Björk - Fossora
One Little Independent / BertusVÖ: 30.09.2022
Motherwood
Björks Alben der 2010er-Jahre ließen sich trotz aller musikalischen Komplexität stets klar etikettieren. "Biophilia" war als multimediales Projekt mit wissenschaftlicher Neugier angelegt, "Vulnicura" die vor Schmerz zerberstende Trennungsplatte und "Utopia" als Reaktion darauf die optimistische Rückkehr ins Leben. "Fossora" könnte man spontan als Schwester von "Vulnicura" einordnen, musste die Isländerin im Vorfeld in zweierlei Hinsicht Abschied von geliebten Menschen nehmen: Ihre Mutter starb 2018 nach langer Krankheit, ehe ihre jüngste Tochter Ísadóra als letztes Kind das familiäre Nest verließ. Doch tatsächlich ist dieses zehnte Studioalbum ein Hybrid aller besagten Werke. Björks "mushroom album", wie sie es selbst nennt, fußt auf einem losen Konzept über Pilz-Netzwerke, enthält biologische Überlegungen, Trauer und euphorische Ausbrüche gleichermaßen. Obwohl es fast 20 Minuten kürzer als sein direkter Vorgänger ist, wächst hier ein mindestens genauso reichhaltiges Dickicht aus Ideen und Klängen, wobei der charakteristische Avantgarde-Electro-Oper-Sound wieder ein paar neue Akzente setzt. Dazu gehören etwa zumeist perkussiv verwendete Bassklarinetten und die ungewohnt gefüllte Gästeliste, unter anderem mit DJ Kasimyn vom indonesischen Duo Gabber Modus Operandi. Ja, auch das niederländische Techno-Subgenre Gabber spielt hier eine Rolle.
Keine verlockenden Aussichten für diejenigen, die ihre Hörnerven ungern in heillos verknoteter Form vorfinden – doch alle anderen bekommen mit "Fossora" einen weiteren Beweis für das Genie dieser immer noch völlig außergewöhnlichen Frau. Opener und Lead-Single "Atopos" erzeugt mit atonalem Gebläse und harschem Industrial-Beat einen wahnsinnig intensiven Groove, der uns spätestens im Stahlpressen-Finale in Erdkernnähe drückt. Das Zusammenspiel von Posaune und Vocal-Samples in "Ovule" lässt sich schon fast als Hook bezeichnen, ehe "Mycelia" ein digital manipuliertes menschliches Vogelkonzert anstimmt. Ein frühes emotionales Schlüsselstück bildet "Ancestress". Gesanglich von ihrem Sohn Sindri unterstützt, verfasst Björk ein Epitaph für ihre Mutter, erinnert sich mit ins Fleisch schneidender Intimität an ihre letzten Stunden: "The machine of her breathed all night / While she rested / Revealed her resilience / And then it didn't." Die weinenden Streicher verweisen auf "Black lake", doch die Atmosphäre ist offener und entlädt sich in befreiten Refrains.
Schließlich ist der Tod nur ein Prozess, die Substanz des Körpers der Erde zuzuführen, und aus dieser biologisch nüchternen Perspektive kein bedauernswerter Endpunkt. Das Organische war in Form der Orchester-Arrangements schon immer das Yang von Björks Musik und äußert sich hier in einem ganz wörtlichen Sinn. Zusammen mit ihrem Art-Pop-Epigonen Serpentwithfeet spaziert sie durch die "Fungal city", bestaunt die im Boden versunkene Schaltzentrale des Waldes, während um sie herum die Instrumente und Beats zu leuchten anfangen – und einen Er als tatsächliches Objekt der Bewunderung entlarven. Trotz all der stilisierten Visuals und esoterischen Songstrukturen fokussiert Björk, heimlich oder nicht, stets das Zwischenmenschliche. Auch das dramatisch im Äther schwebende "Freefall" nutzt Sonnensysteme und Nebelwolken nur, um daraus ein Gewebe der Liebe zu spinnen.
