Pixies - Doggerel

Infectious / BMG / Warner
VÖ: 30.09.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Dinosaur Sr.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Black Francis und seine Pixies nochmal ein Meisterwerk veröffentlichen, geht mehr oder weniger gegen Null. Und dennoch veröffentlicht die Mitte der Achtzigerjahre in Boston gegründete Band alle paar Jahre ein neues Album, nur um dann auf der entsprechenden Tournee auf erwartungsvolle Konzertgänger zu treffen, die sich letztlich doch auch bloß fragen: "Where is my mind?" Soll heißen: Das neue Material schockt keinen mehr so richtig, auch wenn sich stilistisch gar nicht so viel geändert hat. Die Pixies spielen ihren Stiefel runter und ebendieser Stiefel ist ja prinzipiell erstmal super: Knackig-knarziger Indierock, der das Herz am rechten Fleck hat und immer noch so unfertig und rumpelig klingt, als hätte es den großen Hype um die Band nie gegeben. "Doggerel" ist das nunmehr achte Studioalbum, womit es mittlerweile genauso viele Alben nach der Reunion gibt wie aus der legendären Frühphase der Gruppe. Dass keine der neuen Platten den alten das Wasser reichen kann: geschenkt. Aber es gehört eben mit zur Wahrheit und dafür sind wir ja auch irgendwie hier.

Es ist aber auch schwierig, den Erfolg und die künstlerische Grandezza von Alben wie "Surfer Rosa" und "Doolittle" zu erreichen, die nun wirklich zu den größten Meisterwerken der späten Achtzigerjahre zählen. Eine Bürde, an der auch "Doggerel" freilich nur scheitern kann. Was gibt es also Positives zu berichten? Es fiept und rumpelt und kracht auch im Jahr 2022 noch angenehm unangepasst aus den Boxen, Black Francis und Co. wollen es immer noch wissen. Was fehlt dann also? Nun, auf der einen Seite die Hits und himmelstürmenden Melodien, auf der anderen die spontanen Ausbrüche, die Kratzer auf der schönen Oberfläche hinterlassen. Die zwölf neuen Stücke rauschen am Hörer vorbei, lösen aber keine tiefsitzenden Emotionen aus. "Thunder and lightning" ist beispielsweise ein sehr angenehmer Indiepop-Song, der dezent an The Flaming Lips erinnert, dem aber vielleicht das letzte bisschen Kratzbürstigkeit fehlt. Und der auf "Doggerel" dennoch zu den stärksten Songs zählt. Es fehlen die Abrissbirnen.

Wir brauchen aber Abrissbirnen. Dem am nächsten kommt wohl noch der rumpelnde Opener "Nomatterday", der zwar auch kein Bulldozer ist, aber immerhin mit Grummeln im Bauch und garstigem Sprechgesang daher kommt. An diese Widerborstigkeit sollte man sich indes nicht gewöhnen, denn die Pixies beabsichtigen nicht auf diese Weise fortzufahren. "Doggerel" kommt eher wie eine leicht altersmilde Indierock-Platte daher, Dad-Rock für Väter, die nicht auf Scorpions, Dire Straits oder Steely Dan stehen, sondern auf Dinosaur Jr., zum Beispiel. Passenderweise haben die Pixies auch einen Song im Gepäck, der stark an die Band um J Mascis erinnert: Der ans Ende des Albums platzierte Titelsong fliegt stimmlich und melodisch auf derselben Höhe wie die Gniedelmeister aus Amherst, nur eben ohne jene legendären Gniedelpassagen.

"Doggerel" ist bei aller berechtigten Kritik und all den unfairen Vergleichen mit den weit in der Vergangenheit liegenden Meisterwerken der Band kein schlechtes Album. Am eigenen Erbe und am künstlerischen Ansehen wird sich durch solche Veröffentlichungen nicht viel ändern. Dass ein breitbeiniger Rohrkrepierer wie "Dregs of the wine" aber auch noch als Single ausgekoppelt wird, war nicht die weiseste Entscheidung. Besser wäre es gewesen, den Fokus auf die Songs zu legen, die charakteristischer sind, die den Folk- und Americana-Einschlag offen zur Schau tragen. "Who's more sorry now?" entpuppt sich so als staubiger (nicht angestaubter!) Ohrwurm, der mit Harmoniegesang und Alternative-Country-Einschlag zu überzeugen weiß. Und "Haunted house" passt thematisch natürlich perfekt in den Gruselmonat Oktober. Viele weitere Gründe für Gänsehaut gibt es aber ansonsten nicht unbedingt. Halb so schlimm.

(Kevin Holtmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Thunder and lightning
  • Who's more sorry now?
  • Doggerel

Tracklist

  1. Nomatterday
  2. Vault of heaven
  3. Dregs of the wine
  4. Haunted house
  5. Get simulated
  6. The lord has come back today
  7. Thunder and lightning
  8. There's a moon on
  9. Pagan man
  10. Who's more sorry now?
  11. You're such a sadducee
  12. Doggerel
Gesamtspielzeit: 42:10 min

Im Forum kommentieren

fakeboy

2022-10-21 17:15:15

Radiohead macht in diesem Kontext für mich auch keinen Sinn. Ansonsten mag ich den Satz und erkenn mich darin wieder.

Erinnert mich daran, wie ich mal ein Live-Video von The Cure geschaut habe und meine Tochter fragte: "Sind die bei euch alten Leuten bekannt?"

The MACHINA of God

2022-10-21 17:07:08

Der Satz von Kevin Holtmann "Dad-Rock für Väter, die nicht auf Scorpions, Dire Straits oder Steely Dan stehen," hat dann wiederum etwas getröstet. Wobei ich hier Radiohead noch hinzugefügt hätte.

Hä? Radiohead haben weder was mit der Generation der genannten noch mit deren Stil zu tun. Versteh den Satz nicht.

Matjes_taet

2022-10-21 16:50:38

Habe mir gerade den oben verlinkten Rockpalast-Stream gegeben und war schwer begeistert.
Einzig die Kameraschwenks ins Publikum, verbunden mit dem Gefühl mittlerweile auch dazuzugehören, taten etwas weh.
Der Satz von Kevin Holtmann "Dad-Rock für Väter, die nicht auf Scorpions, Dire Straits oder Steely Dan stehen," hat dann wiederum etwas getröstet. Wobei ich hier Radiohead noch hinzugefügt hätte.

ZoranTosic

2022-10-11 15:40:06

Come On Pilgrim 9,5/10
Surfer Rosa 10/10
Doolittle 10/10
Bossanova 10/10
Trompe le monde 9/10
Indie cindy 6,5/10
Head carrier 5,5/10
Beneath the eyrie 6,5/10
Doggerel /6,5-7/10

The MACHINA of God

2022-10-11 12:48:51

Come on pilgrim 8,5/10
Surfer rosa 8,5/10
Doolittle 9/10
Bossanova 8,5/10
Trompe le monde 9/10
Indie Cindy 7,5/10
Head carrier 6/10
Beneath the eyrie 7/10

"Doggerel" schlägt recht in die entspannt-luftige Kerbe des Vorgängers

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