Drake - For all the dogs

OVO / Republic / Universal
VÖ: 06.10.2023
Unsere Bewertung: 5/10
5/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
3/10

Der beißt nicht

Wer kennt noch die Zeit, als neue Drake-Platten sich besonders anfühlten? "For all the dogs" ist wieder mal nicht unbedingt schlecht, doch das achte Solo-Album des Kanadiers hebt sich von den zuletzt mäßigen Veröffentlichungen kaum ab. Vielleicht hat sich bei Aubrey Graham eine "too good to fail"-Denke eingenistet, die ihn berechtigte Einwände oder Zweifel ignorieren lässt. Wie sonst kann man offensichtliche Schwachpunkte seiner Kunst so konsequent und nun schon einige Jahre lang übersehen? Es bleibt thematisch sehr kontrastarm, wir erhalten kaum mehr als das Übliche – und das erneut in Überlänge. Es geht um Grahams Reichtum oder Erfolge, sein quasi auserzähltes Liebesleben und wie schrecklich missverstanden er doch immer noch ist. Der neue Drake weiß aber zu gut, dass seine Standards beim Produktionsniveau sowie die erlesene Auswahl von Features und Instrumentals jedes noch so einfallslose Release retten. Er kann quasi machen, was er will, Erfolg kommt so oder so. Darum ist der Albumtitel mutwillig an uns Nörgler gerichtet, denn für ihn sind wir nur noch Hunde und Musikkritik nicht mehr als Gebelle. So kündigte er diese Platte im Sommer 2023 per QR-Code auf dem Cover der New York Post an, der Scan führte zu einem Bild mit zwei süßen Welpen und einem knappen Statement: "I made an album to go with the book... They say they miss the old Drake, girl don't tempt me. For all the dogs." Die viel zu selbstbewusste Anspielung auf "Headlines" vom Album "Take care" wirkt dabei fast wahnwitzig, die guten Zeiten sind vorbei, leider.

Zugegeben, Tracks wie "Away from home" klingen schon noch super und gehen immerhin als witzig durch. Hier ist Drakes Nostalgie mal so richtig greifbar, die Bezüge zu alten Rap-Shows wie "The basement" oder dem Weg vom heutigen Routinier Tristan Thompson in die NBA, das alles fühlt sich real an. Und man kann auch schon mal schmunzeln, wenn Drizzy sich mit "The matrix" vergleicht, weil er drei verschiedene Typen namens Jason kennt. Am dezenten Lil-Yachty-Type-Beat im Hintergrund war eben jener Lil Yachty mitbeteiligt, der diesem Album musikalisch einiges gibt – "Another late night" wäre ohne Vocals sogar noch besser –, manches aber auch einfach versaut. So ist "What would Pluto do" eine Katastrophe, deren Beat regelrecht nervt, während die Flow-Struktur einschläfert und im Text eine der für den Künstler wichtigsten Fragen der Menschheit erörtert wird, nämlich wie man vergebene Frauen rumkriegt. Wer ist hier nochmal der Hund, Herr Graham? Eine, bei der das offensichtlich nicht so klappte, ist die inzwischen mit A$AP Rocky verheiratete Rihanna. In der Einleitung zu "Fear of heights" wird es nicht mehr nur unsympathisch, sondern ernsthaft erbärmlich, wenn Drake auf bockigen Ex-Freund macht und gekränkt in ihre Richtung nachtritt. Der Song selbst ist dabei so langweilig, dass die geschmacklosen Lines alles sind, was davon im Kopf bleibt. Anscheinend ist das Frauenbild des Kanadiers seit den enttäuschenden Alben "Certified lover boy" und (trotz Kollabo mit 21 Savage) "Her loss" noch tiefer gefallen als die Toronto Raptors seit ihrer Meisterschaft 2019.

