Betterov - Olympia

Betterov / Universal
VÖ: 14.10.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Dies oder Jenseits?

Es hatte etwas Unaufgeregtes, als Betterov in den Anfangstagen der Pandemie mit seiner EP "Viertel vor irgendwas" in eine plötzlich so ruhige, entschleunigte Welt eintrat. Diese Songs hatten etwas Vertrautes, das über den Einsatz von 80s-Synths oder so mancher "Turn on the bright lights"-Gitarrenspur hinausgeht. Der Post-Punk im Nacken schaffte Atmosphäre, der popaffine Indie-Rock ging in die Beine. Dazu hat der 28-jährige Manuel Bittorf, so steht's im Pass des Songwriters, eine markante und bewegende Stimmfarbe, die irgendwo in einem apathischen Parallel-Universum zu stecken scheint. In der echten Welt? Bloß noch Killer-Viren, populistische Intelligenz-Bestien und Kriegsschauplätze in den Nachrichten. Unverständis, Apathie, Blicke ins Leere. "An mir geht alles vorbei / Ich bin die pure Langeweile", schilderte Betterov im brillianten Titelsong jener EP sein Empfinden eindrucksvoll.

Und nun? Muss es verdammt noch mal weitergehen mit dem superbeschleungiten Leben, am besten so wie vor 2020. Wäre da nicht diese posttraumatische Lähmung, an der wir alle irgendwo zu knabbern haben. Der Künstler, in der thüringischen Pampa großgeworden und ehemals talentierter Jung-Leichtathlet, liegt bloß noch herum, ertappt sich inmitten der Endlos-YouTube-Video-Schleife der größten Sport-Momente. Jene Metapher wählt Betterov nicht nur für den Titelsong seines Debütalbums: "Olympia", die höchste Spitze des Sports, wo Sekunden über Weltruhm entscheiden, und als Kontrast der persönliche Stillstand, in welchem die Stunden nutzlos dahin rinnen. Betterovs Musik ist, typisch für die Generation, eine fahrig anmutende Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben inmitten kaum greifbarer, von existenziellen Krisen und gesellschaftlicher Aufruhr diktierten Umständen.

Songs vom inneren Kampf, von Analyse und Selbstverortung. Und von schlaflosen Nächten, wie das hymnische "Schlaf gut" berichtet. Ein Song, der Betterovs bemerkenswertes Talent zu nachhaltigen Harmonien einmal mehr unterstreicht. Und tagsüber? "Berlin ist keine Stadt" heißt es in diesem kleinen Hit, allerdings hat der Wahl-Berliner nicht den üblichen "Berlin ist nicht cool"-Diss im Hinterkopf. Vielmehr geht es um Erinnerungen an den unterschiedlichsten Ecken und Straßenzügen. So sehr man sich auch bemüht, im Hier und Jetzt zu sein: Nach einer gewissen Zeit wird die Stadt zu einem reinen Gedankenmuseum. Fehlende Wertschätzung für Kunst und Kultur verhandelt der Sänger im feinen Synth-Rocker "Dussmann" in Form einer symbolischen Exkursion durch das Berliner Kulturkaufhaus.

Als junger Künstler sind die Stadt-Mieten besonders hoch, das Portemonnaie meist eher leer. Und dennoch geht es nach der Party schon mal in einem Benz nach Hause. Natürlich bloß ein Taxi, wie uns "Bring mich nach Hause" lehrt und die Impressionen der vorbeirasenden Großstadt-Lichter in einen psychedelischen Late-Night-Roadmovie fasst. Was "Olympia" im Vergleich zu Singles und EP ein wenig abgeht, ist das Staubige, das Unmittelbare und letzten Endes auch hier und da die Langlebigkeit. Dennoch taucht man immer wieder gern ein in all die feinfühligen Beobachtungen über Stadt, Land und das große Ganze, was man achselzuckend und hilflos gern "Welt" nennt. "Gott hat für das alles nur sieben Tage gebraucht", erinnert sich Betterov an jene zweifelhafte religiöse Theorie und konkludiert nüchtern: "Genauso sieht's hier auch aus."

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Schlaf gut
  • Dussmann
  • Berlin ist keine Stadt
  • Bis zum Ende

Tracklist

  1. Eröffnungsfeier
  2. Böller aus Polen
  3. Schlaf gut
  4. Urlaub im Abgrund
  5. Olympia
  6. Dussmann
  7. Die Leute und ich
  8. Berlin ist keine Stadt
  9. Ich kann mich nicht erinnern
  10. Bring mich nach Hause
  11. Bis zum Ende
  12. Outro (Siegerehrung)
Gesamtspielzeit: 39:45 min

Im Forum kommentieren

Gave Dahan

2022-11-10 19:05:59

Schönes Album. Hätte durchaus eine 8/10 verdient.

Asthma

2022-10-29 11:37:19

Finde den Beitrag von Otze ein Highlight in diesem
Forum. Über Geschmack und Vorlieben lässt sich streiten. Aber ich feiere Betterov ab.

Francois

2022-10-29 11:21:00

7 von 10 geht in Ordnung.
Mich packen manche Songs und Melodien durchaus.
Auf albumlänge fehlt bisschen die Würze - da hat auch laut.de recht mit der Kritik.
Aber großes Potential für große Hymnen.
Ich höre auch durchaus einen Uhlmann heraus

Enrico Palazzo

2022-10-29 10:14:33

"Schimmern durch" :D
... Und "Genius" höre ich auf der Platte leider kaum, sorry.

Otze

2022-10-29 09:23:55

Auf der Tracklist fehlt „In meiner Straße“, welches ich durchaus zu den Highlights zähle. Kann die teilweise verhaltenen Kritiken nicht nachvollziehen, mich hat lange kein deutschsprachiges Album so begeistert. Klar schimmern Interpol und The Smiths durch, aber wie sangen schon Tocotronic :“Talent borrows, genius steals.“

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