Marble Sounds - Marble Sounds

Mayway
VÖ: 07.10.2022
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Klavier gewinnt

Jedes Mal ist es das Gleiche mit Marble Sounds. Seit ich die Band mit "Tautou" kennengelernt habe, zweifle ich initial am neuen Material. Haben sie diesmal "nur" ein ganz gutes Album gemacht? Ist die Instrumentierung nicht hier und da zu dick aufgetragen? Höre ich hier überhaupt Großtaten? Und jedes Mal verdünnisieren sich jene Zweifel nach und nach. "The advice to travel light" entpuppte sich als der Gipfel des bisherigen Schaffens, die zugehörige Outtake-EP "Traces" zeigte, wie gut selbst die Ausschussware davon war. Natürlich muss vor allem ein selbstbetiteltes Album in dieses Schema passen. Es gibt einiges, was den Einstieg erschwert: das allgemein gemächliche Tempo, die Lyrics, die noch mehr als sonst ohne Angst vor Peinlichkeiten das Herz auf der Zunge tragen, das Autotune, das Pieter van Dessel sich an mehreren Stellen auf jenes Mundorgan legt.

Doch die Belgier sind keine Band, die über doppelte Böden oder ironische Distanz funktioniert, sondern die sich in die Seele vorarbeitet. Wenn ein Song "Soon it'll make us laugh" heißt, geht es um nichts anderes, als dass Wunden mit der Zeit heilen – was jetzt zur Verzweiflung bringt, bringt später zum Lachen. Dass sich der Song ein orchestrales Ende mit bulgarischem Chor leistet, ist natürlich pathetisch und ein wenig kitschig. Trotzdem ergreift es, erinnert an eine Zeit, in der Coldplay sowas noch unpeinlich hinbekamen. Basisinstrument für die zehn Songs ist das Klavier, welches van Dessel teils selbst, teils mit selbstspielenden Exemplaren, die per Laptop gesteuert wurden, eingespielt hat. Die Produktion ist exzellent, man hört jeden Tastenanschlag (ob nun händisch oder künstlich), auch in den verdichteten Höhepunkten, in denen die gesamte Instrumentalpalette heranzitiert wird, bleibt der Sound klar.

Und wie es sich für selbstbetitelte Alben gehört, funktioniert auch "Marble Sounds" als Visitenkarte des absteckten Spektrums. "Quiet" ist der verhaltenste Einstieg seit "The time to sleep" vom Debüt "Nice is good", zelebriert das Klavierspiel in einem langen Intro, bevor der eigentliche Song einsetzt. "Don't say we will be beaten 'cause they're leading now", beschwört der Refrain mehrfach, während das Stück sich nach und nach glorios steigert. "Kopf hoch", sagt auch "Axolotl": "The future that I've seen / And what it will be / It's so bright now." Doch der Song kommt von einem Ort der Tristesse, van Dessels verfremdete Stimme wirkt wie ein einsames Piepen durch das Moll, ein Signal, das gegen ein Gewitterdonnern ankämpft. Danach fehlen buchstäblich die Worte. Fünf Minuten lässt "My initial intentions" zu einer einnehmenden Melodie nur das Klavier sprechen, eine willkommene und wunderbare Überraschung.

Generell steht die zweite Albumhälfte mit dem dunkleren Anstrich der aufgehellten ersten diametral gegenüber. "Never leave my heart" erzählt zwar auf Position zwei vom möglichen Abschied, klingt dabei aber so behaglich, dass es kaum zu bemerken ist und passt damit zum folgenden schwebenden "All gone". "Jacket", fortan vermutlich als Marble Sounds' Autotune-Lied bekannt, deriliert sich derweil in Liebesglück: "Put your jacket on / Our options are wide open." Ja, gewöhnungsbedürftig ist das, aber auch clever, wie zwei Songs später der Vocoder von "Axolotl" den Stimmungswechsel herbeiführt. "A drop in the bucket" kehrt die Prämisse von "Never leave my heart" quasi um, verkündet: "Hope is a seed / One drop and it will thrive", und flirrt doch nervös umher, um schließlich unvermittelt sein eigenes Ende zu finden.

Das folgende "Priorat" stellt den dramatischen Höhepunkt dar. "When it all comes down to a half-baked compromise", klagt van Dessel zu stürmischen Akkorden, im Kontext fast schon Lärm. "It took some darkness to notice something bright" – in der Tat ist der Kontrast beachtlich, den "Marble Sounds" in der internen Dynamik erzeugt. Auch dann, wenn "The ever after" tatsächlich das Happy End verwehrt. Streicher weinen, van Dessel bemerkt trocken: "This is how you break a heart / You start by breaking in / And leaving everything in place / And leaving everything." Einfach, auf den Punkt. Das Orchester spielt sein letztes Crescendo, und damit ist die fünfte aufeinanderfolgende Großtat in Albumform besiegelt. Zynische Zeiten brauchen ernsthafte Herzensbands. Es ist gut, dass es Marble Sounds gibt.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Quiet
  • Axolotl
  • Priorat

Tracklist

  1. Quiet
  2. Never leave my heart
  3. All gone
  4. Jacket
  5. Soon it'll make us laugh
  6. Axolotl
  7. My initial intentions
  8. A drop in the bucket
  9. Priorat
  10. The ever after
Gesamtspielzeit: 42:45 min

Im Forum kommentieren

dieDorit

2022-10-22 10:22:25

Ach, was bin ich froh, dass es diese Band gibt. Das neue Album ist wieder so herrlich verträumt und vertraut schön wie schon die Vorgänger. Neben dem wundervollen Opener, ist Priorat mein zweiter Favorit, wenn ich mich auf Highlights festlegen müsste.

Grizzly Adams

2022-10-22 10:15:47

Nicht ihr bestes Album. Bin insgesamt aber zufrieden. Quiet ist ein Opener, der auch auf den Vorgängern eine gute Figur gemacht hätte. Auch mit Axolotl bin ich inzwischen klar, welches ich nach dem ersten Eindruck gar nicht mochte. Die Platte hält ein gutes Niveau, wenn auch kein sehr gutes. Eher 7/10 als 8 Punkte für mich. Vielleicht wächst es ja noch.

Armin

2022-09-28 21:31:02- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Felix H

2022-09-21 21:56:02- Newsbeitrag

Jetzt auch bei YT:



Blanket_Skies

2022-09-04 13:45:06

Das letzte war mir ja schon fast zu angenehm!

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