Blush Always - You deserve romance

Embassy Of Music / Zebralution
VÖ: 29.09.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Laut like Leipzig

Als "neues Berlin" soll es mal gegolten haben, als "Hype-zig", als das andere glorreiche Hipster-Mekka Deutschlands, vor allem auch das günstigere: Leipzig, die größte Stadt Sachsens, hat sich allerdings bislang selten mit gefeierten Band-Beiträgen einen Namen gemacht. Hier laufen ihr natürlich Hamburg, Berlin und ebenso Stuttgart mit zahlreichen Indie-Lieblingen den Rang ab. Musikerin Katja Seiffert allerdings schickt sich unter dem Namen Blush Always nun an, für Besserung zu sorgen. Ins Business ist die Singer-Songwriterin erst in den frühen 2020ern hereingeplatzt und will jetzt nicht mehr weg. Ihre Mission: Auch Leipzig will und soll geliebt werden, "You deserve romance". Gleiches ließe sich freilich für die zwölfeinhalb Songs ihres gleichnamigen Debütalbums behaupten.

Seiffert hört man die deutsche Muttersprache nicht an, sächsischen Einschlag erst recht nicht. Und Grenzen zwischen Indie-, Pop- und Alternative-Rock ziehen ohnehin bloß Genre-Purist*innen: "You deserve romance" kommt traditionsbewusst daher – man könnte behaupten: klassisch –, ist ein vollblütiges Gitarrenalbum und hängt mit mindestens eineinhalb Beinen in den ruhmreichen Neunzigern. "Music is a feeling", heißt es schwer verliebt und positiv beduselt im wunderschönen "Oddly romantic". Muss überhaupt mehr gesagt werden? Das Album widmet sich inhaltlich ganz im Wortsinn seines Titels dem Freischütteln von krankmachenden Beziehungsmustern und der Selbstbehauptung gegenüber ungesunden Mitmenschen. Generell musiziert Seiffert am Puls der Zeit, beleuchtet zum Beispiel in "Virtual for you" lediglich auf Smartphone-Screens stattfindende Fernbeziehungen, bleibt also trotz der Retro-Anleihen im Sound immer ganz nah an den Befindlichkeiten ihrer Generation.

Das fluffig-entspannte "At home" sitzt mit aufgebrauchter sozialer Batterie in den eigenen vier Wänden und steht dazu, könnte mit seiner Eingängigkeit auch super einen Werbespot untermalen – das ist hier alles andere als abwertend gemeint. Zurückhaltung gilt sonst kaum: In "Your call" darf es sogar so viel Fuzz und Laut-Leise-Dynamik werden, dass man beinahe "Grunge" maulen könnte. Auch die Single "Coming of age" mausert sich zur großen Alternative-Rock-Hymne. Stimmlich liegt Blush Always dabei irgendwo in der Nähe einer lakonischen Mitski oder von artverwandten Indie-Darlings wie Lucy Dacus und Konsortinnen. Sie bewahrt sich aber ihre Eigenständigkeit und vor allem ihren Biss: "Don't you fucking look at me like you like me", heißt es giftig in "Page 200" – hier scheint definitiv der falsche Kurzzeit-Partner am Start zu sein. Kurz darauf wird es allerdings wieder wirklich romantisch und intim, wenn "Our moans will echo" über waschechten Placebo-Gitarrenspuren durch die Nacht und leerstehende WG-Zimmer pflügt.

"You deserve romance" folgt durchaus gewissen ungeschriebenen, aber vertrauten Konventionen: "Piano song" ist die – Surprise! – zerbrechliche Klavierballade kurz vor Schluss, bevor "Dance into my head" als Vorzeige-Klimax noch mal alle Regler auf elf dreht. Aber schließlich auch lange nach Abgang noch nicht aus dem Kopf will. Fakt ist: Räder müssen nicht neu erfunden werden, solange sie rollen. Der Künstlername Blush Always bezeichnet nicht bloß die Nervosität beim ersten Date, sondern auch Aufregung und Lampenfieber beim Performen vor Publikum. Damit sollte es jedoch bald vorbei sein: Nach zahlreichen Support-Slots geht Seiffert demnächst auf eigene Tour. Es scheint, als hätte nun auch Leipzig seinen eigenen Indie-Export, auf den die Stadt stolz sein kann, und sagt Stuttgart und vielleicht sogar Berlin den Kampf an. Im Gepäck mit dabei: ein emotionales, äußerst rundes und dazu sehr gelungenes Debütalbum.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Coming of age
  • Oddly romantic
  • Our moans will echo
  • Dance into my head

Tracklist

  1. Virtual for you
  2. Coming of age
  3. Oddly romantic
  4. Divers
  5. Blue
  6. At home
  7. At home interlude
  8. Your call
  9. Page 200
  10. Our moans will echo
  11. Tenderness
  12. Piano song
  13. Dance into my head
Gesamtspielzeit: 42:52 min

Im Forum kommentieren

Ralph mit F

2023-09-26 13:36:53

Ja, sie kommt aus Kiel, aber fand die Line zu gut, um sie nicht zu bringen :-P

Nummer Neun

2023-09-26 11:25:44

Ich habe sie letztes Jahr als Support für Just Mustard gesehen - solo und ohne Band - und fand die Musik recht gut. Freue mich seitdem auf das Album und jetzt darauf, sie am Samstag erneut als Support zu hören, dieses Mal für My Ugly Clementine.

AndreasM

2023-09-26 11:11:32

Seiffert hört man die deutsche Muttersprache nicht an, sächsischen Einschlag erst recht nicht.

Das könnte daran liegen, dass sie gar nicht aus Sachsen kommt ;) Soweit ich es aus ihren Erzählungen von diversen Support-Slots in Leipzig kenne, lebt sie erst seit etwa einem Jahr in Leipzig und kommt eigentlich aus dem Norden.
Auch wenn die Analyse zum "mangelnden" Band-Export über die Grenzen Leipzigs hinaus hier aus meiner Sicht daher nicht ganz passt, ist an ihr ganz generell sicherlich etwas dran.

Und ich habe Katja Seiffert/Blush always jetzt nicht nur schon immer mal wieder auf Bühnen in Leipzig gesehen, sondern sie auch ansonsten oft im Publikum auf anderen Shows. Die Leipziger Szene scheint ihr also auf jeden Fall am Herzen zu liegen.

Leider habe ich Blush Always bisher immer nur Solo und ohne Band gesehen. Das hat mir mit Band vom Band aber auch schon immer gut gefallen und stach für mich aus der aktuellen "Indie/PopRock-Welle" (meint eher The Cardigans als The Strokes) immer ein bisschen heraus.

Armin

2023-09-25 20:42:49- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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