Geese - 3D country

Partisan / PIAS
VÖ: 23.06.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Day tripping

"We can make love in the end times!" Das ist doch mal eine Ansage von Vokalist Cameron Winter. Und als Metapher recht treffend für den abseitigen Trip, der auf wagemutige Reisegäste bei dem geplanten Abstecher ins titelgebende "3D country" wartet: Der New Yorker und seine Band Geese (nicht verwechseln mit Goose) drehen das, was man in England wohl Post-Punk-Revival nennen würde, auf links und füttern es mit allem Möglichen, was ihnen in den (Leicht-)Sinn kommt und in den Kram passt. Spoiler: Das ist eine ganze Menge. Die vorsichtige Genre-Zuordnung stützt sich dabei primär auf die Ian-Curtis-Vocals von Winter, soundtechnisch aber rasten Geese meistens gepflegt aus und schrammeln, psychen und bluesen sich durch elf völlig unterschiedliche Stücke, die ihr zweites Album nur lose miteinander verknüpfen kann oder will. "Country" im Titeltrack ist dabei nicht mal bloße Behauptung, denn zwischenzeitlich betritt ein Cowgirl-Chor die Bühne, der klingt wie die bösen Zwillingsgeschwister von Texas Lightning, und bleibt von dort an immer bedrohlich im Hintergrund. Alles anschnallen bitte! Es wird turbulent.

Sobald "Cowboy nudes" erst auf Jangle-Popper irgendwo zwischen Declan McKenna und Pavement macht und dann mit wildgewordenen Bongos zum abgedrehten Hit mutiert, ahnt man, worauf man sich eingelassen hat. Geese spielen mit Erwartungshaltungen, verlassen sich nicht auf Konventionen und werfen ihrem Publikum auch gern mal Schnapsideen vor die Füße. In "I see myself" bedeutet das eine Kreuzung aus schmetterndem Soul und bunten Pilzen, woanders ganz schön viel Siebziger-Staub, an anderen Stellen wieder garagigen Rock'n'Roll. Herzstück der Platte ist aber zweifellos das übermütige "Undoer": Dieses Ungetüm kann Bowie und Radiohead genauso wie No-Wave und Psychedelic – und ist mit seinen sieben Minuten superanstrengend. Aber halt auch supercool! Beinahe komplett dem Glam ergeben sich "Gravity blues" und "Domoto" zwischen Falsett und überbordender Klimax, bevor Winter im erneut psychedelischen "Tomorrow's crusades" "Where would I ever be without you?" fleht und am Ende einen filmreifen Abgang aufs Parkett legt. Wo wären Geese ohne ihre Begeisterung für den Wilden Westen, irgendwo poetische, aber auch völlig bekloppte Lyrics und frivolen Schabernack?

Die Single "Mysterious love" huldigt ihrem kurzen Noise-Riff, dann wird Winter zu Black Francis – in der Aufgescheuchtes-Huhn-, nicht der Dad-Rock-Variante. Für die Dads machen immerhin der Opener und "Crusades" einen auf Classic-Rock, sodass auch die Väter der blutjungen Musiker ihr Einverständnis geben, wie es scheint (in deren Plattensammlung wurden mutmaßlich auch Sonic Youth gefunden). Das noch recht frische, erst 2021 gegründete Quintett wollte nämlich während der Pandemie eigentlich nur ein einziges Album aufnehmen, um seinen High-School-Abschluss zu feiern. Versehentlich wurde dann halt doch eine Rockstarkarriere losgetreten. Passiert. Auf "3D country" klingen Geese allerdings nicht nach fleißiger Schülerband, sondern gleichzeitig nach den Brooklyn-Hipstern, die sie sind, staubiger Wüste, dem funkelnden Broadway und entfernten Planeten. Ach was, Galaxien. Durch die vielen verschiedenen Einflüsse entsteht ein kaum rundes Bild, doch das "3D country", ob es nun, man darf spekulieren, Amerika darstellen soll oder nicht, ist schließlich auch kein homogenes Land. "Some sad stories have no fucking point", heißt es im Abschluss-Boogie "St. Elmo". Diese Platte auch nicht, aber das ist womöglich der Sinn der Sache.

(Ralf Hoff)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Cowboy nudes
  • Undoer
  • Mysterious love

Tracklist

  1. 2122
  2. 3D country
  3. Cowboy nudes
  4. I see myself
  5. Undoer
  6. Crusades
  7. Gravity blues
  8. Mysterious love
  9. Domoto
  10. Tomorrow's crusades
  11. St. Elmo
Gesamtspielzeit: 43:27 min

Im Forum kommentieren

javra

2023-07-14 11:15:37

Ich mag auch, wie sich das Genre-Grenzen-Sprengen hier nicht gewollt anfühlt, sondern eher als wäre der lustige Mix aus Country/Soul/Classic Rock/Post Punk irgendwie aus Verpeiltheit entstanden

javra

2023-07-13 22:15:17

Velvet Underground definitiv auch

Mysterious Love hat sich mittlerweile zu meinem Lieblingstrack entwickelt

der andere

2023-07-12 20:28:37

Geil. Macht einen Heidenspaß und sprudelt nur so über von Ideen. Nicht zuletzt dem vielseitigen, immer wieder austickendem Gesang sei Dank eine supercoole, abgedrehte bunte Tüte, bei der in jedem Winkel eine neue Überraschung lauert. Habe bisher herausgehört (fern jeglichen Anspruchs auf Vollständigkeit): Strokes (unvermeidlich), viel Kinks, Prince, Muse, U2, Jeff Buckley, Mike Patton / Mr. Bungle (zumindest was die stimmliche Vielseitigkeit und Austick-Momente betrifft), Refused, Stones, LCD Soundsystem, Santana (oder womit man Percussion-Soli selbst noch verbinden möchte ...) ... ach herrlich! Schon länger nicht mehr soviel Freude beim Musik entdecken gehabt.

javra

2023-07-10 09:17:45

Nette Sache, das Album... Irgendwie fehlt mir in den Referenzen noch Foxygen

Armin

2023-07-05 22:09:38- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Threads im Forum