The Drums - Jonny

Anti / Indigo
VÖ: 13.10.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Nackt im Rückspiegel

Musik ist immer auch Gesamtkunst. Lauscht man den Tönen, Melodien, Harmonien mehr nebenbei, ohne auf Themen und Texte zu achten, ist das durchaus legitim. Im Falle von "Jonny", dem fünften Album von The Drums, aber durchaus fatal. Denn der zwar immer auch leicht melancholische, aber genauso zuckersüß und fluffig daherkommende Indie-Surfpop von Jonny Pierce, der längst einziges Bandmitglied ist, steht den ernsten Themen des Albums manchmal diametral entgegen. Der Prozess der Pierceschen Selbstfindung war mit "Abysmal thoughts" nicht abgeschlossen, nein, bei weitem nicht. Die Suche nach dem Selbst, nach dem Ursprung für psychische Auffälligkeiten, Beziehungsängste und in Schleifen immer wiederkehrende Probleme endete für Pierce – wie für viele von uns – in der frühen Kindheit.

"She didn't teach me love / She didn't teach me trust", meißelt Pierce in "Harms" Lyrics an die Wand, eine Art Songskizze, die dennoch unter die Haut geht. Er meint seine Mutter, jedoch analysiert er, meint diese Zeilen nicht vorwurfsvoll. Denn in den Tagen seiner Geburt litt seine Mutter bereits so sehr, sodass der Säugling Jonny von ihr getrennt werden musste. "Isolette", dieser knackig-tanzbare Indie-Hit, wie sie Pierce reihenweise aus dem Ärmel schüttelt, erzählt davon. Diese körperliche und emotionale Trennung von seinen Eltern setzte sich in seiner Kindheit fort. Gewalt-Exzesse in der Kernfamilie, nur wenig Zuneigung oder emotionaler Halt. "It feels like I never left the isolette", stellt der US-Amerikaner schonungslos fest. Früh lernte Pierce, Dinge allein zu regeln. "Better" bringt die Folgen für das Privatleben auf den Punkt: Bindungsangst. "My darling, how I love you! / But my solitude loves me better than you do."

Bewegend auch das Cover von "Jonny". Es zeigt Pierce selbst, im Jahr 2014, splitternackt in den verwaisten Zimmern seines Elternhauses. Beim Versuch, diese Räume, in denen er mit Ablehnung und in ständiger Unsicherheit leben lernen musste, neu und vor allem selbstbestimmt zu erkunden. "Jonny" ist ein ausgeklügeltes Indie-Album auf der Basis von Gitarren, Synths, Streichern und Stimme, das tolle Stücke wie "I want it all", "The flowers" und "Plastic envelope" trotz der dunklen, dem Verborgenen und Verdrängten entrissenen Themen, strahlen lässt. Eine Platte, die von der Singer-Songwriter-Aura lebt. Viel mehr aber noch ein berührendes autobiografisches Zeugnis der schonungslosen Selbstfindung. Grund genug, den Künstler selbst konkludieren zu lassen.

We all are suffering inside. It’s depressing, wearing the armor, not really knowing people, not really being known, not being given the chance to help, or giving yourself the chance to be helped.

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Isolette
  • Better
  • Plastic envelope
  • The flowers

Tracklist

  1. I want it all
  2. Isolette
  3. I'm still scared
  4. Better
  5. Harms
  6. Little Jonny
  7. Plastic envelope
  8. Protect him always
  9. Be gentle
  10. Green grass
  11. Dying
  12. Obvious
  13. The flowers
  14. Teach my body
  15. Pool god
  16. I used to want to die
Gesamtspielzeit: 47:26 min

Im Forum kommentieren

Earl Grey

2023-10-13 20:09:58

Es ist für mich ein wirklich schönes Album gefunden. Bin gerade beim zweiten Durchlauf und musste bei Harms so sehr an dieses famose Ende von „The Light & The Glass - Coheed & Cambria“ denken. Dieser Chorgesang. Hat was.

Kai

2023-10-13 13:57:18

Dying fehlt in eurer Tracklist. Bin mir noch nicht ganz sicher wie ich das Album finden soll. Die Singles gefallen allesamt aber Dying z.B. ist ziemlich gewöhnungsbedürftig.

Armin

2023-10-11 22:03:42- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Kai

2023-09-21 13:25:56

Scheint ein wirklich schönes Album zu werden.

Armin

2023-09-21 13:08:28- Newsbeitrag

https://www.youtube.com/watch?si=Ug1l31Ru70ids0rI

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