Jorja Smith - Falling or flying

FAMM / Sony
VÖ: 29.09.2023
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

In eine neue Welt

Es könnte sich wirklich wie Fliegen anfühlen, was Jorja Smith seit ihrem ersten Album erlebt. Schon davor galt die Britin als next big thing im R'n'B/Soul, ihr meisterhaftes Debüt "Lost & found" erhielt glänzende Kritiken, mehr als zu Recht. Nun endlich der lang erwartete Nachfolger, dessen Titel kein Zufall ist. "Falling or flying" verarbeitet das Eintauchen in eine neue Welt, wie Smith es beschreibt. Auch ihre Musik klingt nachdenklicher, teilweise überraschend melancholisch sogar, verliert aber trotzdem nie an Positivität und Empowerment. Für das Video des Titelsongs feierte sie ihr Regiedebüt, die Weltraum-Inszenierung in einer mysteriösen Katakombe schwebte der 26-Jährigen schon länger im Kopf. Tatsächlich ist "Falling or flying" selbst noch einer der zurückhaltenderen Tracks, getragen von langsamen Gitarren, Synths, Claps und einer gewissen Alles-oder-nichts-Stimmung: "Won't work if I'm numb / Won't stop if I love / Who else could get me / To fall from these heights."

Auf dieser abermals durchweg starken Platte überrascht "Go go go" als ausgefallenstes Experiment und größtes Highlight. Smith lässt hier ihrer Jugendliebe zum UK-Indie-Rock völlig freien Lauf, Gitarren und Percussion beflügeln ihre Stimme mehr denn je, plump gesagt klingt das so, als hätten Kali Uchis und The Kooks ein sehr gelungenes Crossover. Und wie im Titelsong geht es um einen sich zierenden Drückeberger-Mann, den Smith schon im Sinne der Selbstverwirklichung hinter sich lässt. In "Broken is the man" wird es noch ausführlicher, hier beweist Smith am deutlichsten ihre Songwriting-Stärke und die hohe Kunst, ehrliche Worte mit eindringlicher Stimmgewalt zu vermitteln. "Lately" steht dazu in einem angenehmen Kontrast, klingt beinahe versöhnlich und die wärmeren Gitarren-Samples sind diesmal nicht als Ansage zu verstehen, sondern laden zum Runterkommen ein. Die dramatischste Stimmung entsteht bei "Backwards", in dem mit Geigen, Klavier, düsteren Bässen und einer leidenden Sängerin alles zum ausgiebigen Mit-Weinen einlädt. Doch sie beherrscht die durchdachte Dramaturgie immer noch genau so pointiert, dass es völlig smooth klingt. Das gilt ebenfalls für den Opener "Try me", der voller Stolz und Selbstbewusstsein eine Künstlerin präsentiert, die lässig zwischen tief gehaltenen Laidback-Strophen zur berührenden Hook mit extra viel Höhen springt. Die Dinge haben sich verändert, auch bei Smith, auf diesem Album gilt: "I've changed? There's only been one thing that I've changed / Nothin' is ever enough / I don't have to tell you what I've changed."

Wie genial es klingt, wenn Jorja Smith verstärkt das macht, worauf sie Bock hat, zeigt uns "Little things". Der Sound? Jede Menge Trance, House-Loops, etwas Jazz, Funk und flottes Tempo. Das Video? Eine Straßenumfrage über die kleinen Dinge, die man an anderen schön findet. Die Hausparty-Stimmung gipfelt in einer fantastischen Schluss-Sequenz, Smith singt immer schneller, ihre Höhen überschlagen sich gefühlt und der knackige Trance-Beat von P2J & New Machine vollendet das eigentlich einfach aufgebaute, aber überwältigende Gesamtkunstwerk. Ein solches stellt auch der aufwühlende Closer "What if my heart beats faster?" dar, der längste, nachdenklichste und nicht zuletzt ehrlichste Song auf "Falling or flying". Allein die musikalische Vielfalt dieser Platte ist Grund genug, sie zu lieben, dabei wurden noch nicht mal die beiden Traum-Features erwähnt. Der Londoner Rapper J Hus harmoniert in "Feelings" mit Smiths knapperen, sehnsüchtigen Gesangsparts auf einem sphärischen Beat mit viel Sub-Bass. Beim liebevollen "Greatest gift" wiederum steuert die jamaikanische Reggae-Sängerin Lila Iké einen kürzer gehaltenen Gastbeitrag bei, der einem ohnehin mal wieder herausragenden Song den umso schöneren Schlusspunkt setzt. Es ist Smiths Kunst, immer deutlicher auszustrahlen, dass ihre Sinnsuche vorbei ist: Dieses Album strotzt vor Aufbruchsstimmung, lässt uns an jener neuen Welt teilhaben und die Reise genießen. Sie hätte durchaus fallen können und ist zielsicher noch höher geflogen. Es überrascht wohl niemanden mehr, aber Jorja Smiths einzigartiges Musikverständnis bleibt so beeindruckend wie immer.

(Maximilian Baran)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Little things
  • Go go go
  • Broken is the man
  • What if my heart beats faster?

Tracklist

  1. Try me
  2. She feels
  3. Little things
  4. Flights skit
  5. Feelings (feat. J Hus)
  6. Falling or flying
  7. Go go go
  8. Try and fit in
  9. Greatest gift (feat. Lila Iké)
  10. Broken is the man
  11. Make sense
  12. Too many times
  13. Lately
  14. BT69 JJY
  15. Backwards
  16. What if my heart beats faster?
Gesamtspielzeit: 43:48 min

Im Forum kommentieren

Grizzly Adams

2023-12-22 19:59:48

So langsam muss ich ja meine Bestenliste aufstellen. ;-) Dieses Album gehört definitiv mit drauf. Läuft hier unter Genre-Freunden R&B, Soul, Jazz definitiv unter dem Radar, so mein Eindruck. Ein weiterer starker Output der jungen Künstlerin. Bis dato ihr bestes.

ijb

2023-11-14 18:57:19

@Grizzly Adams

Stimme vollauf zu.
ich höre die CD mehrmals in der Woche. Gerade in der letzten Stunde erst wieder. Ich finde sie erstaunlich wenig ohrwurmig, also is nix drauf, was nervt.

Grizzly Adams

2023-11-14 18:52:51

Definitiv unterkommentiert das Album. Im R&B-Genre ein großes Highlight dieses Jahr. Gehört ohne Wenn und Aber auf meine Bestenliste. Tolle Sängerin, klasse Songs. Macht bei jedem Durchlauf mehr Spaß.

Armin

2023-10-04 20:09:51- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Grizzly Adams

2023-10-02 18:58:49

Kam Freitag raus. Hab’s erst auf zwei vollständige Durchgänge gebracht, aber die sind auf jeden Fall ausreichend für eine 8/10.
R&B, Soul, Jazz, Pop und eine hervorragende Stimme. Alles modern vorgetragen und gleichzeitig die Wurzeln jedes Genres charmant würdigend. Gefällt mir richtig gut.
Jorja Smith landet auch mit ihrem dritten Album bei mir einen Treffer.

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