High Vis - Blending

Dais / Cargo
VÖ: 30.09.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Ein Hoch auf die Hackfresse

Mit vertrauenerweckenden Gesichtszügen ausgestattet zu sein, kann ganz schön nerven. Ein Blick zu viel in die Richtung von jemand, der einen erschreckend auskunftsbereit anschaut – schon muss man sich für den Rest des Abends ein Ohr abkauen lassen. Was fürs nächste Mal immerhin zu einer weniger einladenden Physiognomie führen könnte. Ein Hoch also auf die Hackfresse: Diese mag unpopulär sein, sorgt aber dafür, dass man in Ruhe sein Bier trinken kann. Eine Garantie ist das natürlich nicht – auch nicht für Graham Sayle, Frontmann von High Vis aus London und Typ stark tätowierter Stiernacken mit Goldzahn. Der ist nämlich trotz etwas bärbeißigem Äußeren eine Seele von Mensch und ein guter Zuhörer, wie er in der ersten "Blending"-Auskopplung "Talk for hours" bekennt: "I hardly know ya / But I'm listening to you cry." Und manchmal spricht auch gar nichts dagegen, wildfremden Leuten sein Herz auszuschütten. Sofern man vor weit aufgedrehten Gitarren überhaupt ein Wort versteht.

Man muss nämlich wissen, dass in High Vis' Songs trotz gekippter Stimmung meist der Punk abgeht – kein Wunder, wenn sich das Quintett aus Mitgliedern mehrerer aufgelöster britischer Hardcore-Bands zusammensetzt. Ein Genre, das vor allem durch Sayles großmäuliges Bellen zwischen Angepisstheit und frustrierter Resignation spricht, während man den Punk seiner Mitstreiter beizeiten durch ein "Post" ergänzen sollte – spätestens seit Stücken wie "Blood moon" oder "New asbestos" vom Debüt "No sense no feeling", die Gang Of Four und Joy Division mit dem Kantholz zu Leibe rückten. Nichts, was Fontaines D.C., Crows oder Idles nicht auch hinkriegen – eine unwiderstehliche Hymne wie "Talk for hours", die beinahe orchestral gesättigten Gitarrendonner mit schmiegenden Absichten und kumpelhaftem Schulterklopfen verbindet, müssen aber auch diese Bands erst einmal schreiben. Und anschließend gleich das temporeiche Sägen von "0151" und die ruppige Space-Rock-Umdeutung "Out cold" nachlegen. Die ersten Lads johlen schon.

Und das nicht nur, weil High Vis gerne mal einen heben und die Meinung vertreten, dass die Arbeiterklasse immer noch unschlagbar ist, denn plötzlich dünsten die saftigen Soundwälle des Fünfers auch Brit-Pop-Nationalheiligtümer aus. Shows wie in den Anfangstagen, bei denen High Vis laut Sayle einmal sogar vor einem einzigen Zuschauer und dessen wenig begeistertem Hund auftraten, sollten also der Vergangenheit angehören. Zu wunderbar perlen versonnene Licks und Twangs aus den Gitarren, wobei The Stone Roses' "Made of stone" genauso in Hörweite ist wie The Jesus And Mary Chains Surf-rockige "Automatic"-Phase und sogar ein Hauch Oasis-Breitarschigkeit. Da fällt es fast nicht auf, dass das formschöne Poltern von "Trauma bonds" mit Tränen auf der Gore-Tex-Warnweste den Suizid eines Freundes betrauert und der "Morality test" zu schleifenden Riffs ernüchtend ausfällt: "Our competitive morality / Will be the death of you and me." Doch vor der Konkurrenz muss es High Vis mit diesem Album sicher nicht bange sein.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Talk for hours
  • 0151
  • Trauma bonds

Tracklist

  1. Talk for hours
  2. 0151
  3. Out cold
  4. Blending
  5. Trauma bonds
  6. Fever dream
  7. Morality test
  8. Join hands
  9. Shame
Gesamtspielzeit: 37:42 min

Im Forum kommentieren

fuzzmyass

2024-02-12 12:24:57

Nice :)

fakeboy

2024-02-12 10:58:41

Braucht jemand die Adresse des Sängers? Hab mir die LP über Bandcamp bestellt - wurde letzte Woche geliefert mit einer handgeschriebenen Dankesnote. Beim Absender hab ich dann kurz gestutzt - Graham Sayle, hmm, kommt mir bekannt vor...? Ach ja, das ist ja der Sänger ;-) Ich mag es sehr, wenn man Merchandise direkt von der Band zugestellt erhält.

saihttam

2023-10-27 00:24:04

Hab mal Iceage als Headliner ohne Vorband gesehen. Die haben höchstens 15 Minuten gespielt und dann noch auf Bitten/Beschwerde eines Fans, der extra aus Dortmund nach Offenbach angereist war, noch eine Zugabe von 2 Minuten drangehängt. Allerdings hatten sie bis zu diesem Zeitpunkt auch nur ein Album von 25 Minuten Spielzeit veröffentlicht. Ich hatte die Karte gewonnen und weiß daher nicht mehr, wie viel es eigentlich gekostet hätte, aber ich hatte mich mit dem Fahrrad im strömenden Regen zum Venue gekämpft und hatte wahrscheinlich eine längere Anreise, als das Konzert ging. War im ersten Moment auch ziemlich enttäuscht, konnte aber im Nachhinein auch verstehen, dass die Band nicht so Lust hatte vor weniger als 10 Personen eine krasse Show abzuziehen. Aber es war auf jeden Fall ein Abend, der mir im Gedächtnis blieb.

Nur mal so als kleine Anekdote am Rande.

boneless

2023-10-24 21:50:21

Ich kann tatsächlich allen Seiten hier was abgewinnen. Ich persönlich hätte eher leichte Bauchschmerzen ob dem Grund der Verlegung vom Conne Island ins Täubchenthal gehabt, aber das ist jedem selbst überlassen. Macht mir High Vis jedenfalls nicht wirklich sympathisch (die ich generell für gut, aber ziemlich überbewertet halte). Hat mir allerdings die Entscheidung erleichtert, an dem Abend guten Gewissens zu den Nerven ins UT zu gehen.

Davon abgesehen hat das Täubchenthal auch nicht den besten Ruf in der Szene, ein reiner Kommerzladen ohne Herz und Seele. Die zwei Mal, die ich bisher dort war, kam überhaupt keine Atmosphäre auf. Und es wundert mich nicht, dass die es nicht für nötig gehalten haben, die Besucher zu informieren, dass zwei Bands ausfallen. Hätte ja Diskussionen geben können.

Die Qualität eines Abends bzw. die Kosten eines Gigs mit der Spielzeit aufzurechnen, finde ich auch eher seltsam. Im Gegenteil: ich war schon auf einigen Konzerten, die deutlich besser gewesen wären, wenn die Band 2-3 Nummern weniger gespielt hätte. Es kommt wie immer ganz auf die Musik an. Sicher gabs auch schon deutlich zu kurze Konzerte, liegt schlussendlich im Ohr des Betrachters.
Und dennoch kann ich den Unmut von Christian nachvollziehen. Bei derartiger Nichtkommunikation seitens der Veranstalter wäre mein Blutdruck auch jenseits 180 gewesen... da sind auch Posts auf Social Media Kanälen der Bands kein Argument, hier liegt die alleinige Schuld beim Veranstalter.

christianwalter1976

2023-10-24 14:36:24

Wahrscheinlich Pest oder?

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