, nämlich nicht rückwärtsgewandt, sondern immer weiter nach vorn. Nicht nur hat er Bands und Musikerkollegen nach ihm unter die Arme gegriffen, als diese Unterstützung brauchten. Wer Spaß daran hat, kann einmal die Geschichte recherchieren, wie Johnny Marr einst Noel Gallagher eine Gibson Les Paul lieh, weil dieser seine auf der Bühne kaputtgekloppt hatte. Marr hat auch eine ganze Reihe Soloalben veröffentlicht, die nie die gleiche Aufmerksamkeit bekommen haben wie diejenigen seines Ex-Bandkollegen – völlig zu Unrecht.

Die vorliegende Compilation umfasst nun die vier Platten seit 2013, beginnend mit "The messenger" über das grandiose "Playland" und "Call the comet" bis hin zur 2022 erschienenen EP-Sammlung "Fever dreams pts 1-4". Die Songauswahl ist solide und gibt einen Einblick in diese Schaffensperiode. Auffällig wird bei dieser Zusammenstellung erstmals die Konstanz, mit der Marr seit Jahren abliefert. Beim Durchhören ist nicht zu sagen, ob ein Song gerade frisch ist oder bereits zehn Jahre auf dem Buckel hat – sein Werk wirkt wie aus einem Guss, hier probiert niemand mehr aus, hier weiß jemand ganz genau, wie er klingen will. Auch den bewährten Trick, ein paar exklusive Songs unterzumischen, um den Kaufanreiz zu erhöhen, versäumt Marr nicht, auch wenn er mit den beiden neuen Stücken "Somewhere" und "The answer" nicht die besten Pferde ins Rennen geschickt hat. Viel spannender sind die Zugaben in Form von drei Demoversionen, die einen Einblick in Marrs Arbeitsweise gewähren. Hier wird klar: Der markante Gitarrensound kommt nicht aus Effekten und Verstärkern, sondern aus den Fingern – eben zu Recht eine Legende. Daneben schafft es auch erstmals die Spoken-Word-Kooperation "The priest" mit Schauspielerin Maxine Peak auf einen Tonträger.

Schaut man jetzt noch einmal auf das Cover, bleibt jedoch die Frage: Ein "Best of Johnny Marr" ist das nicht, der Mann war doch viel umtriebiger? Wo sind die Aufnahmen mit Modest Mouse, die zum Besten gehören, was Marr jemals aufgenommen hat? Wo sind die weitreichenden Kooperationen, wie beispielsweise die James-Bond-Hymne "No time to die" mit Billie Eilish, die immerhin einen Golden Globe als bester Filmsong bekam? Und neben diesem Kracher hat Marr sich in den letzten Jahren außerdem ein zweites Standbein geschaffen, indem er immer wieder in den Kompositionen von Blockbuster-Vertoner Hans Zimmer die Gitarre übernommen hat – etwa zu "Spiderman 2" oder "Freeheld". Ein Song wie "On the chase" hätte auch mal eine andere Seite gezeigt, mit der sich Marr tatsächlich am Blues abarbeitet. Oder wie wäre es mit der Coverversion von The Lovin' Spoonfuls "Summer in the city" mit The Thes Matt Johnson gewesen, bei dem Marr Slidegitarre spielt und dem Song so eine unglaubliche Leichtigkeit einhaucht? Vielleicht hätte diese Bandbreite jedoch das Best-Of-Format gesprengt und viele Hörer*innen ratlos zurückgelassen. So bleibt diese Compilation ein sehr guter Einstieg in das reine Solowerk von Johnny Marr, bei dem er auch am Mikro steht. Dass er als Gitarrist auch der halben Welt seinen Sound verpasst hat, bleibt allerdings verborgen wie der Großteil eines Eisbergs.

(Stephan Dublasky)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Easy money
  • Spirit power and soul
  • Somewhere
  • Hi hello (demo)

Tracklist

  • CD 1
    1. Armatopia
    2. New town velocity
    3. Easy money
    4. Spirit power and soul
    5. Hi hello
    6. Somewhere
    7. European me
    8. The messenger
    9. I feel you
    10. The answer
    11. Dynamo
    12. Spiral cities
    13. The priest
  • CD 2
    1. Night and day
    2. Sensory street
    3. Walk into the sea
    4. Upstarts
    5. Candidate
    6. Tenement time
    7. Hi hello (demo)
    8. Somewhere (demo)
    9. The answer (crazy face version)
    10. The messenger (demo)
    11. Speak out reach out (crazy face version)
Gesamtspielzeit: 107:40 min

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TOMTHEOMAN

2023-12-01 09:03:52

Mega

Armin

2023-11-30 22:38:39- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Im Rahmen von "Weihnachtsspecial, Teil 1: Best Ofs und Weihnachtsalben".

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