Benjamin Clementine - And I have been

Preserve Artists
VÖ: 28.10.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Maximal unwahrscheinlich

Benjamin Clementine entzieht sich fleißig den etablierten Regeln des industriellen Musikbetriebs. Fünf Jahre sind seit dem schaurig-schrägen "I tell a fly" mittlerweile ins Land gezogen. Zwischenzeitlich hat der Wahl-Pariser die britische Songwriterin Flo Morrissey geheiratet, einen unwahrscheinlichen Auftritt in der italienischen Variante von "X-Factor" hingelegt und schließlich in Denis Villeneuves "Dune" sein großes Leinwanddebüt gefeiert. Neue Musik gab es lange nicht. Im Sommer wurde "And I have been" dann zunächst als lose Songsammlung angekündigt, die allerdings mitnichten sein neues Album sei, denn dieses sei zwar bereits geschrieben, würde aber erst 2023 veröffentlicht werden. Zum Erscheinen ließ der Künstler nun Folgendes verlauten: Ganze zwei neue Platten soll es geben, die jetzt vorliegende ist nichts weiter als ein Vorgeschmack, dabei die leichtere dieser Dilogie. Wie sich zeigt, soll er vorerst recht behalten.

Clementine verlässt sich anfangs auf nichts weiter als dezenten Bass und manische Streicher, später kommen zaghaft Handclaps, Background-Vocals von Morrissey und Pfeifeinlagen dazu. Generell dienen die Begleitinstrumente mehr denn je als Untermalung für die gewohnt extrovertierten Gesangslinien, der Sänger channelt weiterhin seine Ikone Nina Simone, bleibt ansonsten aber ungewohnt reduziert, bespielt Kleinkunstbühnen statt Opernhäuser. Ausschweifende Piano-Passagen lassen sich demnach Zeit auf "And I have been". Viel passiert auch später eigentlich nie, die Melodien sind prägnant und erinnern in ihrer Simplizität mitunter an Kinderlieder. Diese Vorgehensweise ist charmant, im Schatten des Vorgängers sogar möglicherweise antiklimaktisch. Aber wer hätte von Benjamin Clementine auch eben das Beschreiten gängiger Pfade erwartet? Besonders "Copening" erreicht in bloß dicken zwei Minuten eine ungeheure Intensität.

Inhaltlich könnte es hingegen kaum konventioneller zugehen: Das Werk steht ganz im Zeichen der Liebe, was nach der Underdog-Lyrik und bissigen Sozialkritik Clementines erster beider Alben definitiv Neuland bedeutet. "I keep rolling into the path of a woman." Die Kompositionen zwischen an Klassik geschultem Kammer-Pop, düsteren Soul-Klecksen und Liedermacher-Understatement sind wenig herausfordernd, aber anschmiegsam und liebenswürdig. Allen voran "Gypsy, DC", das sanfte "Auxiliary" und das feierliche "Delighted" glänzen mit Eingängigkeit, die dem Musiker aber keineswegs den Weg ins Formatradio ebnen sollte, denn dazu bleibt er zu sperrig und eigenartig. Und platziert die großen Kunstgesten diesmal dezenter und bewusster: Die sechsminütige Klavierübung "Last movement of hope" plätschert leider recht unentschlossen durch Pariser Cafés (oder: Fahrstühle) und nimmt auf dem kompakten Album sehr viel Raum ein. Dabei handelt es sich jedoch um ein verschmerzbares Haar in der Suppe.

Denn ob jetzt die fröhliche Black-Music-Fete in "Lovelustreman" oder Chansons wie "Genesis", in ihren Bann ziehen die neuen Stücke durchgängig. Der Mythos Benjamin Clementine entwickelt sich auch nach solch einem eher unwahrscheinlichen, gänzlich selbstproduzierten und -verlegten Album weiter und entzieht sich im stetigen Wandel eindeutigen Kategorisierungen: von der Obdachlosigkeit und barfüßigem Straßenmusizieren über Mercury Prize und Weltruhm bis hin zu – ja, zu was nun? Schauspielern will Clementine weiter, das habe er bisher noch nicht zur Genüge, aber "über die Liebe singen" sei schließlich genauso neu. "Only love can find a difference!" Wenn "And I have been", das seine Euphorie nicht unbedingt groß und breit hinausposaunt, dabei wie behauptet die rosarote Brille trägt, kann man sich nur denken, wie trostlos die Fortsetzung werden soll. Es bleibt spannend – und Kontinuität ist eh überbewertet.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Residue
  • Delighted
  • Copening
  • Auxiliary

Tracklist

  1. Residue
  2. Delighted
  3. Difference
  4. Genesis
  5. Gypsy, BC
  6. Atonement
  7. Last movement of hope
  8. Copening
  9. Weakend
  10. Auxiliary
  11. Lovelustreman
  12. Recommence
Gesamtspielzeit: 36:35 min

Im Forum kommentieren

Ralph mit F

2022-11-10 15:08:32

Bitte noch die Threads zusammenschmeißen.

https://www.plattentests.de/forum.php?topic=100876&seite=1

Lateralis84skleinerBruder

2022-11-10 12:27:43

Völlig an mir vorbei gegangen. Den Vorgänger mochte ich sehr. Wird ausgecheckt

Armin

2022-11-09 19:49:25- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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