Kesha - Gag order
RCA / SonyVÖ: 19.05.2023
Die Wundertüte
Katy Perrys "Witness" war eine Katastrophe. "Purposeful pop" nannte es die Künstlerin. Großer Quatsch zum Fremdschämen war es. Was das mit Kesha zu tun hat? Verdammt viel. Denn auch Kesha begann ihre Karriere als Unterhaltungsfaktor, mit leicht verdaulichen Songs über Partys und das wilde Leben. Auf den Leib schrieb ihr diese Songs Dr. Luke, hauptberuflich Hit-Generator. Und die Hits kamen, einer nach dem anderen. Doch der Schein war wie so oft trügerisch. Missbrauchsvorwürfe führten zu langwierigen rechtlichen Auseinandersetzungen, die bis zum heutigen Tage andauern. Eines stand fest: Unterhaltungsfaktor wollte und konnte Kesha nicht mehr sein. Und so wurde sie, Schritt für Schritt, Album für Album zu einer selbstbestimmten Künstlerin. Einer, der man zuhören sollte, denn ihre Musik hat eine erstaunliche Entwicklung hingelegt.
Auf ihrem neuen Werk "Gag order", welches unter anderem von Rick Rubin produziert wurde, zeigt sich Kesha Rose Sebert, so der bürgerliche Name der Sängerin, so persönlich und verletzlich wie nie zuvor. Aufgrund vertraglicher Verpflichtungen erscheint es immer noch auf Dr. Lukes Label, auch wenn dieser natürlich nicht mehr an der Produktion beteiligt war, was den Titel ins rechte Licht rückt. Die Musik ist elektronisch geprägt und wagt sich bisweilen weit hinaus in experimentelle Gefilde. "I" ist das dominierende Pronomen, es gibt keinen Filter mehr. In "Fine line" arbeitet sich die Amerikanerin an der eigenen Karriere, den absurden Erwartungen der Öffentlichkeit und der eigenen Person in der Mitte ab. "There's a fine line between genius and crazy / There's a fine line between broken and br?aking", verkündet sie, bevor der Song in seine Einzelteile zerfällt. Aus dem Wabern erhebt sich schließlich ein Chor: "This life was never mine / I can't keep wasting time." Viel deutlicher kann man eigentlich nicht werden, aber Kesha setzt noch einen drauf: "But hey, look all the money we made off me". Treffer, versenkt.
Das alles wäre jedoch nur halb so wirksam, wenn die Musik nicht so überzeugend wäre. Besonders der Einstieg ins Album gerät überragend. "Something to believe in" und "Eat the acid" sind im Grunde ein zusammenhängender Song, zu tief wummernden Bässen nimmt Kesha die Hörerschaft bei der Hand und entführt sie in die finstersten Ecken der eigenen Psyche. Eine verzerrte Synthesizer-Linie drängt sich ins Bewusstsein, Gefangene sollen die anderen machen. Kesha geht es um den maximalen Effekt. In gewisser Weise hat sich an ihrer Herangehensweise also eigentlich gar nicht viel geändert. Doch zwischen das, was hier passiert, und den juvenilen Überschwang von "Tik tok" passen Ozeane. Gleichzeitig stellt sich die Frage, inwiefern man hier der Seelenschau einer Person zuhört, die in einem Paralleluniversum lebt.
Denn bei allem glaubwürdigen Willen zur Offenheit bleibt Keshas Musik distanziert. Nicht selten gleichen ihre Songs kontrastreichen Collagen. "Only love can save us now" vereint etwa Gospelchöre und garstig spuckende Maschinenbeats, als sei das das Normalste auf der Welt. Die Produktion fällt im Gegensatz zu früheren Alben deutlich vielfältiger aus, glücklicherweise erhalten diesmal auch die leiseren Töne genug Luft zum Atmen. Früher wäre ein Akustiksong wie "Living in my head" kaum denkbar gewesen. Doch Kesha weiß auch noch, wie man Krawall macht: "The drama" ist beispielsweise ein völlig irres Konstrukt. So ungefähr muss es klingen, wenn ein Nervenzusammenbruch ins Tonstudio geht. "In the next life I wanna come back / As a house cat", lautet Keshas Pointe. Na dann.
Den emotionalen Höhepunkt des Albums stellt indessen "Happy" dar, das sich mehr als nur ein bisschen bei den Beatles bedient. Zu zarten Akkorden singt Kesha einfache Verse vom Wunsch danach, endlich glücklich zu sein. Diese Einfachheit ist es auch, die "Gag order" so schön macht. Andere verstecken sich hinter windschiefen Metaphern, Kesha singt einfach das, was sie meint. Das ist zwar manchmal etwas anstrengend, aber meist erfrischend direkt. Freilich bleibt bei einer Künstlerin wie Kesha immer die Frage nach der Authentizität im Raum. Andererseits ist das letzten Endes völlig egal, weil das Gesamtwerk stimmig ist. Und vielleicht ist es auch genau diese Dichotomie von Kunst und Künstlichkeit, die Kesha so spannend macht.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Eat the acid
- Fine line
- The drama
- Happy
Tracklist
- Something to believe in
- Eat the acid
- Living in my head
- Fine line
- Only love can save us now
- All I need is you
- The drama
- Ram dass interlude
- Too far gone
- Peace & quiet
- Only love reprise
- Hate me harder
- Happy
Im Forum kommentieren
Affengitarre
2025-06-05 18:11:43
Ich weiß jetzt gar nicht so genau, ob ich „Gag Order“ oder „Eat the acid“ als Albumtitel besser finde. Dass der aber so lange nach Release scheinbar grundlos geändert wird, finde ich aber schon doof.
Felix H
2025-06-05 16:46:22
Bei Tidal und Spotify ist der Titel tatsächlich auch anders.
Der pinke Punkt ist tatsächlich so ne "Brat"-Aktion, das kommende Album hat den ja überall im Artwork.
Affengitarre
2025-06-05 16:30:47
Also bei Apple sehe ich noch den alten Titel mit einem neuen Cover. Dafür hat die abgespeicherte Version in meiner Bibliothek einen großen pinken Kreis in der Mitte, die anderen Releases von ihr anscheinend auch. Vielleicht ist das so ein „brat“-Ding mit neuen Covern.
Felix H
2025-06-05 13:23:10
Weird, das Album scheint nun überall "Eat the Acid" zu heißen und ein abgewandeltes Cover zu haben. Ich fand die vorige Titel-Cover-Kombi rabiater und besser.
Felix H
2024-12-03 23:35:38
Ja, leider echt untergegangen. Tolle, weirde Platte.
Gibt auch schon neue Singles, bin aber gerade zu faul für einen neuen Thread...
Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.
Referenzen
Spotify
Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv
Threads im Forum
- Kesha - . (13 Beiträge / Letzter am 05.07.2025 - 22:40 Uhr)
- Kesha - Gag order (20 Beiträge / Letzter am 05.06.2025 - 18:11 Uhr)
- Kesha - High road (6 Beiträge / Letzter am 17.02.2020 - 20:58 Uhr)
- Kesha - Rainbow (33 Beiträge / Letzter am 27.06.2018 - 12:39 Uhr)
- Keshavara - Keshavara (1 Beiträge / Letzter am 12.10.2016 - 22:11 Uhr)
