Alvvays - Blue Rev

Transgressive / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 07.10.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Der Anti-Filmriss

Was ist das Geheimnis von Alvvays? Die 2010er-Jahre waren bekanntlich nicht gerade arm an neuen, kompetenten Indie-, Dream-, Twee-, Wasauchimmer-Pop-Bands, doch irgendwie schaffte es der kanadische Fünfer, in Sachen Hype die allermeisten zu überragen. Vielleicht lag es schlicht daran, dass Songs wie das immer noch grandiose "Next of kin" wirklich in ihrer eigenen Qualitätssphäre schweben. Vielleicht waren es auch Molly Rankins Texte, deren mit seelenstreichelnder Offenheit vorgetragene Romantik regelmäßig in morbide oder ironische Stolperfallen geriet. Wie sich die Formel ihres direkt in jedes Indie-Herz fließenden Zaubertranks auch zusammensetzen mag: Alvvays haben davon auch auf ihrem dritten Album "Blue Rev" noch genug im Kessel, obwohl es an der Oberfläche ein paar Veränderungen gibt und die offensichtlichen Über-Hits wie "Archie, marry me" oder "In undertow" diesmal fehlen.

Letzteres ist vor allem eine Konsequenz der Klangästhetik, die sich hier weitaus näher am Shoegaze als am Jangle- und Surf-Pop der vorigen Platten bewegt. Rankins Geschichten erscheinen wie Bojen, die in einem Meer aus rauschenden Gitarren und Orgeln Leuchtsignale aussenden, zuweilen aber im Wellengang untergehen. Man versteht dementsprechend nicht jedes Wort davon, wie die Erzählerin des Openers "Pharmacist" über die Rückkehr einer Jugendliebe sinniert, muss das aber auch nicht: Die instrumentale Wucht, die sich in einem kratzigen Mini-Solo entlädt, artikuliert die Schreie der teils widersprüchlichen Gefühle sowieso besser, als es Buchstaben könnten. Das ganze Album prägt eine diffuse, nostalgische Sehnsucht, was bereits der Titel vorwegnimmt: "Blue Rev" ist der Name der Wodka-Cola-Mixtur, die Rankin und Keyboarderin Kerri MacLellan als Teenies in ihrem Heimatdorf gerne kippten. Ausnahmsweise mal ein Drink, der keinen Filmriss auslöst, sondern die Erinnerungen erst so richtig fließen lässt.

Dabei ist Rankin als Songwriterin freilich immer noch zu versiert, um auch nur in die Nähe von "Weißt Du noch?"-Kitsch zu geraten. "Ever lay back and watch the sunrise? / Ever hear violins in your mind? / You know it's only wind outside", erklärt die melodisch mitreißende Single "Easy on your own?" – Desillusionierung vielleicht nicht auf dem Level von Michel Poiccards Ende in "Außer Atem", aber durchaus im gleichen Geiste. Doch Alvvays' musikalischer Umgang mit solchen Downern bleibt weiterhin die ausgelassene Flucht nach vorn. Selbst wenn sich das offenherzig leidende "Tile by tile" der Synth-Streicher-gestützten Schwermut hingibt, geschieht das nicht ohne vertonten Dammbruch am Ende. Direkt im Anschluss brettert "Pomeranian spinster" los, Alvvays' Definition eines Punksongs, der ernsten Widerstand gegen Weiblichkeitsideale mit Comic-Gitarren samt torkelnden Vocals verbindet und live sicher die eine oder andere Ekstase befeuern wird.

Kaum weniger energetisch treibt "After the earthquake" vorwärts, bevor es für die beinahe geflüsterte Bridge sein Tempo komplett runterfährt – sinnbildlich für die Dynamik und Variabilität einer Platte, die trotz einer klar abgesteckten Referenz-Karte immer wieder andere Quadranten beleuchtet. So ist "Tom Verlaine" keine zwei Feedback-Schichten von My Bloody Valentine entfernt, während das unheimlich druckvolle "Pressed" auch als Outtake der frühen Cocteau Twins durchgehen könnte und "Very online guy" die Karikatur seiner Titelfigur auf die Theke einer New-Wave-Disco kritzelt. Quasi-Closer "Lottery noises" – das folgende "Fourth figure" ist nur ein Outro – türmt sich schließlich zu einem intensiven Finish aus heulenden Saiten und sich überlappenden Stimmen auf. "I want you to take a shot / I won't shoot you down", verspricht Rankin und man glaubt ihr trotz aller zuvor besungenen Enttäuschungen natürlich aufs Wort. Auch wenn sie nicht mehr ganz so sehr wie zu Zeiten des selbstbetitelten Debüts begeistern, würde man Alvvays noch immer in jedes mit blauem Alkopop gefüllte Becken hinterherspringen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Easy on your own?
  • Pressed
  • Tile by tile
  • Pomeranian spinster

Tracklist

  1. Pharmacist
  2. Easy on your own?
  3. After the earthquake
  4. Tom Verlaine
  5. Pressed
  6. Many mirrors
  7. Very online guy
  8. Velveteen
  9. Tile by tile
  10. Pomeranian spinster
  11. Belinda says
  12. Bored in Bristol
  13. Lottery noises
  14. Fourth figure
Gesamtspielzeit: 38:52 min

Im Forum kommentieren

Old Nobody

2022-12-08 13:04:50

Für meinen jüngeren Bruder eins der Alben des Jahres,für mich auf weite Strecken gepflegte Langeweile weil mir die Melodien meist nichts geben. Die Stimme ist nett.Easy on your own und Tile by tile sind beide schön,insbesondere von dem Stil des letzteren hätte ich gerne mehr gehabt,weil das auch endlich mal ne Abwechslung auf dem Album ist. Ist alles ja nicht schlecht aber da bleibt sonst einfach nichts hängen. Naja,immerhin hab ich es versucht^^

nörtz

2022-10-29 20:49:35

Beste Songs sind für mich Belinda und Lottery.

maxlivno

2022-10-27 15:20:52

9/10 für mich, Alvvays ist eine der konstantesten Bands im Indie Bereich. Für mich funktioniert auch die Weiterentwicklung mit den Shoegaze und Noise Pop anleihen sehr gut. Rankin ist sowieso eine meiner liebsten Songwriterinnen und Stimmen

Christopher

2022-10-26 17:57:28

Ich mag das Album, v.a. die Produktion ist toll. Sehr detailverliebt.

Saschek

2022-10-26 13:11:50

Wenn die Stimme nicht passt, ist das natürlich oft schon das Ausschlusskriterium schlechthin. Kenne ich durchaus auch.

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