"Hope is a muscle / That allows us to connect", formulierte ja bereits der Opener als ersten Versuch, abstrakten Emotionen eine naturwissenschaftliche Griffigkeit zu geben. Björk hat schon längst lyrisch wie musikalisch ihre eigene Sprache entwickelt, doch wird sie nicht müde, ihr Vokabular ständig zu erweitern. "Only bird's eye view / Can help me transcend this archetype", singt sie in "Victimhood", einem Track, der mit seinem minimalistisch klickenden Beat, den an den Rändern anschwellenden Drones und dem zentralen hypnotischen Klarinetten-Rave vertraut und fremd zugleich klingt, die Grenzen ihrer Ästhetik keineswegs aufsprengt, aber selbstbewusst nach außen drängt. "Sorrowful soil" beklagt das anatomische Unrecht, einer Frau 400 Eizellen, aber nur wenige "Nester" zu schenken, ehe die eigene Mama Hildur ihre Würdigung in Form eines zärtlichen "You did well" bekommt. Der Closer "Her mother's house" schließt den familiären Kreis, indem nach der erwähnten Beteiligung Sindris auch Tochter Ísadóra zu hören ist und die Mutterschaft als vielleicht doch übergeordnetes Thema einer sich jeder Einordnung entziehenden Platte Gestalt annimmt. "When a mother wishes to have a house / With space for each child / She is only describing / The interior of her heart."
"Fossora" ist wie seine Vorgänger ein von Anfang bis Ende fesselndes und faszinierendes Werk und erreicht diesen Effekt, wie seine Vorgänger, fast ohne jedes Zugeständnis an den konventionellen Pop-Song. "Fast", weil zum einen das ausnahmsweise auf Flöten statt Klarinetten bauende "Allow" im Sparring mit der Norwegerin Emilie Nicolas eingängig Fahrt aufnimmt, zum anderen, weil es den Titeltrack gibt: Wie die 56-Jährige hier die Silben zelebriert, leichtfüßig auf dem Beat hüpft und sich am Ende alles in 80 Sekunden kompromisslosem Geboller auflöst, geht so unvermittelt in Arme und Beine wie seit "Volta" nichts mehr. Björk sieht auf dem Albumcover nicht nur aus wie ein "Bloodborne"-Boss, in gewisser Weise folgt auch der Kontakt mit ihrer Musik dem Geist der From-Software-Videospiele. Man steht plötzlich vor einem außerweltlichen, einschüchternden Wesen, lernt dessen Bewegungen kennen, scheitert zunächst, verzweifelt zuweilen, doch hat man es sich erschlossen, sind die Glücksgefühle unbeschreiblich. Der Tanz mit einem Björk-Song mag fordernd sein, doch die Belohnung fällt unter die größtmöglichen, überwältigendsten Sinneserfahrungen, die Musik überhaupt leisten kann. Als wäre man eins mit der feuchten Erde unter den Füßen und würde das zerebrale Netzwerk der Natur zu vibrieren beginnen.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Atopos (feat. Kasimyn)
- Ancestress (feat. Sindri Eldon)
- Victimhood
- Allow (feat. Emilie Nicolas)
- Fossora (feat. Kasimyn)
Tracklist
- Atopos (feat. Kasimyn)
- Ovule
- Mycelia
- Sorrowful soil
- Ancestress (feat. Sindri Eldon)
- Fagurt er í fjörðum
- Victimhood
- Allow (feat. Emilie Nicolas)
- Fungal city (feat. Serpentwithfeet)
- Trölla-gabba (feat. Kasimyn)
- Freefall
- Fossora (feat. Kasimyn)
- Her mother's house (feat. Ísadóra Bjarkadóttir Barney)
Im Forum kommentieren
Unangemeldeter
2025-10-24 15:24:27
Ich meine spezifisch den Lauf Ovule bis Fagurt...
Den Opener mal ausgeklammert, der ist ja durchaus sperrig mit dem Gabber und den Disharmonien. Erst ab Victimhood wird's dann eigentlich schwierig.
The MACHINA of God
2025-10-24 14:38:38
Echt, findest du? Fand es immer auch recht sperrig. Könnte ich aber mal wieder einlegen.
Unangemeldeter
2025-10-23 19:48:31
Morgen erscheint ja endlich die Cornucopia Live, auf die Bluray freue ich mich schon länger. Zu diesem Anlass mal wieder Fossora durchgehört, das ist gerade in der ersten Hälfte doch eigentlich genau das Album, das sich die Leute immer gewünscht hatten, denen die letzten Alben zu verkopft und anstrengend waren (mich teilweise eingeschlossen). Das sind teilweise Karrierehöhepunkte und so viele wunderschöne Melodien/Harmonien.
Unangemeldeter
2025-05-18 17:56:31
Hab es heute mal wieder gehört, da sind echt einige tolle, berührende Stücke drauf. Aber der Gabber-Teil ist einfach nur scheiße und funktioniert überhaupt nicht, da hat auch die Zeit nichts dran geändert.
The MACHINA of God
2022-10-25 09:46:00
Bei "Fossora" passt das Geballer für mich hingegen, als Endpunkt des Albums, bevor der ruhige Outro-Song kommt. Erinnert mich in seiner Rolle ein bisschen an "Mutual Core".
Ja, ich find es da auch passender, aber nicht wirklich angenehm.
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