Birds In Row - Gris Klein

Red Creek / Soulfood
VÖ: 14.10.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Grau, grau, grau ist alles, was ich habe

Zur Ruhe kommen. Entspannen. In sich gehen. Dafür war ab Anfang März im Jahr 2020 sehr viel Zeit. Wenn das Auge der Abwechslung beraubt wird, schärft es den Blick für das Vorhandene und selbstverständlich Wahrgenommene. Nach einer erfolgreichen Tour mit ihren Landsleuten und Post-Black-Metal-Größen Alcest standen die Zeichen für Birds In Row auf dem eben erwähnten Zur-Ruhe-Kommen. Doch aus der Ruhe wurde mit der Zeit erdrückende Stille. Die eigenen vier Wände wandelten sich vom Refugium zum Gefängnis.

Der Großteil von "Gris Klein" wurde in jener Zeit des ersten Lockdowns geschrieben und ist eine Auseinandersetzung mit der Pandemie und wie Birds In Row auf persönlicher Ebene davon betroffen waren. Im Weichzeichner des normalen Alltags geht vieles unter, aber unter dem Brennglas der persönlichen Isolation treten die inneren Konflikte und die Unzufriedenheit über die Welt, die sich immer weiter ins Extreme zu steigern schien, deutlich hervor. Diskussionen über Impfungen, das Gefühl von wegfallenden sozialen Kontakten und das stetige Eintreffen neuer, scheinbar immer dramatischer werdender Nachrichten.

Waren die ersten EPs und das Debüt auf Deathwish Inc. noch etwas ungestüm und weniger filigran, schälten sich der kreative Kern und die dazugehörigen Instrumente konzeptionell und klanglich mit jedem folgenden Werk, EPs eingeschlossen, immer deutlicher hevor. Das Album "We already lost the world" war der, mit hinreißendem Post-Hardcore untermalt, große Schritt vorwärts für die Band und der Höhepunkt dessen, was sie bisher veröffentlicht hatten.

Vier Jahre und ein Singer-Songwriter-Album des Bassisten Quentin Suavé später leitet mit gradezu tröpfelnden Gitarren "Water wings" das Album ein, bevor ordentlich auf das Tempo gedrückt wird und die Band sich in klassischen, melodischen Hardcore-Gefilden bewegt. Mit Songs wie "Daltonians", "Confettis" oder "Cathedrals" bewegen sich Birds In Row näher an Touché Amoré, als sie es je getan haben. Lieder, die es einem schwer machen, sich zu entscheiden, ob man entweder tanzen oder den Himmel anschreien möchte. So weit, so bekannt und so gut. Die großen Überraschungen liegen in der Mitte und gegen Ende des Albums. "Noah" und "Trompe l'oeil" fallen allein durch ihre stattlichen Längen von über sechs Minuten auf. "Noah" ist eine frustrierte, sich stetig steigernde Abrechnung mit vermeintlich wohl gemeinten Ratschlägen, während "Trompe l'oeil" eine schonungslose Introspektive auf das Alleinsein unter Menschen ist. Was als melancholischer Indie-Song beginnt, explodiert kurz vor der Hälfte in einem Rausch aus Gitarren und Geschrei. Diese Abwechslung steht Birds In Row mehr als gut.

"Gris Klein" füllt den Raum weiter aus, den die Band mit "We already lost the world" geschaffen haben. Das musikalische Inventar bleibt dabei zwar das gleiche, aber das Umstellen der Elemente und die Pflege dessen, was die Band besonders macht, lässt vieles frisch und neu wirken. Entgegen der eher trostlosen bis verzweifelten Stimmung des Albums wollen Birds In Row, dass die Menschen füreinander da sind. Sich einander Hoffnung schenken, wenn sie in einer schwierigen Lage sind, wie etwa eine bunte Blume im tristen Grau.

(Thomas Verkamp)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Daltonians
  • Noah
  • Cathedrals

Tracklist

  1. Water wings
  2. Daltonians
  3. Confettis
  4. Noah
  5. Cathedrals
  6. Nympheas
  7. Grisaille
  8. Trompe l'oeil
  9. Rodin
  10. Winter, yet
  11. Secession
Gesamtspielzeit: 43:03 min

Im Forum kommentieren

kiste

2022-12-04 16:04:56

dito

mrnovember

2022-12-02 17:37:11

So, so gut. Bin in dem Genre eigentlich überhaupt nicht mehr unterwegs, aber das Album ist eine Offenbarung.

Klaus

2022-11-14 19:05:58

Trompe L'oeil - Rodin hat es mir fast noch etwas mehr angetan.

eric

2022-11-14 18:56:03

Allein das Doppel „Noah“ & „Cathedrals“ soo gut.

kiste

2022-11-13 14:21:57

Ein absolutes Brett! Jeder Song hat seine eigene kleine Raffinesse und wie genial die Übergänge sind! Allein wie das Album anfängt könnte ich schon ausrasten, sehr ikonisch.

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