
ARXX - Ride or die
Grand Hotel van Cleef / The Orchard / IndigoVÖ: 31.03.2023
Im Liebestaumel
Dass in Brighton im Süden Englands zwischen Sehenswürdigkeiten wie dem Palace Pier oder dem Royal Pavillon irgendetwas ungemein Kreativförderndes zu wirken scheint, ist schon lange ein offenes Geheimnis. Gleichzeitig ist das beschauliche und bunte Städtchen in East Sussex auch als eine der europäischen Hochburgen für die LGBTQIA+-Szene bekannt. In Fällen wie dem des Duos ARXX kommen diese beiden Brighton-Trademarks zusammen: Hanni Pidduck und Clara Townsend kredenzen auf ihrem Debüt "Ride or die" schnörkellosen, herzerwärmenden und queeren Wohlfühl-Indie-Pop, der ebenso in der Garage zuhause ist, wie er polternd durch die lokalen Diskos fegt. ARXX setzen dabei ganz auf simple und eindeutige Songs, die sich jedoch trotz ihres direkten Zugangs den absolut komplizierten Emotionen widmen. Sie besingen fiesen Herzschmerz, geistige Gesundheit, amouröse Anwandlungen, aber auch queeres Selbstverständnis, und verpacken das alles ohne nennenswerte Ausfälle in hinreißende kleine Hits.
Ob die vergangenen Liebhaber*innen nun wie in "Baby uh huh" in eine bessere Zukunft verabschiedet werden oder sich die chaotische Affäre auf ihrem herausfordernden Höhepunkt befindet, das Duo setzt immer wieder klare Akzente: So zieren ARXX sich beispielsweise nicht, den gepflegten Dance-Punk im Titeltrack durch eine schon beinahe Queen-artige Choreinlage zu unterbrechen, der sie im "Outro" eine Reprise spendieren. In "What have you done" grätscht ein geradezu unverschämtes Schweinerock-Riff durch den fluffigen Indie-Pop, während Pidduck sich aus dem Staub macht und wiederholt das ein oder andere verzweifelte "Sorry" zurücklasst. Stücke wie "Deep" hingegen lassen den Rock'n'Roll zugunsten einer ausgelassenen, elektronischen Tanzflursause absichtlich links liegen. Dennoch wirkt "Ride or die" wie aus einem Guss und fühlt sich nur selten nach einem jener aus hunderten Singles zusammengepuzzelten Debütalben an, wie sie in den Zweitausendern für britische Hype-Acts noch gang und gäbe waren. Pidduck und Townsend spielen die Essenz ihres musikalischen Schaffens gekonnt nach außen.
"It's a long, long dance till the end of the night": ARXX sind immer auf der Suche, browsen mit grellen Cocktails in den Händen durch Brightons Nachtleben, auf dass die nächste Romanze weniger an die Substanz gehen möge und irgendetwas von ihr bleibt. Damit sie wie in "Stuck on you" dann höchstmelancholische Balladen über die Begegnungen schreiben können und keine angepissten Breakup-Songs benötigen. "Iron lung" schaltet am Ende trotzdem in den Riot-Grrrl-Modus und zertrümmert den ganzen Laden, was als Erinnerung dafür sorgt, dass man es hier aller Niedlichkeit und allen pointierten Synth-Einsätzen zum Trotz immer noch mit Alternative zu tun hat. "Ride or die" erinnert mitunter daran, was Tegan And Sara mit mehr Krach anstellen würden, oder angenehm an "Box of secrets", das Debüt von Blood Red Shoes. Tanzbarer Indie-Rock mit bloß Schlagzeug und Gitarre aus dem Küstenstädtchen funktioniert 2023 nämlich noch genauso gut wie 2008. Es gilt weiterhin: Brighton bleibt stabil!
Highlights & Tracklist
Highlights
- Deep
- Ride or die
- What have you done
Tracklist
- Baby uh huh
- Deep
- Not alone
- God knows
- Ride or die
- Call me crazy (feat. Pillow Queens)
- Stuck on you
- What have you done
- Never want to go back
- The last time
- Iron lung
- Outro
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Peacetrail
2023-03-22 23:27:31
Ist für mich die interessanteste Entdeckung der Woche. Danke!
Armin
2023-03-22 20:40:09- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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