Electric Callboy - Tekkno

Century Media / Sony
VÖ: 16.09.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
3/10

Dann eben nicht

"What if": Das ist nicht nur ein Song von Kate Winslet, sondern auch eine legitime Frage im Pop, die man sich immer wieder stellen kann. 2022 zum Beispiel bei Electric Callboy. Die sechsköpfige Band aus Castrop-Rauxel, deren Stil irgendwo zwischen Metalcore, College-Punk und Eurodance einzuordnen ist, wollte eigentlich dieses Jahr Deutschland beim ESC vertreten, schaffte es jedoch nicht in die nationale Vorentscheidung. Wie hätte die Menge reagiert, wenn Electric Callboy auf der Bühne in Turin performt hätten? Sicher mit mehr Gepoge als bei Malik Harris oder bei Kate Winslet. So viel steht fest. Der Rest ist Spekulation – und spätestens seit Erscheinen des Albums "Tekkno" sowieso überflüssig, denn der ESC in Turin ist rum, und Electric Callboy zeigen, dass sie da sind. Ziemlich da.

Passenderweise eröffnet das Album jener Track, mit dem die Band zum ESC wollte: "Pump it". Und der Song brettert gleich los wie ein Ladendieb, der sich die Taschen vollgemacht hat und nach erfolgreicher Flucht erst wirklich bemerkt, was er da alles mitgehen hat lassen. Achtung Spoiler: Aus dieser Beute zehrt das ganze Album. Erstmal ist das sogar ein Qualitätsmerkmal. Die ersten Tracks "Pump it", "We got the moves" und "Fuckboi" kommen sehr homogen daher, schaffen es aber immer, noch einen draufzusetzen. Dazu bieten sie eine wirkliche Seltenheit, die Electric Callboy schon auszeichnete, als sie sich noch Eskimo Callboy nannten: eine Feelgood-Garantie, die sich trotz häufigen Screamo-Parts komplett jedem Aggro-Vibe verweigert.

Dass Electric Callboy in ihrer eigenen Liga spielen, zeigt sich auch auf dem Track "Spaceman". Gefeautured wird da der Rapper Finch. Nominell wohl ein größerer Star als die Band aus NRW, aber auf dem gemeinsamen Track nur ein blasser Statist neben der Energie, die Nico Sallach, Kevin Ratajczak & Co. raushauen. Erstaunlicherweise ist "Tekkno" bei all dem hemmungslosen Vorwärtsdrang auch ein dramaturgisch gut ausgeklügeltes Album geworden. Zumindest bis zur Hälfte: Bei "Mindreader", fast genau zur Mitte des Albums, steigert sich "Tekkno" wirklich zu so etwas wie einem Höhepunkt.

Spätestens ab da bieten Electric Callboy aber nur noch eingefleischten Fans wirkliche Überraschung. Die nur 30 Minuten Albumlänge fühlen sich dann unwahrscheinlich lang an. Trotzdem ist es schwer, sich dem Sog der Band zu entziehen, denn mit "Tekkno train" kommt sogar noch ein Song, der all das, was die Kombo groß macht, in unter drei Minuten komprimiert: Rap-Parts wie vom jungen DJ Bobo, eine Melodie wie frisch aus dem Pop-Olymp freigehämmert und ein Screamo-Part, der das alles genussvoll verdrischt. Herrlich kann diese Mischung sein. Da die Spannung des Albums insgesamt aber vor allem von den Melodien lebt, hätte ihm der ein- oder andere ruhige Zwischenton wie beim letzten Song "Neon" vielleicht noch eine zusätzliche, kurzweilige Dimension verleihen können.

Die Frage, was gewesen wäre, wenn, ist eine, die sich beim Hören von "Tekkno" trotzdem wohl eher selten stellt. Electric Callboy sind auf diesem Album nicht hier, um sich in verkopfte Theorien zu verrennen. Sie klingen auch nicht so, als könnte sie irgendwas oder irgendwer ausbremsen. Schon gar nicht der NDR oder irgendwelche Eurovision-Vorentscheide. Für einen Auftritt beim nächsten ESC in Liverpool wollen sich Electric Callboy übrigens nicht bewerben. Das ist sehr schade, denn auf der Bühne macht die Band eine wesentlich bessere Figur als auf Albumlänge.

(Dominik Steiner)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Pump it
  • Mindreader
  • Tekkno train

Tracklist

  1. Pump it
  2. We got the moves
  3. Fuckboi (feat. Conquer Divide)
  4. Spaceman (feat. Finch)
  5. Mindreader
  6. Arrow of love
  7. Parasite
  8. Tekkno Train
  9. Hurrikan
  10. Neon
Gesamtspielzeit: 30:31 min

Im Forum kommentieren

dancingdays

2022-10-12 21:21:12

Fast so lustig wie die 7/10 für Yaenniver.

Eye_Llama

2022-10-12 20:49:54

Bisher haben hier Eskimo Callboy immer Bewertungen bekommen die sie verdient haben. Electrik Callboy klingt aber nicht wirklich besser.

sizeofanocean

2022-10-12 20:20:21

6 Punkte für diesen Müll, könnte ein neuer Plattentests-Tiefpunkt sein

Armin

2022-10-12 20:13:55- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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