Doja Cat - Scarlet

Kemosabe / RCA / Sony
VÖ: 22.09.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Onliner Oneliner

Auch wenn man das vermutlich über viele Musiker*innen unter 30 sagen kann, spielt das Internet in der Karriere von Doja Cat eine besondere Rolle. Nach sehr früher Sozialisierung mit MySpace und Co. stellte die US-Amerikanerin schon vor über zehn Jahren Songs auf Soundcloud online und veröffentlichte 2014 ihre Debüt-EP. Mit dem Durchbruch sollte es trotz vielschichtigem Talent allerdings noch etwas dauern und es brauchte auch erst eine Kuhverkleidung und das Trash-Video zu "Moo!" für den ersten großen viralen Moment. Was folgte, waren Hits über dicke Hintern, Twitter-Beef mit den eigenen Fans – und was TikTok für die Musikkultur und speziell für US-Rap in den letzten Jahren bedeutet hat, muss man nun wirklich nicht mehr erklären. Wichtig ist aber vor allem: Nach viel Frust, einigen Fehltritten und Fast-Karriereende hat Doja Cat ihren ersten Nummer-eins-Hit in den USA. "Paint the town red" ist einer der Songs des Jahres 2023. Und das dazugehörige Album "Scarlet" ebenfalls ziemlich gut.

Dabei kann man die ganze Style-Kritik rund um Haare, Tattoos und Dämonen gerne mal beiseiteschieben und sich nur auf die Musik konzentrieren – das passiert bei der jungen Frau nämlich leider viel zu selten. Album Nummer vier soll ein Stück weit Gegenentwurf zu dem cuten Shit sein, für den sie mittlerweile am ehesten bekannt ist. Es will ihre Untergrund-Rap-Wurzeln stärker in den Fokus rücken und tatsächlich ist Doja Cat eine extrem talentierte Rapperin. Ihre nasale Stimme, die auch mal ins Kratzige abdriften kann, gepaart mit Wechseln zwischen abgehackten Tiraden und absolut smooth fließenden Oldschool-Rap-Passagen, ist die Superkraft der Kalifornierin und strahlt in nahezu jedem Song Präsenz aus. Besonders in der Vorabsingle "Attention" nutzt sie das auf selbstbewusste, ruhige Art effektvoll: "Look at me, look at me / You lookin'?" Es folgen starke Verse über Menschen, die sich das Maul zerreißen, Männer, die sie beleidigen, aber sie niemals treffen werden und Zeit für eine hypnotische Melodie im Refrain bleibt auch noch: "You follow me, but you don't really care about the music." Ähnlich melodiös zeigt sie sich in "Shutcho", das aber mit zeitgenössischer, tiefer und bedrohlicher Bassdrum, Hi-Hats und Claps genug Kante reinbringt. Richtig böse wird's im Drill-inspirierten "Demons": Immer wieder prallen Trap oder andere aktuelle Elemente auf Retro-Sound samt Boom Bap und installieren einen Mix, der sich gleichzeitig modern und bekannt anfühlt.

Die andere Hälfte der Zeit stützt Doja Cat sich auf ihr zweites Standbein und atmet 90s-R'n'B mit tiefen Zügen ein. Sie ist der Mittelpunkt ihrer Welt und verzichtet auf auf "Scarlet" gänzlich auf Features. Dabei ist sie gerne auch offen sexuell, aber angenehm ungezwungen und nicht auf Schockeffekte aus. "Often" offenbart ihren Fortschritt im Gesang und ist irgendwo zwischen TLC und SZA genauso unaufdringlich süß wie das kuschelige "Agora Hills", das nur rausgeht, um mit dem oder der Partner*in anzugeben. Das klingt dann erst ein bisschen wie Zuckerguss und dann plötzlich nach Doubletime-Rap. Und immer auch ein bisschen nach Internet. Das könnte außer der umfangreichen Länge auch der einzige Fallstrick dieses Albums sein. Die Querverweise und Rückbezüge sind modern, aber nicht immer zeitlos. Für den Moment passt bei der Rapperin Jahrgang 1995 sehr viel zusammen. Ob "Scarlet" für sie in ein, zwei Jahren aber noch relevant ist, wird Doja Cat sich wahrscheinlich sogar selbst fragen, zumal sie sich von ihren älteren Sachen mittlerweile mit deutlicher Abneigung distanziert. Zumindest eins ist sicher: Das Internet vergisst nie.

(Arne Lehrke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Paint the town red
  • Agora Hills
  • Can't wait
  • Attention

Tracklist

  1. Paint the town red
  2. Demons
  3. Wet vagina
  4. Fuck the girls (FTG)
  5. Ouchies
  6. 97
  7. Gun
  8. Go off
  9. Shutcho
  10. Agora Hills
  11. Can't wait
  12. Often
  13. Love life
  14. Skull and bones
  15. Attention
  16. Balut
  17. WYM Freestyle
Gesamtspielzeit: 57:02 min

Im Forum kommentieren

Mawi09

2023-10-04 21:53:58

Ich hatte vorher keinen Bezug zu Doja Cat aber finde dieses Album und sie als Rapperin recht stark. Hinten raus wird es etwas zu dröge. Die drei Songs nach Can't wait hätte man streichen können und dann einen besseren Gesamtflow bekommen.
Bei den Highlights geh ich absolut mit, Demons ist auch noch großartig.

Armin

2023-10-04 20:07:53- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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