Hello Pity - Naked

Duchess Box / Bertus
VÖ: 13.10.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Bis es was Dunkleres gibt

Aus den finstersten Ecken der Hauptstadt schälen sich träge düstere Silhouetten hervor, und zwar so, wie Gott sie schuf. Ihr Name: Hello Pity. Ihr Auftrag: das nächste große Ding werden. Von Smoothie-besudeltem, vom Thrift-Shop eingekleideten und unironisch Schnauzer-tragenden Hipstertum will die Berliner Newcomer-Band nichts wissen, obwohl sie tatsächlich auch ein bisschen danach aussieht. Das Quartett konzentriert sich stattdessen auf die Abgründe hinter der schillernden Fassade – in die es definitiv ein wenig zu lange geschaut hat und die sich nun mit intensivem Zurückstarren revanchieren. Hello Pitys krachende Post-Punk-Version ist nämlich bestenfalls melancholisch, meistens jedoch regelrecht verzweifelt und kaputt. Drin steckt eine gehörige Portion The Cure, allerdings mit einer Groove-Kante, die sich gewaschen hat: Schon die Single "An idea of guilt" – pardon – rockt wie Sau und will mit ihrem eindringlichen, Slogan-artigen "Go face your problems!"-Appell nicht wieder aus dem Kopf. Club-Hit, keine Frage. Aber Anspruch und Ambition enden auf dem Debütalbum "Naked" nicht im Darkwave-Schuppen. Hello Pity wollen mehr.

Der Quasi-Titeltrack "Naked in a field" zum Beispiel zollt mutmaßlich poppigeren Sonic Youth Tribut, natürlich nicht ohne den Song auf gepflegte sechseinhalb Minuten aufzubauschen und dabei wilde Noise-Walzen gegeneinander antreten zu lassen. Das tendenziell verunglückte Falsett mittendrin ist höchstwahrscheinlich auch kein Versehen, sondern trägt zum – nun ja – Kunst-Charakter des Stückes bei. Das grandiose "Palingenesis", dessen Intro wie einer der depressiveren Heisskalt-Tracks anmutet, reiht sich ein in die Riege dieser üppigen Krachmonster, die mit mundgerechten Häppchen so gar nichts am Hut haben möchten: "I'm gonna lose my breath / I'm gonna lose my friends / So long to you, babe / So long to me" – eine Hymne auf den Abschieds- oder Trennungsschmerz. Der Dreieinhalbminüter "Winter swelter" mit seiner flirrenden Leadgitarre kommt im Gegensatz beinahe unaufdringlich auf den Punkt. Auch "C'est l'amour", das die tanzbare Seite des Achtziger-Sound-Cocktails nach außen kehrt, lässt sich entgegen aller Düsternis auf die eher lockere Hälfte von "Naked" einordnen.

Hello Pity umarmen die nächtliche Schwere ihres Milieus, jonglieren mit Kafka- oder Camus-Zitaten und wählen viele Wege, nur nicht den des geringsten Widerstands. "Happiness" wildert gar zaghaft in No-Wave-Gefilden. Auch der Closer "Eros" hat Lust auf Verrenkungen und springt munter durch mehrere Parts und Tempi, bis die Amps in Rauch aufgehen. Der straighte Punk-Spirit von "Ms. 45", das nach einem Exploitation-Film von Abel Ferrera aus den – Überraschung! – Achtzigern benannt wurde, ist dagegen schon unverschämt simpel ausgefallen, dient aber als willkommene Erfrischung, bevor Nacht und Nebel zu erdrückend werden. "Naked" ist ein bisweilen unbequemes, in seiner Konsequenz und Zielstrebigkeit aber äußerst gelungenes Debüt, das gleichzeitig gängige Rock-Mechanismen bedient und verschmitzt in Richtung Kunstfertigkeit schielt. Gerade für die festgefahrene deutsche Indie-Szene und ihre Heerscharen von Sonnenanbeter*innen mehr als aufregend.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • An idea of guilt
  • Winter swelter
  • Palingenesis

Tracklist

  1. An idea of guilt
  2. Winter swelter
  3. John
  4. Naked in a field
  5. C'est l'amour
  6. Palingenesis
  7. Happiness
  8. Weep/sleep
  9. Ms. 45
  10. Eros
Gesamtspielzeit: 46:08 min

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der andere

2023-10-30 19:37:23

Gefällt. Sehr gut sogar!
Werde zwar das Gefühl nicht los, das so oder so ähnlich irgendwo irgendwie schon einmal gehört zu haben (und ist auch gar nicht so schwer, darauf zu kommen, wo), aber schöne dichte Atmosphäre für dunkle verregnete Novembertage. Läuft dementsprechend auch in den letzten Oktobertagen schon in Heavy Rotation bei mir.

Armin

2023-10-25 21:58:33- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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