Wanda - Wanda

Vertigo / Universal
VÖ: 30.09.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Schware Partie

n der langen Geschichte der Rockmusik ist es schon häufiger vorgekommen, dass sich Bands irgendwann zu einer Karikatur ihrer selbst entwickelten. Muse wirken anno 2022 wie eine wilde Persiflage einer Arena-Rockband, gebaut aus bombastischen Riffs und ulkig-obskuren Lyrics. Das Oasis-Zweigestirn Noel und Liam Gallagher mauserte sich alsbald zur größenwahnsinnigen Reinkarnation von Kain und Abel, statt eines kaltblütigen Mordes gab es den Bandsplit und nicht weniger kaltblütige Verwünschungen. Und Coldplay sind mittlerweile nur noch eine kunterbunte Plastik-Pop-Manufaktur, die sich von ihren allzu erdlichen Wurzeln längst gelöst hat. Tja. Wanda indes waren für viele schon immer ein wandelndes Klischee: Eine Gruppe aus fünf lusttrunkenen Falco-Wiedergängern, die den Wiener Schmäh zur Kunstform erhoben und damit einen Hit nach dem anderen landeten. Auf ihrem nunmehr fünften Studioalbum wirken Wanda wie eine Karikatur; die Grenzen zwischen Ernst und Übertreibung, Inszenierung und Realität verschwimmen nahezu komplett. Man kann und will es ihnen aber freilich nicht verübeln: Es gibt schließlich wieder reihenweise schmissige Ohrwürmer, die in der Indie-Disko laufen könnten, würde sich der DJ mal dazu durchringen, etwas anderes als "Bologna" zu spielen. AMOOOORE!

Bekannt ist vorab allerhand: Der großspurige Opener "Rocking in Wien", der sich gegen lästige Selbstoptimierung in Position bringt und dabei sowohl nach Falco klingt als auch nach Queen in ihrer poppigsten Phase. Dass man mit einem solchen Song naturgemäß nicht nur auf Gegenliebe stößt, ist klar, dürfte dem Quintett aber nicht das Geringste anhaben, handelt die Single doch genau davon, sich auch mal guten Gewissens gegen den Strom zu stellen. Das ebenfalls schon vor vielen Monaten veröffentlichte "Die Sterne von Alterlaa" erzählt mit einem lässigen Sommer-Flow vom titelgebenden Wohnpark in Wien, einer Art Stadt in der Stadt. Man folgt der Band gerne an die entlegensten Orte und Fleckchen, in Gegenden also, die man selbst selten bereist, weil sie nicht den idyllischen Postkarten-Vorstellungen entsprechen. Dass Wanda dahin gehen, wo es wehtut, also wahlweise ins Spital oder in das verrauchte Beisl, wo sich Sandler, Grantler und Gigerl die Klinke in die Hand gaben, dies weiß man seit dem genialen Debütalbum "Amore" aus dem Jahr 2014. Über die vergangenen Jahre hat sich dies nicht geändert: Die Österreicher präsentieren sich als "Eine Gang" und extrahieren aus diesem Gedanken eine getragene Klavierballade, die den eigenen Status beweihräuchert. Ans Ende des Albums gesetzt, wirkt diese Nummer reichlich überkandidelt und ein über die Maßen pathetisch, aber gut, zur Band passt's eh. Was hier ein wenig abgeht, ist der Schelm, die ironische Brechung, die bei Wanda sonst durchaus zum Tragen kommt.

Ebenjenen spitzbübischen Humor gibt es bei anderen Songs, nebst der Melancholie und der österreichischen Schwermut, die eine kulturelle Blutlinie bis zurück zu Thomas Bernhard verrät. "Orte, an denen wir waren" könnte so oder so ähnlich auch in den "Oachzgern" (Grüße an Armin L. aus M.) im Pop- und Rockradio gelaufen sein, nur die rauchige Stimme Marco Michael Wandas markiert eine feine Grenzlinie zum pausbäckigen Schlager-Rock, der damals angesagt war. "Wir sind verloren" schunkelt sich mit mächtig Hall auf den Vocals durch die Wiener Nacht, eine Spieluhrmelodie deutet sich immer wieder an: ein Motiv der Nostalgie, die bis dato auch immer einen besonderen Platz bei Wanda einnahm. Später gesellen sich noch getragene Streicher hinzu und runden das Bild ab. Über die gesamte Dreiviertelstunde spulen Wanda also ihr Programm ab, nicht alles fesselt wie früheres Material, manches klingt nach solidem Standard, anderes tritt vielleicht doch zu sehr auf der Stelle. Gerade die Albummitte überzeugt nicht restlos. Und auch wenn "Wanda" das erste Album der Wiener ist, bei dem die Diskrepanz zwischen Singles und Restmaterial besonders ins Gewicht fällt, so bleiben doch vor allem die schmissigen Hits, die man in durchzechten Nächten in die Welt hinaus brüllen möchte. Ein Klischee? Mit Sicherheit. Aber ein schönes.

PS: Diese Rezension entstand einige Tage vor der Bekanntmachung des Todes von Keyboarder Christian Hummer. Wir wünschen der Band und allen Hinterbliebenen in dieser schweren Zeit von Herzen alles Gute.

(Kevin Holtmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Rocking in Wien
  • Jurassic Park
  • Die Sterne von Alterlaa

Tracklist

  1. Rocking in Wien
  2. Rot ist die Farbe
  3. Orte, an denen wir waren
  4. Wir sind verloren
  5. Immer willst Du tanzen
  6. Va bene
  7. Eine ganz normale Nacht in Wien
  8. Pilot
  9. Jurassic Park
  10. Die Sterne von Alterlaa
  11. Kein Bauplan
  12. Eine Gang
Gesamtspielzeit: 44:52 min

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Enrico Palazzo

2022-12-01 09:19:17

So. Super Konzert, fantastische Liveband, bombastische Stimmung gestern im Modernes, wie ich sie in Bremen auf Konzerten eher selten erlebe :D

Überrascht war ich, dass das so eine komplett abgeranzte Mucker-Band ist (ohne Wertung, nur mal festgehalten), ich hätte die cooler erwartet. Die sehen einfach so aus wie die Leute, die im Café Jelinek in Wien rumhängen :)

Ob ich sie dadurch auf Platte auch besser finde, das teste ich heute im Home Office mal aus.

Enrico Palazzo

2022-11-30 16:19:01

Ich bin gespannt und lass euch wissen, wie es war :)

Socko

2022-11-30 15:06:39

Mit 7 halben wuerde ich auch Johannes oerding gut finden.
Nichtsdestotrotz sind wanda echt toll live. Kenne aber Leute, die nach einiger Zeit von denen gelangweilt waren live, da sie doch repetitive Momente haben und auch ihre coolness/publikumsnähe auf die Dauer aufgesetzt wirken kann. Aber wenn man sie sich alle 2 oder 3 Jahre gibt, passt das

nörtz

2022-11-30 14:45:52

Wenn du Dosenbier willst, dann geh weit nach vorne. Das hat er da ab und zu verteilt.

nörtz

2022-11-30 14:44:24

Bisher! :D

Der Charme des Frontmannes wird dich schon überzeugen! :D

Und das Bier nicht vergessen! Ich hatte gestern sieben Halbe!

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