Es klingt hier einfach zu viel unfreiwillig traurig, eben keine schöne Traurigkeit, wie sie mal Drakes Markenzeichen war. Nein, es ist eher traurig für uns als Hörerschaft mitzuerleben, wie einem Weltstar Kreativität, Schaffensfreude und besonders die Würde mit jedem Album etwas mehr abhanden kommen. Bei "Drew a Picasso" bleibt es lange richtig öde, ehe der bis dahin ereignislose Beat plötzlich schneller wird und Graham erst in der vierten Strophe mal mit gelungenen Wortwitzen und durchdachteren Reimen anfängt. Das kann er alles schon noch, aber es füllt keine ganze Platte mehr. Dafür bekommen wir heutzutage Lead-Singles wie "Slime you out", eine übertrieben melodramatische Ansage an, na wen wohl, die Frauenwelt. SZA hat hier einen wirklich starken Gast-Part, der neben solchen Zeilen aber verschenkt wirkt: "You bitches really get carried away / Makin' mistakes, then you beg me to stay / Got me wiggin' on you like I'm Arrogant Tae / You got my mind in a terrible place / Whipped and chained you like American slaves." Dass es zumindest noch etwas stilvoller geht, beweist "7969 Santa", dessen Produktion von mächtigen Synths zum Klavier-Outro viel Gelungenes bietet, während Samples von Chief Keefs modernem Klassiker "I don't like" die Hook prima ergänzen. Zwar geht es hier auch um eine Ex, es gibt aber immerhin keine groben Ausfälle, am Ende des Songs spricht übrigens Snoop Dogg.

Auch Tracks wie der Opener "Virginia Beach", "IDGAF" mit dem talentierten Yeat oder "First person shooter" samt Feature von J. Cole sind durchweg ordentlicher Fan-Service. Mit dem Interlude "Screw the world" hat sich ein kleiner Schatz auf die Platte verirrt, es handelt sich um ein chopped-and-screwed Freestyle-Cover vom im Jahre 2000 verstorbenen DJ Screws, welcher wiederum "If I ruled the world (Imagine that)" von Nas & Lauryn Hill einst neuinterpretierte. Mit Drake selbst hat das freilich kaum zu tun, doch dass seine Alben mittlerweile zu unpersönlich wirken und wie Playlists klingen, dürfte wohl der nächste Kritikpunkt sein, für den er sich eher feiert als hinterfragt. Passend dazu erleben wir Drakes peinlichen Versuch, in "Gently" einen Latino-Akzent als interessante Note im Flow einzubauen, fand Feature-Gast Bad Bunny vielleicht unterhaltsam, musikalisch aber klingt es unangenehm – womit der nächste eigentlich gute Song ruiniert ist. Von all den mittelmäßigen Veröffentlichungen in jüngster Vergangenheit wirkt diese hier aber am meisten wie eine vergebene Chance. Das liebenswerteste an dieser Platte ist ihr Cover, ein von Drakes Sohn gekritzelter Hund.

(Maximilian Baran)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • 7969 Santa
  • Screw the world (Interlude)
  • Another late night (feat. Lil Yachty)
  • Away from home

Tracklist

  1. Virginia Beach
  2. Amen (feat. Teezo Touchdown)
  3. Calling for you (feat. 21 Savage)
  4. Fear of heights
  5. Daylight
  6. First person shooter (feat. J. Cole)
  7. IDGAF (feat. Yeat)
  8. 7969 Santa
  9. Slime you out (feat. SZA)
  10. Bahamas promises
  11. Tried our best
  12. Screw the world (Interlude)
  13. Drew a Picasso
  14. Members only (feat. PartyNextDoor)
  15. What would Pluto do
  16. All the parties (feat. Chief Keef)
  17. 8am in Charlotte
  18. BBL love (Interlude)
  19. Gently (feat. Bad Bunny)
  20. Rich baby daddy (feat. Sexyy Red & SZA)
  21. Another late night (feat. Lil Yachty)
  22. Away from home
  23. Polar opposites
Gesamtspielzeit: 84:24 min

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Armin

2023-10-25 21:57:54- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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