Disillusion - Ayam

Prophecy / Soulfood
VÖ: 04.11.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Eine heftige Gabe

Das war ja mal ein Paukenschlag. 2019 meldeten sich Disillusion mit dem Album "The liberation" nach langer Bandpause wieder zurück. Und wie sie es taten: Nur wer das zwischenzeitliche Lebenszeichen in Form der Single "Alea" aus dem Jahr 2016 verfolgt hatte, konnte ahnen, zu welch einem Ausrufezeichen diese Platte geraten sollte. Plötzlich waren die Sachsen wieder da, wo sie Mitte der Nullerjahre schon einmal waren, nämlich ganz oben in der kleinen Spitzengruppe derer, die wirklich Death Metal mit progressiven Elementen verheiraten und damit wahre Song-Gemälde entstehen lassen können. Was das Bandgefüge dermaßen festigen konnte, dass der Ausfall jeglicher Touraktivitäten im Zuge der allgegenwärtigen Corona-Maßnahmen zwar natürlich ein harter Schlag war, den Vierer aber noch enger zusammenrücken ließ. Insofern klingt es fast ein bisschen paradox, dass ausgerechnet das neue Album "Ayam" das erste ist, das in die Hände eines externen Produzenten gegeben wurde. Doch natürlich kann es absolut sinnvoll sein, eine Instanz zu haben, die möglicherweise ein wenig die eigenen Kernkompetenzen stärker hervorholt.

Erst recht, wenn diese Instanz Jens Bogren heißt und seit Jahren als Koryphäe unter den Metal-Produzenten gilt. Nach dem ersten Durchlauf ist jedoch klar, dass Bogrens Aufgabe dieses Mal eigentlich ganz simpel gewesen sein muss – nämlich den perfekten Soundteppich für technisch hochwertige Metal-Epen zu entwickeln. Metal-Epen wie "Am Abgrund" beispielsweise. Wenn es eines einzigen Beispiels für die ganze Klasse von Disillusion bedarf, dann ist es genau dieser Opener. Ganz davon abgesehen, dass es geradezu dreist ist, ein Album mit einem elf Minuten langen Monolithen zu eröffnen, hetzt der Song durch die unterschiedlichsten Stile und Stimmungen, bleibt dabei immer konsistent. Jedes Break, jede kleine Sequenz ergibt absolut Sinn, will erforscht werden, fordert heraus. Keine Ahnung, wie lange es braucht, um dieses an Perfektion grenzende Meisterwerk endlich entschlüsseln zu können. Und bei jedem Durchlauf tauchen neue Facetten an der Oberfläche auf. Wer, wenn nicht der über alle Metal-Genres höchst respektierte Bogren wäre imstande, dieses Spiel mit den Dynamiken auch nur ansatzweise adäquat zu produzieren?

Doch natürlich ist in erster Linie die Band selbst für die Klasse eines Albums verantwortlich. Und die Leipziger haben ihr Pulver mit dem Opener noch lange nicht verschossen. Das folgende "Tormento" zum Beispiel beginnt mit trügerischer Ruhe, ehe sich Death-Metal-Eruptionen entladen, wie sie höchstens auf dem nach wie vor legendären Debüt "Back to times of splendor" auftauchten, während "Driftwood" seine anfänglichen Prog-Wurzeln kaum verleugnen mag, sich später aber immer epischer ausbreitet. Wenn es aber noch einen letzten Beweis braucht, dass Genre-Grenzen für Disillusion nur zu dem Zweck existieren, um sich darüber hinwegsetzen zu können, dann ist es das knapp zwölf Minuten lange "Abide the storm". Es dürfte nicht allzu viele Metal-Songs geben, bei denen knallharte Riffs, filigrane Soli und Keyboard-Teppiche von Flügelhorn und Trompete dermaßen stimmig unterstützt werden, ohne in dissonanten Krach auszuarten. Und wie schon bei "Am Abgrund" dürfte es auch hier Monate dauern, bis der Song in all seinen Feinheiten analysiert ist. Unfassbar.

Man muss fast schon beruhigt sein, wenn ein Song wie "Longhope" auftaucht, der in der ersten Hälfte so sehr von Riverside inspiriert zu sein scheint, dass man sich manche Gesangsmelodien glatt mit dem melancholischen Timbre von deren Frontmann Mariusz Duda vorstellt. Das macht das Songwriting auf der einen Seite wieder menschlich statt übermenschlich, bildet aber gemeinsam mit "Nine days" einen kleinen Ruhepol, die Chance auf Erholung nach diesem Irrsinn. Fast scheint es, als ließen Disillusion die Platte dezent austrudeln, doch statt progressivem Wahnwitz dominiert in der zweiten Albumhälfte vor allem Atmosphäre, die es vor allem unter dem Eindruck der furiosen ersten Hälfte aufzusaugen gilt. Die ganz große Kunst dabei ist allerdings, dass das Gesamtbild eben nicht nach zwei aufeinanderfolgenden EPs mit unterschiedlichen Stilen klingt, sondern dass sich die Band ihrer eigenen Virtuosität von zwei ganz unterschiedlichen Seiten nähert. Insofern bleibt die Reunion der Band 2016 ein Geschenk – was wäre es für ein Jammer gewesen, wenn diese Kunst auf ewig in Proberäumen versauert wäre.

(Markus Bellmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Am Abgrund
  • Abide the storm
  • Longhope

Tracklist

  1. Am Abgrund
  2. Tormento
  3. Driftwood
  4. Abide the storm
  5. Longhope
  6. Nine days
  7. From the embers
  8. The book
Gesamtspielzeit: 59:27 min

Im Forum kommentieren

ToRNOuTLaW

2023-03-22 18:50:25

Ach, um meine eigene Frage zu beantworten, "Back to Times of Splendor" ist wieder auf Vinyl verfügbar.

ToRNOuTLaW

2023-03-22 18:49:21

Bei mir verlinkt Armins Post auf die DJ Bobo Rezi :D

Mawi09

2023-03-22 14:42:52

Ich bin immer noch völlig begeistert von diesem Album. Hab mir mal in am Abgrund reingehört weil ich überrascht war, dass eine mir völlig unbekannte deutsche Metal Band bei der metal.de Bestenliste auf Platz 4 ist und fand es dann interessant genug um mir das ganze Album zu holen. Anfangs war ich sogar etwas enttäuscht, wegen der vielen ruhigen Parts. Aber das ganze ist so schnell gewachsen und wächst immer noch mit jedem Durchgang. Für mich ne absolute 10/10 und wirklich schade, dass sie nicht mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Marküs

2022-12-17 11:27:52

So siehts nämlich aus: Mindestens so gut wie Back to Times of splendor! 4 Alben 4 Meisterwerke und ja auch unbedingt Gloria! Kein Album keiner Band klang jemals so. David Lynch in Metal

Max Power

2022-12-17 10:47:53

Ist auch bei mir Album des Jahres, mindestens genauso gut wie Back to Times of Splendor.

Echt Schade, dass das Album hier so wenig Aufmerksamkeit bekommt.

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