Katharina Nuttall - The garden

Novoton / Broken Silence
VÖ: 21.10.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Mit grünem Daumen

Der alte Römer Cicero meinte einst sinngemäß in einem Brief an seinem Kumpel Varro, dass es einem an nichts fehle, wenn man einen Garten und eine Bibliothek hat. Angefangen mit dem paradiesischen Eden ist auch die Kombination beider Bereiche durchaus gängig und der Garten ein beliebtes Motiv in der Literatur, man denke nur an Goethes "Wahlverwandtschaften" oder den Kinderbuchklassiker "Der geheime Garten", der Depeche Mode zum Synthie-Schmeichler "My secret garden" inspirierte. Und auch bei anderen Songwritern musste die Gartenmetapher immer wieder herhalten: Bei Guns'n'Roses stand "The garden" für das Drogen-High, Bruce Springsteens "Secret garden" ist das letzte Geheimnis, das auch unter Liebenden nicht geteilt wird. Katharina Nuttall ist mit ihrem Mehr-oder-weniger-Konzeptalbum "The garden" also in sehr guter Gesellschaft und nennt "Charles Baudelaire, John Keats and dirt" als wichtige Einflüsse. Erfreulicherweise erschließt sich der Reiz von Nuttalls erstem songbasierten Album seit "Turn me on" von 2011 jedoch nicht nur Kennern französischer und britischer Lyrik des 19. Jahrhunderts, sondern auch ganz unmittelbar emotional.

Den Opener "Lethe" kann man also als spannende Übertragung von Baudelaires Gedicht über den gleichnamigen Fluss des Vergessens verstehen, er fesselt aber mit den flirrenden Streichern, dem pulsierenden Beat und Nuttalls zunehmend intensiver werdendem Spoken-Word-Vortrag auch völlig ohne Textverständnis von der ersten Sekunde an. Eine schwelgerische Gesangsmelodie, nervöses Fingerpicking und klagende Geigenakzente prägen die düster-schöne Atmosphäre in "The poison tree", welche die Erotik der Zeile "The gates were open wide / I know you drank me like the water" mit einer nie näher bestimmten Bedrohlichkeit kombiniert. Das Album-Highlight "Velvet moon" hingegen ist ein interstellarer Fiebertraum, der klingt, als würde Julee Cruise auf der Bühne des Roadhouse in Twin Peaks die B-Seite von David Bowies "Low" mit ihrem sphärischen Gesang untermalen.

Ob es nun der wabernde Ambient-Sound von "Talk to silence" ist oder scheppernder Art-Rock wie "Deep blue" das verbindende Element aller Songs ist das ungeheuer faszinierende Spannungsfeld von elektronischen und analogen Elementen, im Pop-Kontext eher selten gehörter Instrumente wie Zither oder Mellotron sowie Nuttalls dunklem Stimmtimbre. Im sehr jazzigen "Inspired by John Keats" dominieren Pauke und Bassklarinette, während die Norwegerin die erste Strophe von Keats' Naturgedicht "In drear nighted December" fast wie ein Mantra wiederholt. Melodischer wird es zum Ausklang in der schwülen Ballade "The trees of green" und dem herrlichen, sich in synthiegetränkte, epische Höhen aufschwingenden "Forever stay", sodass "The garden" die Spannung stets hochzuhalten vermag. In Katharina Nuttalls akustischem Garten wachsen also ungewöhnliche und tendenziell im Halbschatten blühende Pflanzen, und auf dessen verwinkelten Pfaden verlieren sich die staunend Zuhörenden nur allzu gerne.

(Michael Albl)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • The poison tree
  • Velvet moon
  • Forever stay

Tracklist

  1. Lethe
  2. The poison tree
  3. Velvet moon
  4. Talk to silence
  5. Inspired by John Keats
  6. Deep blue (feat. The Hanged Man)
  7. The trees of green
  8. Forever stay
Gesamtspielzeit: 38:13 min

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Armin

2022-11-02 21:22:18- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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