Ratboys - The window
Topshelf / BertusVÖ: 25.08.2023
Herz am Glas
Will eine Band ihr gestiegenes Selbstbewusstsein musikalisch ausdrücken, hat sie mehrere Optionen. Die von Ratboys bevorzugte: einen achteinhalbminütigen, zur Hälfte instrumentalen Song als Lead-Single veröffentlichen. "Black Earth, WI" döst erst entspannt auf der Farm, ehe Gitarrist Dave Sagan eine von Neil Youngs psychedelischen Pillen einschmeißt und sich in die Unendlichkeit gniedelt – nur um im hymnischen, mehrstimmigen Finale wieder auf festen Boden zu kommen. Der Schockeffekt wäre in anderen Jahren als 2023 womöglich größer gewesen, schließlich waren die stilistisch ähnlich gelagerten Wednesday mit ihrem eigenen, ebenfalls früh ausgekoppelten Acht-Minuten-Biest eine gute Spur früher dran. Doch weil es nie zu viel grandiose Musik geben kann und sich "The window" als besser gelaunte Schwester genug von "Rat saw God" abhebt, müssen sich Ratboys keine Sorgen um ihre vermeintliche Redundanz machen. Mit Unterstützung von Ex-Death-Cab-For-Cutie-Mann Chris Walla als Produzent treibt der Vierer um Julia Steiner seinen zwischen Power-Pop und Americana-Gemütlichkeit pendelnden Indie-Rock zu neuen Höhen. Wer zum Aufnehmen extra nach Seattle reist, kann ja nicht ohne Neunziger-getränkten Exzellenznachweis nach Hause kommen.
Dementsprechend könnte der Opener "Making noise for the ones you love" sein Feedback-Zerren irgendwo im Grunge-Keller gefunden haben – doch wenn Steiners instant sympathische Stimme einsetzt und sie nicht zum letzten Mal auf dem Album aus dem Fenster schaut, schält sich aus dem grimmig getrommelten Krach-Intro himmelblauer Pop-Punk. In "Morning zoo" lehnt sich die Band aus Chicago in die andere Richtung ihres Spektrums, wundervolle akustische Harmonien samt herzzerreißender Fiddle umrahmen die existenzielle Sehnsucht im Inneren: "How long does it take / To find the peace that I wanted?" Auch in ihren countrynahen Momenten verlieren Ratboys nie die Bissigkeit. "I'll take a penny for your thoughts / And I'll throw it straight to hell", giftzuckert Steiner in "No way", dessen Midtempo-Milde in ein funkensprühendes Jam-Mantra ausfasert. An anderer Stelle wischt der Zwei-Minuten-Pogo von "Crossed that line" einmal kurz die Garage durch, während das per Piano-Stakkato über den Highway rasende "Empty" die Sprachlosigkeit seiner Erzählerin zum kreativen Ankerpunkt macht. Egal, in welchem Tempo sich Ratboys gerade bewegen, man kann sich zu jedem Zeitpunkt sicher sein, dass die Hooks sitzen.
Doch die Platte ist mehr als nur eine Hitschleuder, sie verfügt über ein lange im Körper bleibendes emotionales Gewicht. Der zentral platzierte Titeltrack erzählt die Geschichte von Steiners Großvater, der von seiner sterbenden Frau nur mit dem Altenheimfenster zwischen ihnen Abschied nehmen konnte. Es ist eine Rockballade ohne Kitsch, die organisch immer mehr Zug gewinnt und der Steiner selbst keine unnötig sentimentalen Schnörkel andichtet. Der Grundton bleibt optimistisch, wie überall sonst auch. Die Sonne scheint dem besonders ansteckend gerifften "It's alive!" aus jeder Saite, "I want you (Fall 2010)" erinnert sich an das Kennenlernen von Steiner und Sagan zurück und formuliert eine unironisch süße Freundschaftserklärung: "Let's hang out forever starting now." Genauso wie im wuchtig-leichten "Break" mit seinem Drumcomputer-Stottern meint man hier, den Einfluss Wallas zu spüren, der die pazifischen Emo-Brisen seiner ehemaligen Band ohne Staub oder Bevormundung in den Ratboys-Kosmos einpflegt. "What's the one thing you love?" fragt der zärtliche Closer "Bad reaction" schließlich immer wieder unter Streicher-Seufzern. "The window" wäre nicht die schlechteste Antwort.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Morning zoo
- It's alive!
- The window
- Black Earth, WI
Tracklist
- Making noise for the ones you love
- Morning zoo
- Crossed that line
- It's alive!
- No way
- The window
- Empty
- Break
- Black Earth, WI
- I want you (Fall 2010)
- Bad reaction
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joseon
2025-09-24 12:07:55
Kann mich nur wiederholen: sehr sehr toll! Das neue Album kann kommen. Und "Visiter" sollte ich auch mal wieder hören.
MickHead
2025-09-23 18:55:12
Erster neuer Song seit dem Album!
"Light Night Mountains All That"
https://youtu.be/SgF8ugvCbr0?si=as595HFZu0uYF2Z8
Der Track enthält Klavier und Produktion von Chris Walla. Dazu sagt Leader Julia Steiner:
Meine ursprüngliche Idee war es, einen energiegeladenen Folksong im Stil von „The Dodos’ Visiter“ zu schreiben, mit einem etwas unheimlichen, geheimnisvollen und pastoralen Text – so, wie ihn Chris Otepka von den Heligoats auf einem Pilztrip heraufbeschwören könnte. Dieser Song nahm während unserer ersten Songwriting-Session in der Driftless Cabin in Wisconsin im vergangenen März Gestalt an; die Jungs und ich sind fast durchgedreht, als wir gemeinsam das Arrangement und die ungewöhnlichen Takte ausgearbeitet haben. Den Text habe ich während dieser Demo-Tour geschrieben und er dreht sich um die Idee einer fantastischen, ländlichen Visionssuche, bei der Tag und Nacht ineinander übergehen und nichts so ist, wie es scheint.
dreckskerl
2023-12-14 20:51:22
Ich habe sie verpasst.
Für mich das beste Album des Jahres einer Band, die ich bis vor ein paar Monaten noch gar nicht kannte. Meine Nummer drei.
saihttam
2023-12-14 19:46:59
Live ist die Band auch sehr zu empfehlen. Absolut liebenswert und sympatisch!
7th Seeker
2023-10-18 19:50:16
Wirklich hervorragendes Album, und Material für den Jahrespoll. Und dann touren die dieses Jahr sogar durch Deutschland, sodass man die Band für sehr wenig Geld live wird sehen können
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