Militarie Gun - Life under the gun

Loma Vista / Universal
VÖ: 23.06.2023
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Grinsebackpfeifen

Ian Shelton aus Los Angeles ist ein Tausendsassa: Der hauptberufliche Filmemacher für Musikvideos hatte gerade erst pandemiebedingt seine Hardcore-Band Regional Justice Center zu Grabe getragen, da juckte es ihn auch schon wieder in den Fingern, und mitten in den Lockdown wurden Militarie Gun hineingeboren. War der erste Langspieler "All ways lead to the gun" von 2022 noch eine Compilation aus den früheren EPs und bloß einer Handvoll neuer Stücke, geht das Kollektiv nun in die Vollen, und auch der absolut folgerichtige Albumtitel "Life under the gun" stellt klar: Die Band hat sichtlich Spaß an (Selbst-)Inszenierung, nun brechen ihr Zeitalter und ihre Regentschaft an. Wie das klingt? So, als hätten Trauerklöße wie Touché Amoré einen Clown gefrühstückt. Oder einen ganzen Spielzeugladen. Und würden neben den Hardcore-Klassikern verschiedenster Jahrzehnte auch gerne mal zur fein kuratieren 90er-Alternative-Playlist greifen, wären ihnen Genre-Begriffe nicht ohnehin völlig schnuppe.

Mehr als zwei Akkorde und ebenso viele Minuten benötigt schon der Ohrwurm "Very high" nicht, um mit seinen unverkennbaren Nirvana-Vibes für übertrieben gute Laune zu sorgen. Alle zwölf Songs bleiben knackig kurz, über dreiminütige Kompositionen wären ja schließlich auch unnötig. Shelton und seine Mitstreiter bringen auf derart engem Rahmen außerdem das Kunststück fertig, ohne allzu breitgetretene Melodieduseligkeit trotzdem Hooks in Hülle und Fülle zu kreieren, ob nun an den Gitarren oder in Sheltons ausdrucksstarken, halb gesungenen und halb gebrüllten Vocals. Und das zwölf Mal! Beeindruckend. Der (Post-)Grunge-Einfluss sorgt zusätzlich dafür, dass klassische Riffer wie "Think less" einen raffinierten, hier sogar dezent Foo-Fighters-artigen Anstrich bekommen, trotzdem aber alles umpflügen. "Return policy" auf klickendem Dead-Notes-Fundament und das beschwingte "Never fucked up once" könnten indes gar als hymnisch-poppiger Emo durchgehen, wenn sie denn Bock darauf hätten. Bloß das an spätere Jawbreaker erinnernde "Sway too" und "See you around" auf gelooptem Lick nehmen spürbar das Tempo aus der Sache, aber auch das ist nur ein Luftholen auf den letzten Metern.

Gezückte Kanonen, wohin man auch blickt: Das Zwischenmenschliche und das Ungestüme spielen bei Militarie Gun gleich große Rollen, "relationship stains" werden genauso aufgegriffen wie sozialkritische Themen beleuchtet. Allerdings überwiegt Sheltons persönliche Note, und das ohne Weichzeichner oder Filter. Allein, wie ganz zu Beginn knallende Drums die ADHS-Ode "Do it faster" eröffnen, ist schon programmatisch: Militarie Gun sind wahnsinnig laut, unverblümt-aufrichtig und mehr als direkt. Laut Shelton diene seine Band nämlich vor allem dazu, seine unbändige Energie mit anderen zu teilen, was im Punk auch nicht immer nur einen Zusammenschluss durch gemeinsamen Hass bedeuten müsse. Dem Album hört man diese Mission über seine gesamte Laufzeit hinweg an: Wäre der Begriff "Happy Hardcore" nicht schon an die elektronischen Gefilde vergeben, Militarie Gun würden ihn mühelos für sich beanspruchen und sich dann breit grinsend damit aus dem Staub machen. Zwölfmal Hit-Potenzial, zwölfmal happiness in your face.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Very high
  • Return policy
  • Never fucked up once
  • Big disappointment

Tracklist

  1. Do it faster
  2. Very high
  3. Will logic
  4. My friends are having a hard time
  5. Think less
  6. Return policy
  7. Seizure of assets
  8. Never fucked up once
  9. Big disappointment
  10. Sway too
  11. See you around
  12. Life under the gun
Gesamtspielzeit: 27:19 min

Im Forum kommentieren

MickHead

2024-07-16 18:24:35

Erste neue Single seit dem letzten Album

"Thought You Were Waving"

https://youtu.be/1orn0ofkpO8?si=a9yDbNW0JL_zc_fk

sizeofanocean

2023-09-07 10:27:17

neues Video mit vollem Körpereinsatz:

https://www.youtube.com/watch?v=yOvn3-hSQ7o

sizeofanocean

2023-07-09 21:11:02

Bin vom Album etwas enttäuscht, die Hit Qualität der ersten 3 Songs hält sonst nur noch „never fucked up once“, die restlichen Tracks fallen doch deutlich ab. Fiddlehead spielen selbstverständlich in einer ganz anderen Liga, vom Songwriting und Gesamtpaket her.

Talibunny

2023-07-09 13:54:33

@Sammy : Der Rotz, der Furor, die Geschwindigkeit.

Über die Qualität der Platte will ich (noch) nicht urteilen. Mich wundert lediglich die Einordnung.
Vorherige EPs, vorherige Bands der Mitglieder oder sonstige Szeneverbindungen interessieren da nicht. Ich höre eine (Alternative-)Rockplatte.

Autotomate

2023-07-09 13:39:13

Hatte mich über diese Zuschreibung weiter oben auch schon sehr gewundert. Für mich halt relativ unauffälliger Alternative Rock mit Power-Pop-Einschlag. Später habe ich gehört, dass sich der HC-Kontext wohl von den EPs her übertragen hat, von denen zumindest die älteren noch etwas mehr in die Richtung gingen.

Aber Genrediskussionen sind auch immer irgendwie überflüssig. Zum Glück sind die Felder weit und die Bauern zahlreich^^

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