Yeule - Softscars

Ninja Tune / Rough Trade
VÖ: 22.09.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Körpersprache

Yeule will keine KI mehr sein. Nicht, dass Konzepte von digitalem Transhumanismus plötzlich keine bedeutende Rolle mehr spielen würden, der Titel als "Glitch princess" hält sich ja nicht von selbst. Doch war das Internet für Nat Ćmiel einst Zufluchtsort, der Trost in einsamen Zeiten spendete, findet der virtuell entfremdete Mensch nun wieder mit den Problemen seines Körpers und seiner Psyche zusammen. Das war bei Yeule, deren Moniker einem "Final fantasy"-Charakter entliehen ist, schon immer herauszuhören: Abseits von popkulturell verunstalteten KI-Dystopien und musikalischen Meme-Schleudern im Geiste von 100 Gecs war der Zugang der non-binären, singapurisch-britischen Person zu ihren Themenfeldern von Beginn an ein eigener, intimer. Das dritte Album "Softscars" bildet das nicht neugewonnene, aber erstarkte Fleischbewusstsein stilistisch ab, indem es statt der typischen Hyperpop-Schaltkreise fester greifbare Genres hantiert.

"God created man, motherboard, wires and / Blood, bones, flesh, breathing, suicide engineering", urknallt es gleich im Opener "X w x". Yeule schreit sich die Seele aus dem verdrahteten Leib, während Shoegaze-Gitarren jaulen und liebliche Streicher das Krachgewitter auffangen. Die Platte schraubt das Energielevel im Anschluss runter – in die andere Richtung ist auch nicht mehr viel Luft –, behält aber die im alternativen Pop-Rock der Neunziger- und Nullerjahre fußende Ästhetik bei. "Sulky baby" schließt mit seiner emotionalen Leere Frieden in Form eines im Midtempo chillenden Dreampop-Wunders, das auch auf Hatchies Meisterstück "Giving the world away" nicht untergegangen wäre. Das nicht minder famose Titelstück landet trotz eines harscheren TripHop-Beats genauso in der Synthpop-Brillanz, und auch Yeules Vocal-Performance kann den Ansprüchen einer neuen Genre-Ikone gerecht werden. In "4ui12" wollen die Saiten wieder sägen, doch der melodische Singsang lässt sie nur da spielen, wo das Motherboard sie noch sehen kann.

Dafür dürfen sie sich in der Grunge-Ballade "Dazies" etwas ausgiebiger im Noise-Schlamm wälzen, was zu deren brutalen Metaphern passt: "Violently biting off the flesh / Of your own, of your own body." Die Musik von "Softscars" mag oft einlullend sein, die Bildsprache liefert eher Inspiration für den nächsten Alptraum. "Bloodbunny" verpackt obsessive Liebesbekundungen und posttraumatische Belastungsstörungen in einen unheimlichen Kinderreim: "I love you forever, forever, forever / Trauma, blue car / Drink your nectar / Bite into you / You bite me, too." In "Software update" geht's wieder über die Körpergrenzen hinaus: "When I leave my flesh, you can download my mind / And pick out the pretty parts for you." Wenn der zuvor zärtliche Song die Verstärker anschmeißt und in einem unironischen Kerzenmeer samt "I love you baby"-Mantra schwelgt, ist das einer dieser Momente, in denen der Mensch auch ohne Cyber-Metamorphose Transzendenz erreicht. Und plötzlich ergibt auch ein kontemplatives Piano-Instrumental wie "Fish in the pool" Sinn.

"Ghosts" fährt eine ebenso raumfüllende Klimax auf, unter der erneut Verstörendes wartet: "If you held a gun to my head / I'll laugh instead." "Inferno" setzt die Skulptur aus erstarrter Schönheit zur Ausnahme an den Anfang, ehe ein Ambient-House-Beat nach vorne drückt und der verchromte Emo-Pop-Rock von "Cyber meat" das Momentum leicht verspätet aufgreift. Wie Strom fließt Yeule durch stilistische Strömungen und wechselnde bpm-Zahlen, vereinzelte Glitches stören das nostalgische Grundrauschen nie. Einzig der in seiner Laut-Leise-Dynamik zu diesem Zeitpunkt schon etwas ausgeblutete Closer "Aphex Twin flame" offenbart wenig mehr Substanz als sein Wortspiel im Titel. Ohne ein bisschen Getrolle geht's selbst in Yeules völlig unvirtueller Körperwelt nicht.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Sulky baby
  • Softscars
  • Dazies

Tracklist

  1. X w x
  2. Sulky baby
  3. Softscars
  4. 4ui12
  5. Ghosts
  6. Dazies
  7. Fish in the pool
  8. Software update
  9. Inferno
  10. Bloodbunny
  11. Cyber meat
  12. Aphex Twin flame
Gesamtspielzeit: 40:06 min

Im Forum kommentieren

Ralph mit F

2023-12-21 11:05:21

Wurde soeben fürs Maifeld Derby bestätigt <3

Ralph mit F

2023-10-13 18:32:29

Starke Platte. Empfinde diesen Pop-Rock-Ansatz schon fast als radikale Änderung gegenüber dem Vorgänger. Ist alles wesentlich flotter und handlicher geworden.
Dass in den Staaten Sasami den Support macht, ist total logisch und supercool :)

Arne L.

2023-10-12 11:16:25

Liebe das Album und bin da locker bei 8,5 und auch beim Konzert in Berlin. "Dazies" ist für mich das absolute Highlight.

Armin

2023-10-11 22:08:13- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

tjsifi

2023-10-10 16:58:10

Über Pitchfork drüber gestolpert, strange aber alles andere als schlecht was sie da machen. Umhauen tuts mich aber nicht.

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