Richard Dawson - The ruby cord

Domino / GoodToGo
VÖ: 18.11.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Der heimliche Humanist

Für jemanden, der so völlig von jeder temporalen Einordnung gelöst klingt, interessiert sich Richard Dawson auffällig stark für den Zeitstrahl der Menschheitsgeschichte. Sein 2017er-Album "Peasant" richtete den Blick auf das Mittelalter, bevor "2020" mit eigenwilligem Prog-Pop Gegenwartsvignetten zwischen Fußballplatz und Amazon-Verpackungslager erschuf. Als Abschluss dieser konzeptionellen Trilogie geht es mit "The ruby cord" nun 500 Jahre in die Zukunft – doch Dawson wäre nicht Dawson, wenn er eine schlichte Space-Oper aus dieser Idee entspinnen würde. Die Grenzen zwischen Früher, Jetzt und Später sind, so legen es die drei Werke nahe, fließend: Die Probleme der Prostituierten aus dem sechsten Jahrhundert sind die gleichen wie heute, dystopisch scheinende Vorstellungen sind längst Realität. In diesem Sinne evoziert "The ruby cord" am ehesten die Prosa der großartigen Ursula K. Le Guin, in deren Welten Altertum und Science Fiction wie selbstverständlich verschmelzen. Der Mann aus Newcastle erfasst ursprüngliche Natur und hochentwickelte VR-Technologie in einem assoziativen und doch immer hochmelodischen Avantgarde-Folk, dem bar des Alien-Rauschens von "No-one" das Wort "futuristisch" so fremd ist wie dem Kollegen auf dem Albumcover ein gesunder Rücken.

Wer sich vorab bereits mit der Platte beschäftigte, weiß vermutlich um den Mythos des 41-Minuten-Openers, und hier ist er nun: "The hermit", ein Song so lang wie zwei Grindcore-Alben, Dawsons sanfter Widerstand gegen Aufmerksamkeitsspannen in Zeiten der Spotify-Playlist. Elf Minuten lang suchen sich Gitarre, Harfe, Violine und Drums, bevor die Stimme erwacht. Freiförmig und zuweilen a cappella beschreibt sie die Wunder um sie herum mit unendlicher Sensibilität, die sich mit Einsatz des Chors im letzten Drittel auch auf Rezeptionsseite überträgt. Das ist mysteriös, aber einladend und unheimlich immersiv: Musik, die keine Fragen beantworten oder eine Geschichte mit klarem Ziel erzählen will, sondern uns in einen die Zeit anhaltenden Wahrnehmungsraum transportiert.

Düsterer und konkreter wird es mit "Thicker than water". Der Protagonist nimmt eine entbehrungsreiche Reise nach Hause durch die Ruinen einer vergangenen Zivilisation auf sich, um seine eigene Leiche nebst denen seiner Eltern vorzufinden, angeschlossen an ein VR-Gerät. Nicht, dass man inmitten dieses jovial gezupften Folk-Rocks mit seiner hymnischen Himmelsleiter im Zentrum akustisch etwas vom Horror mitbekommen würde. Das ist das erstaunliche und irgendwie auch böse Kunststück von "The ruby cord": Albtraumszenarien mit seelenschmeichelnden Klängen aufzufangen, wie ein virtueller Fluchtort, der vom Verfall der Gesellschaft ablenken soll. Dawson kann's jedoch auch genau umgekehrt. "The fool" untergräbt seinen Wohlklang immer wieder mit Klezmer-Glitch-Pop und instrumentalen Zusammenbrüchen, ehe sich die Liebe, eine Kraft älter als die Sonne und mächtiger als das Böse, als Siegerin Bahn bricht und jede Dissonanz überstrahlt.

Damit offenbart sich der heimliche Humanismus als wahrer Kern der Platte. "Museum" kuratiert eine Ausstellung von Schnappschüssen der menschlichen Existenz: "Throngs of cheering football fans", "Riot police beating climate protesters". Den vielsagenden Abschluss bildet "Babies being born", ehe sich Rhodri Davies' zärtliche Harfe von Synths begleitet zu einer unbeschreiblichen Coda aufschwingt, welche wortlos die Hoffnung anstelle des Untergangs betont. Die gottgleiche Mutter, die in "The tip of an arrow" ihrer Tochter liebevoll das Überleben in der Wildnis beibringt, könnte auch aus einer alternativen "God of war"-Version stammen, während der Track mit seinen plötzlichen Stadion-Metal-Riffs auch musikalische Abenteuerlust vermittelt. "The only way out / Is forward and down", heißt es schließlich in "Horse and rider", das mit glorioser Streicher-Melodie den feierlichen Aufbruch anstimmt. Die Menschheit befindet sich, so ehrlich muss man sein, nicht gerade auf dem Weg in eine sorglose Zukunft, doch wenn nur ein einziges Gefühl nach dem Abschluss von Dawsons dreiteiliger Zeitreise übrigbleibt, ist es Trost. Die Welt stand in den vergangenen Jahrtausenden schon so oft am Abgrund, und wir sind immer noch da.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • The fool
  • Museum
  • Horse and rider

Tracklist

  1. The hermit
  2. Thicker than water
  3. The fool
  4. Museum
  5. The tip of an arrow
  6. No-one
  7. Horse and rider
Gesamtspielzeit: 80:51 min

Im Forum kommentieren

Lateralis84skleinerBruder

2022-12-07 21:20:05

Bevor die Woche rum ist und keiner unter Armin etwas geschrieben hat…das hat es nicht verdient.

Mich schreckt der Opener etwas ab, ins Album zu finden. 2020 bleibt mein Liebling aus der „Trilogie“
Aber die Welt wäre ohne Dawson deutlich trister

Armin

2022-11-30 21:37:31- Newsbeitrag

Frisch rezensiert. "Album der Woche"!

Meinungen?

myx

2022-11-21 17:00:10

Habe es gestern mal komplett gehört (die 1 Std. 20 Min. bin ich mir von Big Thief her ja gewohnt ^^). Gefällt mir insgesamt gut und teilweise sogar sehr gut, etwa das genannte Finale von "Museum" oder "The Hermit" ab Minute 28. Da gibt es aber noch viel zu entdecken und lieb zu gewinnen.

Lateralis84skleinerBruder

2022-11-21 16:04:13

Ich stimme auch oben genanntem zu. Richard Dawson ist einzigartig.

Der Durchlauf heute Morgen offenbarte wieder neue Schichten.
Erneut stach das letzte Drittel von Museum als Highlight hervor.
Habe Bock auf den Rückweg und einen neuen Durchlauf.

The Hermit ist mir aber zu lang. Vielleicht richtet es ja der begleitende Kurzfilm. Oder man nutzt die Zeit, sich den wandelnden Krosladen auf dem Cover komplett anzusehen :)

fitzkrawallo

2022-11-21 13:39:21

Ui, das freut mich. Träne im Knopfloch und Freudenfaust in der Tasche. Und keiner hat es mehr verdient als Richard Dawson. Nette Interviews auch kürzlich beim Adam Buxton-Podcast und bei The Quietus.

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