Róisín Murphy - Hit parade

Ninja Tune / Rough Trade
VÖ: 08.09.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Triangle of mixed emotions

Jessie Ware verehrt Róisín Murphy. Da jeder vernünftige Mensch dies tun sollte, ist es eigentlich nicht der Rede wert. Dennoch haben die beiden Frauen, auch wenn sie selbst vermutlich nie in solch einem Konkurrenzmuster denken würden, im Jahr 2020 einen Fernkampf um die Krone der stilvollen Disco-Musik ausgetragen. Untermauerte Ware ihren Anspruch drei Jahre später mit "That! Feels good!", hat Murphy nun schon wieder andere Hoheitsgebiete im Sinn. Nachdem "Róisín machine" seine pumpenden Hitzestrahler gezielt auf die Tanzfläche richtete, kühlt das irritierend betitelte "Hit parade" den Clubboden wieder ab. Das sechste Solo-Album der Irin ist auf voller Länge eine Zusammenarbeit mit DJ Koze, der ihre markante Stimme in einen Future-Soul-Kontext zwischen Vintage-Samples und splittrigen Beats setzt. In seiner weiterhin vorhandenen Bewegungsfreude ist das Ergebnis von sowieso fehlgeleiteten Kunsthallen-Vorwürfen weit entfernt, das Handtuch muss beim Hören allerdings nicht mehr in Griffweite liegen.

"If you're afraid to fail / We may never set sail." Während sich die ehemalige Moloko-Sängerin in "The universe" an warmen Gitarren-Licks vorbeicroont, scheint sie die Abenteuerlust der Platte in kunstvolle Worte zu verpacken, doch der Segeltörn ist hier mehr als nur eine Metapher: Im Mittelteil mimt Murphy plötzlich die reiche Pappfigur mit breitem US-Akzent, die sich in bester "Triangle of sadness"-Manier mit einem Alptraum auf hoher See konfrontiert sieht. "Hit parade" zieht mit einer Reihe solcher entzückender Seltsamkeiten um die Häuser, genauso wie es direkt zu Beginn Murphys ungebrochene Meisterschaft in Sachen Spannungsaufbau klarstellt. Der Opener "What not to do" setzt sich unheilvoll zusammen wie ein Androide, das Netzwerk von Geräuschen und Vocal-Fragmenten erzeugt einen hypnotischen Sog, der seiner eigenen Dekonstruktion standhält.

Nach eigener Aussage habe sich Murphy nie glücklicher gefühlt als im Vorfeld dieses Albums, doch verfällt sie natürlich nie der Versuchung stumpfer Euphorie-Ausbrüche. Zusammen eine knappe Viertelstunde lang pulsieren "You knew" sowie das verchromte Deep-House-Wunderwerk "Can't replicate" nach vorne, ihr Stoizismus samt perfekt gesetzter Akzente gerät schlicht überwältigend – und doch lässt gerade ersteres mit seiner melancholischen Schlagseite Zweifel daran aufkommen, dass es nur Glückstränen sind, die da die Wangen befeuchten. "Hurtz so bad" beginnt mit offensiver Tiefenverzerrung, ehe luftige Drums den Track auffalten, Murphy singt die titelgebende Zeile, als wolle sie sich emotional nicht in die Karten schauen lassen. Präzise ist nur das Verständnis zwischen ihr und ihrem Kollaborateur, die länderübergreifende Distanz im Entstehungsprozess macht sich auf "Hit parade" nie bemerkbar.

So vermengen Murphy und Koze ihre unterschiedlichen Einflüsse und Vorlieben auf eine Weise, die für enorme Stilvielfalt ohne schroffe Trennwände sorgt. Mit Bläsern und allerlei anderem Sample-Zauber klingt die Lead-Single "CooCool" so, als würde sie per Zeitmaschine Übertragungen aus der Blüte Motowns empfangen. Der Hyper-Pop-Regenbogen "Two ways" blickt dahingegen klar in die Zukunft, während er unter seinen Stimmmodulationen eine unwiderstehliche Melodie versteckt. Im unerwartet düsteren Schlussstück "Eureka" geht es um ominöse ärztliche Befunde, erst kürzlich erklärte die 50-Jährige in einem Interview, wie die eigene Vergänglichkeit zunehmend mentalen Raum bei ihr einnimmt. Doch ihr Umgang damit bleibt bis zum Ende dieser hochklassigen 58 Minuten ein widerständiger. Einer Róisín Murphy bereitet eben nichts so schnell schlaflose Nächte. Nicht einmal ihr Cover-Artwork.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • What not to do
  • You knew
  • Can't replicate
  • Two ways

Tracklist

  1. What not to do
  2. CooCool
  3. The universe
  4. Hurtz so bad
  5. The house
  6. Spacetime
  7. Fader
  8. Free will
  9. You knew
  10. Can't replicate
  11. Crazy ants reprise
  12. Two ways
  13. Eureka
Gesamtspielzeit: 58:23 min

Im Forum kommentieren

Kiezgrün

2025-10-27 22:32:33

Sehr, sehr schade.

Saschek

2025-10-27 22:31:12

Das nächste Album heißt dann vermutlich Hate Parade ...

Saschek

2025-10-27 22:30:30

Schlimm. Die war eigentlich mal cool. Genau wie Björk und so viele andere ... Man könnte ko**en.

AliBlaBla

2025-10-27 21:00:48

Oh, das ist übel. Echt übel. Wie kann man so drauf sein, wie kann man formulieren, "it was never real" (to change your sex), ich versteh es nicht.
Schade, traurig.

Felix H

2025-10-27 19:32:40

Róisín Murphy Replaced As Istanbul Festival Headliner Over Latest Transphobic Post

Man muss ja auch erst mal schaffen in der Antwort darauf im gleichen Absatz diese beiden Sätze unterzubringen:

I have zero hate toward trans people; I do not deny anyone’s existence. [...] Children, families, women, and gay people have all been adversely affected by the insane belief that one can change sex—the core hallucination of this destructive and insidious movement

Ich hatte es vor 2 Jahren noch für eine unbedachte und blöd formulierte Äußerung gehalten, aber sie hat mich jetzt leider eines Besseren belehrt. Tschö mit ö dann mal.

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