King Krule - Space heavy

Young / Xl / Beggars / Indigo
VÖ: 09.06.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Dystopibar

Ein guter Ort für einen Auftritt Archie Marshalls und seiner Band wäre dieser Tage wohl die schummrige Bar in einer Cyberpunk-Dystopie. Marshall, der nun bereits seit einer Dekade unter dem Pseudonym King Krule mit opaken, genresprengenden Stimmungen hantiert, hätte dort die ideale Bühne für sein wirres Crooning. In "Wednesday overcast", das "Space heavy" beschließt, schildert der Erzähler einen kleinen Pub an der Ecke: "This place was forgotten from history / I lay in silence before we arranged to meet." Zwischen stilbewusstem Futurismus und der aussichtslosen Coolness des Film Noir lauert auch King Krule auf den 15 meist kurzen Songs des Albums, beobachtet aus den Schatten heraus das eigene gebrochene Herz und eine Welt im Zerfall. Zu fragilen Gitarren, die nach und nach eine schmetterlingserfüllte Idylle herbeisehnen, formuliert "Our vacuum" so etwas wie ein Leitmotiv: "And in between the gaps of the stars / We lay in the dark / Oh it's so empty this space." Aber auch: "It might get better." Die einstigen Hip-Hop-Einflüsse sind beinahe gänzlich verschwunden: "Space heavy" ist ein langsames, kontemplatives geworden Album, das angedeutete Jazz-Harmonien meist der Hektik des Post-Punk vorzieht.

In der starken ersten Single "Seaforth" verschmelzen entsprechend Einlassungen über die planetare Verstimmung mit dem Wunsch nach Eskapismus. "The train line in Seaforth / We sit and watch the planet die in urban burn", summt Marshall zu leisen Gitarren, Meeresrauschen und Möwengesang. Im Kontext klingt seine Diagnose wie eine ozeanisch-zarte Liebeserklärung, möchte Glaube erträumen in einer brennenden Welt. Gewissermaßen rastet "Space heavy" erst mit seinem dritten Song richtig ein, reiht in der Folge eine atmosphärische Skizze an die andere. Nacht, Sommer, Einsamkeit prägen "That is my life, that is yours", aus denen plötzlich Ignacio Salvadores' gequältes Saxofon hervorbricht. Auch der sacht treibende Takt von "Empty stomach space cadet" kommuniziert ein ähnliches Setting aus Leere und Melancholie. Mit kräftigen Synthies und prächtig glitzernden Gitarren deutet der Opener "Flimsier" kurzzeitig noch ein anderes Ambiente an, bevor sich träger Defätismus einstellt. Im Refrain stolpert eine verspulte Leadgitarre vorbei. "It's been holding the weight of the world", singt Marshall und scheint damit auch ihre Erschöpfung zu beschreiben. Einzig "Pink shell" fällt mit seinem unmelodischen Post-Punk-Gepolter und sekundenschlaflangem Saxofon-Solo ziemlich aus der Reihe.

Deutlich gelungener verpackt "Hamburgerphobia" King Krules einstigen ästhetischen Bezugspunkt im neuen Gewand. George Bass' vertrackter Schlagzeugtakt lässt Marshall den Alltag ins Surreale auflösen, wobei sich manche Parallelen zu Slowthais jüngsten Veröffentlichungen auftun. Nebenbei: Wer sich unter dem potentiellen Songtitel des Jahres noch nicht allzu viel vorstellen kann, darf sich gefasst machen. Wie Marshall vom Burgerverzehr auf der Parkbank über ein absurdes Hitchkock-Szenario zu seiner desillusionierten Schlusspointe gelangt – "Our love is just a fugue state" – ist eine Reise wert.

In seiner zweiten Hälfte konsolidieren Marshall und seine Weggefährten hauptsächlich gekonnt die dichte Atmosphäre, die in ihren besten Momenten fast an die radikale Reduktion von Mark Hollis' einzigem Soloalbum heranreicht. "When vanishing" lädt zu einer wunderschönen, streichersatten Fahrt in den Kosmos, die gewisperten Lyrics dringen kaum ans Ohr. Ohne manche Frustrationen kommt King Krule freilich auch diesmal nicht aus, doch stören sie nur punktuell: "Seagirl" betört im Duett mit Raveenas gehauchtem Neo-Soul, inszeniert sich dann aber als etwas abgeschmackt ironisiertes Spiel zwischen Meerjungfrauenmuse und Künstler. Der Titeltrack baut noch einmal die Brücke zu Umweltangst und Apokalyptik – "I sink in full armor / The lake is oil of misery / Get ready, slurp it up" – bevor Marshall zu sich verdunkelnden Gitarren plakativ nach seinem Plastikstrohhalm kräht. Doch wie es wirklich auf den einsamen Hockern an den Tresen Dystopias zugeht, und was sich im klaffenden Raum zwischen ihnen abspielt, weiß im Zweifelsfall kaum jemand besser.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Flimsier
  • Seaforth
  • Hamburgerphobia
  • When vanishing

Tracklist

  1. Flimsier
  2. Pink shell
  3. Seaforth
  4. That is my life, that is yours
  5. Tortoise of independency
  6. Empty stomach space cadet
  7. Flimsy
  8. Hamburgerphobia
  9. From the swamp
  10. Seagirl (feat. Raveena)
  11. Our vacuum
  12. Space heavy
  13. When vanishing
  14. If only it was warmth
  15. Wednesday overcast
Gesamtspielzeit: 44:43 min

Im Forum kommentieren

Armin

2023-06-16 21:07:03- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

AliBlaBla

2023-06-16 12:14:36

@kingsuede
Genau, - aber umsomehr freut mich dieses halt! Fast ohne Filler, ein paar hat er halt immer drauf, aber mir taugt es (gegen die Hitze).

kingsuede

2023-06-16 11:47:22

Das letzte war sowieso "nur" recht gut.

AliBlaBla

2023-06-15 22:35:10

Keine Rezi?
Kommt noch, oder?
Bestes seit dem Debut, finde ich...

The Libertine

2023-06-12 11:00:12

Seaforth ist halt ein Song. Die anderen Stücke eher Collagen, lose Ideen und atmosphärisches Flirren. Mal ist das faszinierend, dann wieder anstrengend bis egal. Es ist nicht ganz einfach mit ihm. Stimme und Stil sind großartig (das ist alles sehr eigenständig), würde mir aber trotzdem manchmal mehr Verve und Kontur wünschen. Er kann es ja, man höre: "Dum Surfer", "Easy Easy", oder auch "Rock Bottom".

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