Christine And The Queens - Redcar les adorables étoiles (Prologue)

Virgin / Universal
VÖ: 11.11.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Eine Oper für viele Bühnen

Die Suche nach der eigenen Identität: Für Héloïse Letissier nicht nur eine Floskel, sondern stetiger Begleiter des Schaffens rund um "Chaleur humaine", "Chris" und die überragende EP "La vita nouva". Genauso zentral drehte sich dementsprechend auch jeweils der Einstieg jeder Plattentests.de-Besprechung erst einmal um Genderfragen. Selbiges hier, denn Chris, oder Redcar – dazu gleich – änderte 2021 seine Pronomen zu männlich, weswegen dies nun auch hier im Text übernommen wird. "Redcar les adorables étoiles (Prologue)" ist nun das Werk von Christine And The Queens, um welches sich die kommenden Zeilen drehen werden, und ist dabei teils genauso kryptisch aufgezogen, wie Chris sich selbst präsentiert. Um dieses als Rockoper bezeichnete Konzept zumindest im Ansatz zu erfassen, ist wohl ein Live-Besuch nötig, denn hier handelt es sich nicht nur um ein Album, sondern auch um ein dazugehöriges Bühnenprojekt, welches zu Release an ausgewählten Orten präsentiert wird. Wie angerissen ist "Redcar" nun vieles, so auch ein Titel, unter dem der Künstler nun auftritt: als subjektive Versinnbildlichung eines Zeichens von Hoffnung, Liebe und des Glaubens. Durch vorbeifahrende rote Autos fühlte er sich während der Arbeiten zu dieser Oper beim einsamen Wandern inspiriert und in sich selbst gestärkt.

Viel Drumherum also um die 13 Stücke und viel, was hier etwas links liegen gelassen wird, sei es aus Mangel an Informationen, an Zugang oder an klarem Verständnis davon, was Redcar mit "Les adorables étoiles" als Künstler zu sagen vermag. Was auch an der Gesangssprache Französisch liegt, die zwar immer durch englische Zeilen, Worte, Refrains ergänzt, aber eben auch sehr metaphorisch eingesetzt wird, wie in "La Clairefontaine". Wenn schon die geschlechtliche Identität keine Grenzen kennt, ist es bei der sprachlichen erst recht nicht der Fall. Dank der fließenden, vielfach wunderschöne Melodiebögen erschaffenden Gesangsstimme entstehen an diesen Stellen auch keine Brüche. Da Rockoper mit Konzept bisweilen sehr hochtrabend klingt und auch sein kann, darf an dieser Stelle auch der Satz nicht fehlen, dass jeder Song auch ohne Albumkontext als solcher funktioniert und größtenteils in leicht verdaulichen Häppchen von drei- bis viereinhalb Minuten serviert wird. Auf Interludes, Intros, sonstige "arty" Zwischenspiele wírd verzichtet. Dargeboten wird diese Rockoper spannenderweise ohne großen Fokus auf klassische Rockinstrumentierung. Die neuen Stücke folgen klar dem Ansatz des bisherigen Schaffens: ein bunter Mix aus Dance-Pop, Chanson und R’n’B.

Die Highlights versammeln sich dabei größtenteils direkt zu Beginn. Einen wundervollen Einstieg bietet das verträumte "Ma bien aimeé bye bye", ein Lamento an das Ende einer Utopie. Schwermütig, schön, getragen von einer unglaublichen Eleganz. Das Gegenteil liefert "Tu sais ce qu’il me faut" und lässt die Disco-Kugel grell zu scheinbar banalen "La-la-la"- Einsprengseln leuchten. Tanzt, feiert, zelebriert! Den Rückwärtssalto vollzieht "La chanson de chevalier": wieder Tempo raus, elegische Atmosphäre rein. "Rien dire" und "Les étoiles" schaffen auch ohne Live-Darbietung Kopfkinobilder ausladender, intensiver Tanzperformances und "Looking for love" ist jene positive Hymne, die es immer wieder braucht: "I’m looking for love in a meaningful way so I never let go." "Combien de temps" basiert im Grunde nur auf einem sehr lässig gespielten Beat, welcher aber achteinhalb Minuten Platz bekommt. Es ist das finale Trio, welches das Album etwas kippen lässt, denn hier ist die Luft dauerhaft etwas raus. Klappte das Wechselspiel aus eher ruhigen und schnellen Parts bislang sehr gut, fehlt hinten raus etwas die Spritzigkeit: das letzte Ausrufezeichen, das große Finale. Stattdessen das TripHop-artige "Angelus" und dann noch "Les âmes amantes": möglicherweise wichtig in Text und Kontext, wie hier nun nach dem "Bye-Bye"-Einstieg final ein Seelenpartner gefunden wurde und die 53 Minuten somit einen lyrisch runden Abschluss finden, jedoch steht hier die Art des Vortrags, der Gesangs-/Erzählstil so sehr im Vordergrund, dass der Song als solcher nicht richtig wirken kann. Trotz dieser kleinen Schwächephase schließt sich der Vorhang an dieser Stelle hoffentlich nur kurz. Wenn der Titel hält, was er verspricht, und dieser Prolog ein solcher ist, stehen noch weitere Akte dieser Oper zur Selbstfindung und neuen Selbsterfindung eines außergewöhnlichen Künstlers bevor.

(Klaus Porst)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Ma bien aimeé bye bye
  • Tu sais ce qu’il me faut
  • Looking for love

Tracklist

  1. Ma bien aimeé bye bye
  2. Tu sais ce qu’il me faut
  3. La chanson du chevalier
  4. Rien dire
  5. La Clairefontaine
  6. Les étoiles
  7. Mémoire des ailes
  8. Looking for love
  9. My birdman
  10. Combien de temps
  11. Je te vois enfin
  12. Angelus
  13. Les âmes amantes
Gesamtspielzeit: 53:09 min

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Armin

2022-11-09 19:49:15- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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