Knorkator - Sieg der Vernunft

Tubareckorz / Rough Trade
VÖ: 07.10.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Nicht lustig

Im Jahr 2000 wurde der deutsche Vorentscheid zum altehrwürdigen Eurovision Song Contest in seinen Grundfesten erschüttert. Das war noch nicht einmal die Schuld von Stefan Raab, der mit seinem siegreichen Silbenkonvolut "Wadde hadde dudde da" vor allem ESC-Grandseigneur Ralph Siegel die Zornesröte ins Gesicht trieb. Nein, Stein des Anstoßes war ein Trio aus Berlin, das die glitzernde Showbühne nach allen Regeln der Kunst zerlegte und mit der Metal-meets-Comedy-meets-Anarchie-Nummer "Ick wer zun Schwein" glatt den vierten Platz belegte. Als dann noch tags darauf Deutschlands berüchtigstes Boulevardblatt "Wer ließ diese Irren ins Fernsehen?" schlagzeilte, war der Scoop für Knorkator perfekt. Doch auch Plattentests.de fremdelte lange mit dem brachialen Humor der Berliner, die teils schon zu DDR-Zeiten als Musiker aktiv waren. Und als selbst das Comeback "Es werde Nicht" nach der zwischenzeitlichen Auflösung den zuständigen Kollegen lediglich zu einem barschen "Nein danke!" animierte, war geflissentliche Ignoranz vermutlich für beide Seiten die bessere Alternative.

Man konnte, ja musste eigentlich somit die Ankündigung, Knorkator wollten sich auf ihrem zehnten Studioalbum "Sieg der Vernunft" von einer deutlich ernsteren Seite zeigen, für einen bizarren Scherz halten. Doch plötzlich war da diese Single namens "Milliardäre", in der Texter Alf Ator die Herren Bezos, Musk und Co. formvollendet abwatscht. Nein, da ist ganz und gar nichts lustig, das ist purer Protest in schmissigem Mitsing-Gewand. Und ganz ehrlich? Das steht den Berlinern verdammt gut. Die eigentliche Überraschung dabei ist, dass dieser Song nur der Schlusspunkt einer furiosen ersten Albumhälfte ist, die so niemals zu erwarten war. Schon der Opener "Die Welt wird nie wieder so, wie sie vorher war" amüsiert zunächst mit einer reichlich naiven, aber dafür umso besser tanzbaren Mischung aus Synthesizer-Beats und NDH-Riffs, verbirgt hinter seiner vermeintlich völlig abstrusen Story aber eine geniale, weil selbst in ihrer satirischen Überhöhung absolut nachvollziehbare Allegorie der menschlichen Gier.

Gleiches gilt für das folgende "Sieg der Vernunft", das durch geschickte Wendungen genau selbigen in Frage stellt, durch ein deftiges Riff im Refrain aber vermutlich live zu völlig unvernünftigen Moshpits animieren dürfte. Hier sind unangenehm aufdringliche Comedy-Metal-Zeitgenossen wie J.B.O. erfreulich weit weg, vielmehr drängen sich das ein oder andere Mal Vergleiche zu Bands wie Die Apokalyptischen Reiter auf. Und wenn "Milliardäre" schon wie erwähnt reichlich bösartig daherkommt, bleibt bei "Tut uns Leid" jegliches Lachen im Hals stecken. Wer, wenn nicht diese Ansammlung von vermeintlichen Anarcho-Metallern, wäre sonst imstande, den Raub an der nächsten Generation so bildhaft darzustellen?

Umso bedauerlicher, dass in der zweiten Hälfte plötzlich komplett die Luft raus ist. Während die Coverversion von Blondies "One way or another" zumindest nicht nervt, bleibt die tiefere Bedeutung der Lyrics von "Es lebe der Tod" verborgen. Plötzlich taucht er dann doch noch auf, der Holzhammer. Mit einer gewissen Portion schwarzen Humors ist das Instrumental "Menschenfleisch" noch ganz witzig, dürfte aber jegliche Langzeit-Wirkung vermissen lassen. Und das folgende Riff-Gewitter "Knurrkater" (Knurrkater, Knorkator, merkste, ne?) ist trotz des Einsatzes der Familienkatze von Frontmann Stumpen genau deshalb eher entbehrlich. Natürlich werden Knorkator keine Protest-Rocker mehr. Es scheint allerdings wirklich, als wollten die Berliner mit "Sieg der Vernunft" endlich einmal ganz ohne Blödelei die Dinge ansprechen, die ihnen persönlich wichtig sind. Manchmal ist eben einfach Schluss mit lustig.

(Markus Bellmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Sieg der Vernunft
  • Milliardäre
  • Tut uns Leid

Tracklist

  1. Die Welt wird nie wieder so, wie sie vorher war
  2. Sieg der Vernunft
  3. Der Hofstaat
  4. Ihr habt gewonnen
  5. One way or another
  6. Milliardäre
  7. Tut uns Leid
  8. Es lebe der Tod
  9. Menschenfleisch
  10. Knurrkater
  11. Augen zu
Gesamtspielzeit: 40:51 min

Im Forum kommentieren

Blanket_Skies

2022-10-07 10:10:57

Deren erstes Album war schon echt stark. Alles danach aber bereits nur noch aufgekochte Selbstzitate ohne zu wissen, wie man diese Art Musik weiterentwickelt.

Armin

2022-10-05 20:19:11- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Klaus

2022-09-25 21:52:23

" ich finde nur einige songs bzw videos gut, und das wird noch dazu mein erstes knorkator-konzert. "

Knorkator live immer ein Erlebnis! ;)

peter73

2022-09-25 19:29:14

hab mir tickets für märz 23 in wien besorgt (eigentlich habe ich die schon ein jahr oder so)...
meine freundin findet die super - ich finde nur einige songs bzw videos gut, und das wird noch dazu mein erstes knorkator-konzert. den neuen song finde ich auch nur ok; textlich ist das halt meist immer interessanter als musikalisch

Armin

2022-09-23 19:00:27- Newsbeitrag

KNORKATOR präsentiert das offizielle Video zu "Tut Uns Leid", der neuen Single aus dem kommenden Album "Sieg Der Vernunft" (VÖ 07.10. - Tubareckorz / Rough Trade)

Das Video kann hier angeschaut werden


Dieser Song nimmt unseren rücksichtslosen Raubbau an den begrenzten Ressourcen der Erde aufs Korn. Ja, der Gedanke ist nicht neu. Auch der Blick darauf, welch armseliges Erbe wir unseren Kindern wahrscheinlich hinterlassen werden, ist spätestens seit Greta Thunberg in aller Munde. Neu ist allerdings, dass hier nicht nur Gier und Verschwendung zur Sprache kommen, sondern auch Dinge angeführt werden, die gemeinhin als Tugenden gelten, kleine Weisheiten, die eigentlich helfen sollen, dem Leben weniger verkrampft entgegenzutreten, seinen Frieden mit dieser chaotischen Welt zu machen. Es ist ein Versuch uns bewusst zu machen, dass wir künftig wohl vieles infrage stellen müssen, was uns jahrhundertelang als klug und richtig erschien. Ein solcher Wertewandel birgt natürlich Gefahren. Gerade deshalb ist es wichtig, das wir ALLE diese heiklen Fragen diskutieren. Wir dürfen einen so tiefgreifenden Wertewandel nicht den falschen Leuten überlassen.

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