Taylor Swift - Midnights

Republic / Universal
VÖ: 21.10.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Pyjama-Pop

"What if I told you none of it was accidental?" In "Mastermind", dem tollen Closer ihres zehnten Albums "Midnights", spielt Taylor Swift die machiavellistische Ränkeschmiedin, welche die Verführung ihres Geliebten wie eine Schachpartie geplant hat. Es fällt schwer, in dieser Geschichte keinen selbstreferenziellen doppelten Boden zu erkennen. Swift beherrscht die Popstar-Inszenierung mit wechselnden Personas perfekt, und doch hat man bei ihr stets das Gefühl, emotional aufrichtig hinter jeder Wandlung zu stehen und die Fäden selbst in der Hand zu haben – ein Autonomie-Anspruch, den nicht zuletzt ihr aktuelles Großprojekt, aufgrund eines Rechteverlusts ihre ersten sechs Platten komplett neu aufzunehmen, unterstreicht. Nachdem Miss Americana sich zuletzt als mit Aaron Dessner kollaborierende Cottagecore-Ikone und distanziertere Storytellerin wieder einmal neu erfunden hat, kehrt "Midnights" diese Entwicklung auf zweierlei Weise um: Swift macht zum einen wieder Elektro-Pop und schreibt zum anderen wieder musikalisches Tagebuch, indem sie in 13 Songs die Gedankenströme aus 13 schlaflosen Nächten festhält.

Dementsprechend durchzieht ein mitternachtsblauer Midtempo-Schleier die Kompositionen, die trotz des Pop-Labels nicht nach den Sternen greifen, sondern im Pyjama an die Decke starren – und auch Produzent Jack Antonoff fällt in erster Linie durch Zurückhaltung auf. Im Opener "Lavender haze" funktioniert das wunderbar. "The only kinda girl they see / Is a one-night or a wife", singt Swift über rudimentärem Beat und hallenden Synths, sicher in Anspielung auf den medialen Umgang mit ihrer Beziehung zu Schauspieler Joe Alwyn, bevor sie mit funkigem Falsett keinen Fick darauf gibt. "Maroon" entwirft eine interessante Farbsymbolik um Weinflecken, Rost und Blut, doch hätte man sich hier einen Ausbruch des leisen E-Bow-Flirrens im Hintergrund gewünscht – um zum einen Swifts Gefühlsvulkan direkter vertont zu hören und zum anderen ihren ersten Shoegaze-Track bestaunen zu können. Der Mut der Produktionsentscheidungen weist leider selten über heruntergepitchte Vocals wie im Refrain von "Midnight rain" hinaus. Selbst "Snow on the beach", das heißersehnte Gipfeltreffen mit Lana Del Rey, enttäuscht trotz schöner Streicher ob seiner Dösigkeit und der reizlosen Verschmelzung der beiden Stimmen.

Doch einer der besten Texterinnen im Business Raum für ihre Worte und Hooks zu lassen, ist freilich auch nicht die schlechteste Idee. Die Lead-Single "Anti-hero" ist kein zweites "Blank space", macht aber fast genauso viel Spaß. Swift inszeniert sich selbstironisch als Godzilla-artiges Monster, nimmt dabei auch Kritik an ihr als seelenlose Geldschefflerin aufs Korn: "Did you hear my covert narcissism I disguise as altruism / Like some kind of congressman?" "You're on your own, kid" führt die Tradition fort, dass der emotionale Höhepunkt eines Taylor-Swift-Albums an fünfter Stelle steht. Hier erinnert sich die Kleinstadt-Außenseiterin an die Beschwernisse ihrer Jugend, reflektiert Essstörungen und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Romantik, bevor das organischere Indie-Pop-Instrumental an Zug gewinnt und sie in bester "Carrie"-Manier im blutüberströmten Prom-Kleid dasteht. Ihre Zähne fletscht Swift jedoch vor allem im funkelnden Banger "Karma" und "Vigilante shit", die beide vermutlich gegen Scooter Braun schießen, jenen Musikmogul, der die Rechte an ihren früheren Platten gekauft hat – auch wenn letztgenannter Song mit seinen über pseudo-bedrohlichen Bässen vorgetragenen Rachefantasien nach einer nicht gerade überzeugenden Billie-Eilish-Pastiche klingt.

Wenn man jetzt noch auf die Katzen-Metaphern in beiden Stücken sowie die Co-Writing-Credits von Catwoman-Darstellerin Zoë Kravitz verweist, packen Swifts Hardcore-Fans wahrscheinlich wieder mit irrem Blick die Whiteboards aus. Die 32-Jährige bleibt eine Meisterin der kleinen Querverweise und anderen lyrischen Details – man höre allein, wie "Question…?" bei der Beschreibung angeschickerter Gespräche kurz aus seinem Reimschema bricht. An anderen Stellen wirkt "Midnights" dahingegen so, als würde es ganz unstilisiert das Innerste seiner Erschafferin preisgeben: in der von Himmelsorgeln getragenen Verliebtheitshymne "Labyrinth" etwa, oder im mit Alwyn geschriebenen "Sweet nothing" das mit sanft über die Tasten gleitendem Saxofon häusliches Glück feiert. Das ist so herzerwärmend, dass man Swift auch ein ungewöhnlich plumpes Sprachbild wie "I want the penthouse of your heart" in "Bejeweled" verzeiht.

