Kesha - Gag order

RCA / Sony
VÖ: 19.05.2023
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Die Wundertüte

Katy Perrys "Witness" war eine Katastrophe. "Purposeful pop" nannte es die Künstlerin. Großer Quatsch zum Fremdschämen war es. Was das mit Kesha zu tun hat? Verdammt viel. Denn auch Kesha begann ihre Karriere als Unterhaltungsfaktor, mit leicht verdaulichen Songs über Partys und das wilde Leben. Auf den Leib schrieb ihr diese Songs Dr. Luke, hauptberuflich Hit-Generator. Und die Hits kamen, einer nach dem anderen. Doch der Schein war wie so oft trügerisch. Missbrauchsvorwürfe führten zu langwierigen rechtlichen Auseinandersetzungen, die bis zum heutigen Tage andauern. Eines stand fest: Unterhaltungsfaktor wollte und konnte Kesha nicht mehr sein. Und so wurde sie, Schritt für Schritt, Album für Album zu einer selbstbestimmten Künstlerin. Einer, der man zuhören sollte, denn ihre Musik hat eine erstaunliche Entwicklung hingelegt.

Auf ihrem neuen Werk "Gag order", welches unter anderem von Rick Rubin produziert wurde, zeigt sich Kesha Rose Sebert, so der bürgerliche Name der Sängerin, so persönlich und verletzlich wie nie zuvor. Aufgrund vertraglicher Verpflichtungen erscheint es immer noch auf Dr. Lukes Label, auch wenn dieser natürlich nicht mehr an der Produktion beteiligt war, was den Titel ins rechte Licht rückt. Die Musik ist elektronisch geprägt und wagt sich bisweilen weit hinaus in experimentelle Gefilde. "I" ist das dominierende Pronomen, es gibt keinen Filter mehr. In "Fine line" arbeitet sich die Amerikanerin an der eigenen Karriere, den absurden Erwartungen der Öffentlichkeit und der eigenen Person in der Mitte ab. "There's a fine line between genius and crazy / There's a fine line between broken and br?aking", verkündet sie, bevor der Song in seine Einzelteile zerfällt. Aus dem Wabern erhebt sich schließlich ein Chor: "This life was never mine / I can't keep wasting time." Viel deutlicher kann man eigentlich nicht werden, aber Kesha setzt noch einen drauf: "But hey, look all the money we made off me". Treffer, versenkt.

Das alles wäre jedoch nur halb so wirksam, wenn die Musik nicht so überzeugend wäre. Besonders der Einstieg ins Album gerät überragend. "Something to believe in" und "Eat the acid" sind im Grunde ein zusammenhängender Song, zu tief wummernden Bässen nimmt Kesha die Hörerschaft bei der Hand und entführt sie in die finstersten Ecken der eigenen Psyche. Eine verzerrte Synthesizer-Linie drängt sich ins Bewusstsein, Gefangene sollen die anderen machen. Kesha geht es um den maximalen Effekt. In gewisser Weise hat sich an ihrer Herangehensweise also eigentlich gar nicht viel geändert. Doch zwischen das, was hier passiert, und den juvenilen Überschwang von "Tik tok" passen Ozeane. Gleichzeitig stellt sich die Frage, inwiefern man hier der Seelenschau einer Person zuhört, die in einem Paralleluniversum lebt.

Denn bei allem glaubwürdigen Willen zur Offenheit bleibt Keshas Musik distanziert. Nicht selten gleichen ihre Songs kontrastreichen Collagen. "Only love can save us now" vereint etwa Gospelchöre und garstig spuckende Maschinenbeats, als sei das das Normalste auf der Welt. Die Produktion fällt im Gegensatz zu früheren Alben deutlich vielfältiger aus, glücklicherweise erhalten diesmal auch die leiseren Töne genug Luft zum Atmen. Früher wäre ein Akustiksong wie "Living in my head" kaum denkbar gewesen. Doch Kesha weiß auch noch, wie man Krawall macht: "The drama" ist beispielsweise ein völlig irres Konstrukt. So ungefähr muss es klingen, wenn ein Nervenzusammenbruch ins Tonstudio geht. "In the next life I wanna come back / As a house cat", lautet Keshas Pointe. Na dann.

Den emotionalen Höhepunkt des Albums stellt indessen "Happy" dar, das sich mehr als nur ein bisschen bei den Beatles bedient. Zu zarten Akkorden singt Kesha einfache Verse vom Wunsch danach, endlich glücklich zu sein. Diese Einfachheit ist es auch, die "Gag order" so schön macht. Andere verstecken sich hinter windschiefen Metaphern, Kesha singt einfach das, was sie meint. Das ist zwar manchmal etwas anstrengend, aber meist erfrischend direkt. Freilich bleibt bei einer Künstlerin wie Kesha immer die Frage nach der Authentizität im Raum. Andererseits ist das letzten Endes völlig egal, weil das Gesamtwerk stimmig ist. Und vielleicht ist es auch genau diese Dichotomie von Kunst und Künstlichkeit, die Kesha so spannend macht.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Eat the acid
  • Fine line
  • The drama
  • Happy

Tracklist

  1. Something to believe in
  2. Eat the acid
  3. Living in my head
  4. Fine line
  5. Only love can save us now
  6. All I need is you
  7. The drama
  8. Ram dass interlude
  9. Too far gone
  10. Peace & quiet
  11. Only love reprise
  12. Hate me harder
  13. Happy
Gesamtspielzeit: 38:58 min

Im Forum kommentieren

Affengitarre

2023-08-08 21:37:40

Wow, das ist wohl meine bisherige Überraschung des Jahres. Ich hatte schon mehrmals gehört, dass sie bereits mit „Rainbow“ ein sehr starkes Album gemacht haben soll (muss ich unbedingt nachholen), aber „Gag Order“ hat mich direkt total erwischt. Ein bisschen wirr ist es zwar schon, aber irgendwie ist das nur passend und emotional funktioniert es einfach bei mir.

Bisherige Highlights: „Something To Believe In“, „Eat The Acid“, „Happy“

Dieser „house cat“ Teil ist natürlich genial. :D

Christopher

2023-06-01 21:48:10

Meine Favoriten sind "The drama" und das wunderschöne "Happy".

Armin

2023-06-01 19:20:57

Aber auf "Only love can save us now" komme ich so gar nicht klar. Klingt, als singe da die Kelly Family mit.

Armin

2023-06-01 19:11:51

"Eat the acid" wird immer besser.

Enrico Palazzo

2023-06-01 08:10:49

Hm. Ich war jetzt von den ersten 4 Songs nicht so overwhelmed - mir ist das auch wieder viel zu viel unnötiger Autotune-Quatsch. Ich höre da nicht raus, was genau jetzt SO toll sein soll.

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