Jonathan Wilson - Eat the worm

BMG / Warner
VÖ: 08.09.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Kein Gramm

Bei Jonathan Wilson war immer irgendwas zu viel. Zu viel Spielzeit, zu viel Drumcomputer und Dad-Rock, zu viel Country-Kitsch. Es spricht für den umtriebigen Kalifornier, dass alle seine Alben trotz konstanter Überlaufgefahr zu beeindrucken wussten. Dennoch habe Wilson laut eigener Aussage auf "Eat the worm" zum ersten Mal das Gefühl, seinen Weg gefunden zu haben. Was wie aus dem Mund der Promotext-KI klingt, trifft einen hörbaren Kern: Wilsons fünfte Platte ist mit rund 50 Minuten nicht nur seine kürzeste bisher, sie vermittelt auch den Eindruck, als habe sie sich kurz zuvor eine schwere Ladung Schlamm aus dem Fell geschüttelt. Der 48-Jährige steckt seine Koordinaten weiterhin zwischen Piano-Man-Drama, West-Coast-Pop und psychedelischem Folk ab, genauso wenig hat er seine Vorliebe für ausgeschmückte Arrangements und stilistische Wucherungen verloren. Und doch fließt die Gemengelage hier merklich befreiter, entspannter, manchmal auch etwas zielloser zusammen. So wie Wilsons relaxter Singsang die zumeist unaufdringlichen Kompositionen umweht, würde es nicht verwundern, wenn irgendwo in seinem Heimstudio im Topanga Canyon eine Hängematte aufsgespannt wäre.

Zunächst tragen sanft gestreichelte Drums, Stehbass und eine subtil-schöne Klaviermelodie den Vibe jedoch eher in Richtung Jazz-Bar. Während der Opener "Marzipan" ein schwungvolles Bläser-Finale ins Visier nimmt, denkt Wilson an seine musikalischen Helden, wobei neben offensichtlichen Namen wie Hank Williams auch Jim Pembroke Erwähnung findet: der britische Sänger der finnischen Prog-Band Wigwam, dessen obskures Solo-Werk zwischen Frank Zappa und Captain Beefheart den ersten Inspirationsfunken für "Eat the worm" zündete. Die akustische Klapse betritt die Platte zwar maximal bis zur Eingangshalle, franst aber gewagter aus als ihr vergleichsweise zahmer Vorgänger "Dixie blur". "Bonamossa" baut auf einen weichgezeichneten Industrial-Beat, lässt sich of all instruments von einer Maultrommel umschwirren und schließt mit einem kleinen Solo ab, das sich der fast gleich heißende Blues-Gitarrist zum Einschlafen vorspielen könnte. Die Prärie-Ballade "Hollywood vape" landet nach Zwischenstopp auf der Brück des Raumschiffes "Enterprise" am Ende in der Karnevals-Gosse, ehe Santa-Esmeralda-Streicher den krachbegleiteten Power-Pop-Ohrwurm "The village is dead" begrüßen. Wilson gelingt all das, ohne die zurückgelehnte Haltung aufzulösen, und verirrt sich auch nie im Dickicht seiner Referenzen.

Um die drei Minuten dauern viele dieser in ihrer Windrichtung unentschlossenen Sommerbrisen nur, erst im Schlussdrittel entdeckt das Album sein Faible für epischeres Americana-Songwriting. Das als Orgel-Schunkler beginnende "Charlie Parker" schwankt mit diversen Tempowechseln zwischen Saxofon-Freestyle und Slide-Gitarren-Erhabenheit. In "Hey love" hält Wilson kurz inne, um ein kleines Liebeslied für seine Frau zu singen, bevor er in "B.F.F." im leeren Theatersaal tanzt und den Kopf von John Mayer fordert. Mit feierlichem Orchester-Schwung evoziert der famose Closer "Ridin' in a jag" wieder endlose Weiten, als würden die Piano-Tasten einen Projektor anschmeißen, der idyllische Western-Szenen abspielt. "Eat the worm" ist eine Platte voller Huldigungen, sei es für Jazz-Legenden, niederländische Extremsportler oder das purste Kulturgut von Wilsons Heimatland. Doch was klar im Zentrum der Ehrerbietung steht, ist die eigene Kunst, die von allem Ballast gelöst eine neue Ebene der Selbstverständlichkeit erreicht. Würmer essen war nie würdevoller – und auf die Hüfte geht hier auch nichts.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • The village is dead
  • Charlie Parker
  • Ridin' in a jag

Tracklist

  1. Marzipan
  2. Bonamossa
  3. Ol' father time
  4. Hollywood vape
  5. The village is dead
  6. Wim Hof
  7. Lo and behold
  8. Charlie Parker
  9. Hey love
  10. B.F.F.
  11. East La
  12. Ridin' in a jag
Gesamtspielzeit: 50:20 min

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PKingDuck92

2023-09-01 22:47:01

Erstmal probehören, Gentle Spirit und Fanfare finde ich immer noch so großartig und zieren auch unverstaubt den Plattenschrank, Rare Birds mit dem dem Synthisound war dann nicht mehr so meins, und bei Dixie Blur hat mir dann total die Epik gefehlt, ich Brauch so 6-10 min Brecher wie Desert Raven, Dear Friend oder Valley of The silver moon, da glänzte Wilson auch immer am meisten, wenn er sich ordentlich Zeit für die Songs genommen hat um Atmosphäre aufzubauen... .. Und jetzt 50min? Auf 12 Tracks?... Hmmm

Armin

2023-09-01 21:23:58- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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