Und doch erscheint "Midnights" alles in allem etwas konturlos. Es ist eine radikal nur auf sich selbst gerichtete Erweiterung des Tay-Tay Cinematic Universe, die keine neue Ära einleitet, sondern sich seine Identität aus den vorhergegangenen zusammenklaubt: ein bisschen "Reputation"-Bissigkeit, eine Prise "1989"-Synth-Glamour und "Lover"-Herzaugen, nichts davon konsequent ausformuliert. Dass die fast zeitgleich veröffentlichten Bonus-Tracks auch noch Dessner samt der Ästhetik von "Folklore" und "Evermore" zurück ins Boot holen, lässt die Linien nur noch mehr verschwimmen. Zum ersten Mal in ihrer Karriere hat man das Gefühl, dass Taylor Swift nicht so wirklich weiß, wo sie gerade hin will – doch vielleicht bildet sie auch genau auf diese Weise perfekt ihr Albumkonzept ab, da die nachts im Kopf herumschwirrenden Gedanken und Gefühle weder Ziel noch Richtung kennen. Am Ende würde es jedenfalls nicht verwundern, wenn die Steine wieder einmal exakt so fallen, wie es sich das große Mastermind vorgestellt hat.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Lavender haze
  • Anti-hero
  • You're on your own, kid
  • Mastermind

Tracklist

  1. Lavender haze
  2. Maroon
  3. Anti-hero
  4. Snow on the beach (feat. Lana Del Rey)
  5. You're on your own, kid
  6. Midnight rain
  7. Question...?
  8. Vigilante shit
  9. Bejeweled
  10. Labyrinth
  11. Karma
  12. Sweet nothing
  13. Mastermind
Gesamtspielzeit: 44:15 min

Im Forum kommentieren

Kojiro

2023-01-27 17:59:46

Video doof, Song aber weiterhin gut.

Armin

2023-01-27 17:46:49- Newsbeitrag


Taylor Swift veröffentlicht ihr Video „Lavender Haze“ aus ihrem Album „Midnights“!

Hier das Video anschauen:

Am 21. Oktober war es soweit, Taylor Swifts lange erwartetes neues Album „Midnights“ wurde veröffentlicht. Für ihre Fans hat sich die gefeierte Sängerin dann noch was ganz Besonderes einfallen lassen. „Midnights“ war in verschiedenen Versionen & Farben erhältlich. „Midnight“ wurde dann nicht nur von Kritikern sämtlicher Medien bejubelt, die Pole Postion der deutschen Verkaufscharts spricht für sich, gefolgt von 5 MTV EMA Awards 2022 für „Beste Künstlerin“, „Bestes Longform Video“, „Best Pop“, „Biggest Fans“ und „Bester US Act“.



We lie awake in love and fear, in turmoil and in tears. We stare at walls and drink until they speak back. We twist in our self-made cages and pray that we aren’t – right this minute – about to make some fateful life-altering mistake.

This a collection of music, written in the middle of the night, a journey through terrors and sweat dreams. The floors we pace and the demons we face. For all of us who have tossed and turned and decided to keep the lanterns lit and go searching – hoping that just maybe, when the clock strikes twelve…we’ll meet ourselves.

Midnights, the story of 13 sleepness nights scatteres throughout my life, will be out October 21. Meet me at midnight.

Saschek

2022-11-02 13:30:17

Nicht authentisch. Das war es, was ich sagen wollte. Wie gesagt - das ist ein Empfinden. Ich habe versucht, mich dagegen zu wehren. Aber es gelingt mir einfach nicht, das beim Hören abzuschütteln.

Saschek

2022-11-02 13:28:27

Falsch ist es sicher nicht. Mir ist einfach generell nichts geheuer, was so extrem massentauglich ist wie TS. Das ist sicher auch eine Art Dünkel. Wobei ich Bridgers dann doch noch mal woanders sehe. Wie schon weiter oben geschrieben, empfinde ich Swift bei aller Liebe oft als bemüht und "unecht". Auch oder gerade inhaltlich.

Felix H

2022-11-02 13:22:06

Sehe Bridgers auch sehr in der Nähe von Swift, eigentlich der logische nächste Schritt von jungen Fans, die dann ähnliche Indie-Künstler entdecken.
Was daran falsch sein soll, solche als Support mit auf Tour zu nehmen, hat sich mir auch nicht erschlossen.

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