Various Artists - Rio Reiser - Familienalbum - Eine Hommage

Safety / Edel
VÖ: 27.10.2003
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Rio der Erste

Auf die Frage, wer denn nun für die einheimische Rockmusik am meisten getan habe, kann es nur eine Antwort geben. Wer vermied denn trotz deutschsprachiger Texte den verhaßten Schlager, konnte sich wohltuend lyrische Verse ausdenken und diese mit unvergleichlicher Inbrust vortragen? Marius Müller-Westernhagen? Unsinn. Udo Lindenberg? Quatsch. Peter Maffay? Nicht mal ansatzweise. Ralph Möbius, besser bekannt als Rio Reiser, war es, der schon zu seinen Zeiten als Vordenker von Ton Steine Scherben sämtliche Meßlatten in Höhen trieb, nach denen sich heute noch mancher die Köpfe ausrenkt.

Nachdem der einzig wahre "König von Deutschland" am 20. August 1996 plötzlich starb, versuchte schon mancher mehr oder weniger angemessen, ihm Tribut zu zollen. Einen weiteren Versuch hat Reiser-Fan Frank Plasa (Selig, Echt, Fury In The Slaughterhouse) als ausführender Produzent nun mit dem "Familienalbum" vorgelegt. Vieles, was im jetzigen Deutsch-Pop Rang und Namen hat, versucht sich an Scherben-Klassikern und Reiser-Hymnen. Und das geht erfreulich häufig gut. Die Vehemenz, mit der sich Fettes Brot in "Ich bin müde" als hellwache Schnarchnasen outen, und die wohl schon erwartete Warmherzigkeit von Wir Sind Helden in "Halt Dich an Deiner Liebe fest" sind genau so, wie sie sein sollten. Auch wenn Die Sterne in "Wenn die Nacht am längsten" den Vocoder auswringen, die Paula-Süßigkeit "Mitten in der Nacht" Sommersprossen sprießen läßt und die Fehlfarben zum Beweis, daß sie ja eigentlich schon immer Punks waren, "Nicht nochmal" auskotzen, freut man sich über so viel Heute in Reisers Musik.

Doch die versammelten Teutonen-Nasen können leider auch anders. Wenn Nena sich mal wieder selbst featuret und "Schritt für Schritt ins Paradies" stolpert, Zahnspange Marlons Scheitern an "Junimond" Echtsche Schandtaten noch unterbietet und Großmaul Ferris MC den "König von Deutschland" völlig mißverstehenderweise gnadenlos peinlich verprollt, hört man es förmlich irgendwo in Norddeutschland rotieren. Spätestens aber wenn Joachim Witt "Wo sind wir jetzt" mitleidlos erwürgt, möchte man Rios nunmehr jedweden Drehzahlmesser überfordernder Leiche ein beherztes "Mach kaputt was, Dich kaputt macht!" zurufen.

Da freut man sich schon, wenn die Familie Schlegl mit Viva-Teilzeitkoch Tobi "Alles Lüge" immerhin okay herunterschrammelt und Marianne Rosenberg ihrem alten Freund in "Für immer und Dich" kurz vor der Kitschgrenze Lebewohl sagt. Und auch der Naidoo Xaver zeigt, daß er seine unstrittig tolle Stimme genau dann sinnvoll einsetzen kann, wenn er zur Abwechslung mal kluge (lies: fremde) Verse vortragen darf. Das dunkel rockende "Mein Name ist Mensch" ist gar nicht mal übel. Wie sehr aber doch alle Hommage im Schatten des Originals steht, zeigt der Meister selbst. Sein bittersüßes "Herzverloren" wurde, wie es anscheinend heutzutage so üblich ist, von Plasas halbwegs sanfter Hand generalüberholt. Und zeigt eines überdeutlich: Niemand leidet so aufrichtig wie Rio selbst.

(Oliver Ding)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Herzverloren (Rio Reiser)
  • Ich bin müde (Fettes Brot)
  • Halt Dich an Deiner Liebe fest (Wir Sind Helden)
  • Wenn die Nacht am längsten (Die Sterne)

Tracklist

  1. Herzverloren (Rio Reiser)
  2. Mein Name ist Mensch (Söhne Mannheims)
  3. Ich bin müde (Fettes Brot)
  4. König von Deutschland (Ferris MC)
  5. Für immer und Dich (Marianne Rosenberg)
  6. Halt Dich an Deiner Liebe fest (Wir Sind Helden)
  7. Wenn die Nacht am tiefsten (Die Sterne)
  8. Schritt für Schritt ins Paradies (Nena)
  9. Mitten in der Nacht (Paula)
  10. Wo sind wir jetzt (Joachim Witt)
  11. Nicht nochmal (Fehlfarben)
  12. Alles Lüge (Familie Schlegl)
  13. Wann (Jessina)
  14. Junimond (Marlon)
  15. Bald zuhause (Michels)
Gesamtspielzeit: 60:35 min

Referenzen