Voodoo Jürgens - Wie die Nocht noch jung wor

Lotterlabel / Sony
VÖ: 02.12.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Eskalierter Eigensinn

Austropop ist längst keine Nischenware mehr. Wien alleine hat etliche talentierte Künstler*innen von den Stadttoren der Donau-Schönheit in die (deutschsprachige) Kulturwelt entlassen, bloß um sie dann kurze Zeit später mit tausenden neuen Freunden wieder in der Heimat zu empfangen. David Öllerer alias Voodoo Jürgens ist sicherlich mit der schrägste Vogel, der der österreichischen Bundeshauptstadt entflogen ist. Müsste man einordnen, was seine bisherigen Werke "Ansa Woar" und "'S klane Glücksspiel" so markant macht, ist es sicherlich die freie Schnauze, das konsequente Bekenntnis zum derben Wiener Schmäh. Gemeinsam mit dem Hang zum leicht vulgären Blick auf die Menschheit, auf kauzige Eigenarten der Mitbürger*innen und dem blank polierten Spiegel, mithilfe dessen Voodoo Jürgens den Wienerinnen und Wienern jene Wesensart direkter vor Augen führt, als ihnen lieb sein könnte.

Es passt ins Bild, dass der Reifeprozess des Herrn mit dem markanten Vokuhila-Schopf nun zu einer weiteren Eskalationsstufe in Sachen Eigensinn führt: Voodoo Jürgens' Drittwerk "Wie die Nocht noch jung wor" lässt klanglich die Trademarks der Rockmusik weitestgehend außen vor. Zwar kokettieren die eingängige Single "Es geht ma ned ei" und vor allem das Tanzbein und Popo schwingende "Twist" mit dem guten alten Rock'n'Roll, doch bereits der Opener "Weida is gscheida" swingt sich und uns elegant und entspannt ins Album. Streicher und Percussion begleiten den gestenreichen wie fein gestrigelten, eindringlichen Refrain herein, ein leiser Chor begleitet nebst des Pianos nicht weniger elegant raus. "Hoiber Preis" gibt sich einem wilden, teils zirkusartigen Polka-Beat dahin, zieht das Konsumverhalten fast pünktlich zum Black Friday ins Lächerliche. Selten war solch "Humptata"-Sound in einem Kontext passender. "Wer wü, wer mog? / Wer hod no ned?" Satire in Donauform. Und weil's gerade so schön ist, swingt sich der Wahlwiener, welcher gebürtig aus Tulln an der Donau stammt, nur allzu gern dazu auf, in "Zuckerbäcker" seinen ehemaligen Ausbildungsberuf, dessen Eigenheiten mitsamt Erinnerungen durch den Kakao zu ziehen. Das opulente wie schöne "Federkleid" holt nicht bloß aus zur großen Geste, sondern zieht diese in beeindruckender Manier durch. Austropop? Vielmehr müsste man fragen: Ist das österreichischer Jazz oder Wiener Soul?

Überhaupt sollte man spätestens auf diesem Album Voodoos Band, die Ansa Panier, herausstellen. Denn die Herren swingen, twisten und jazzen sich gekonnt und mit Leidenschaft durch dieses etwas entrückt wirkende, mal nebelige, oft aber auch sonnenverwöhnte Feld schöner Klänge, während Öllerer in bewährter Tradition seine typsichen Geschichten erzählt: vom originären Wien, von der Komik des aus der Zeit Gefallenen, von zwielichtigen Erscheinungen, von Großkopferten, Außenseitern und Antihelden. "Wie die Nocht noch jung wor" ist irgendwo doch Nischenware und in seinem konsquenten Eigensinn eher kein Album für Jedermann. Als Werk in gewisser Weise zeitlos, weil musikalisch entrückt, daher selbstbewusst und schüchtern zugleich, ebenso mutig und verstörend. Und eigentlich kaum in eine Bewertungsskala zu pressen. Überlassen wir die Einordnung am besten dem Maestro himself: "Es zieht Di in den Bann / es losst Di nimmer lohas / Es wuih was von Dia / Die Koarten spuit's ah aus". Wie gut das dann wirklich ist? Bleibt vermutlich ein Geheimnis.

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Twist
  • Federkleid
  • Es geht ma ned ei
  • Zuckerbäcker

Tracklist

  1. Weida is gscheida
  2. Twist
  3. Hoiber Preis
  4. Federkleid
  5. Es geht ma ned ei
  6. Lassalle Strossn
  7. Zuckerbäcker
  8. Beses End
  9. Fost wie ans
  10. Stöckelschuach
  11. Los mas bleibn
  12. Odessa
Gesamtspielzeit: 45:17 min

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8hor0

2022-12-07 08:47:41

gern geschehen! :)

8hor0

2022-12-07 08:46:45

das "tat" könnte man auch noch mit "würde" ersetzen anstatt "täte" :)

Henri7

2022-12-07 00:11:47

…erst zweiter Durchlauf. Aber wenn der Weißwein nicht übertrieben euphorisiert: schon ein überragendes Album, würde sagen sein bestes. Direkt mal Tickets fürs FZW geordert.

Deaf

2022-12-06 18:16:23

Danke, ja, sowas ähnliches höre ich jetzt auch. ;-) Wobei "tun täte" grammatikalisch keinen Sinn macht, oder ist das eine österreichische Eigenart?

8hor0

2022-12-06 14:58:07

also das zweite "man".

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