Editors - EBM

PIAS / Rough Trade
VÖ: 23.09.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Party zart

Schwingt die Hufe, Gentlemen! Editors sind nach der offiziellen Addition von Elektro-Mann Benjamin John Power alias Blanck Mass nun zu sechst und bitten ihr Publikum zum Tanze. Ausreden werden nicht akzeptiert! "EBM", das sowohl für "Editors and Blanck Mass" als auch für – thank you, Captain Obvious – Electronic Body Music stehen kann, ist das siebte und bisher extrovertierteste Album der Institution aus Birmingham. Ballernden Industrial wie in so mancher Remix-Version von "Violence" braucht man nicht zu befürchten, es geht tatsächlich in erster Linie ums Zappeln und Abspacken. Ein bisschen aufdringlich ist das, keine Frage. Kollege Heinecker sprach zuvor, als sich die Neuausrichtung der Band am Horizont abzeichnete, sogar von "Editors als Partyband im Bumm-Bumm-Stampf-Modus". Die Großraum-Dorfdisko wird aber gerade noch umschifft. Trotzdem hallen die Drums, wirbeln die Keyboards, und fegt Tom Smith wie ein Derwisch über den Tanzflur, bis kein Stein mehr auf dem anderen steht. Zugegeben: So ganz anders als vorher ist "EBM" eigentlich gar nicht.

Dass Power auch am Songwriting beteiligt war, macht sich nur bedingt bemerkbar, denn liebliche Refrains wie in "Heart attack" atmen von vorn bis hinten den ausladenden Pop-Spirit, den Editors spätestens seit "The weight of your love" an den Tag legen. "No one will love you more than I do" – Pathos galore, aber verdammt noch mal, so ist das halt. Kitsch gehört zum Handwerk, und düstere, oft ein bisschen überzogene Romantik ist ohnehin nicht von Editors zu trennen. Eigentlich variieren sie nur deren Tanzbarkeit, hier drehen sie diese dreist auf Anschlag. "Vibe" ist der kürzeste Song, will heißen der einzige unter fünfeinhalb Minuten: schnörkelloser 90er-Dancepop, als sänge Smith über einen Lady-Gaga-Track, während die "cold, hard night" draußen einfach verdrängt wird. Fröhliche Depeche-Mode-Spielereien wie in "Karma climb" zeigen sich nachhaltiger, weil sie eher im Dienst des Songs stehen und ebendieser auch mit Gitarren funktionieren würde.

"EBM" ist vor allen Dingen ein Wimmelbild: Vor lauter Spuren kann man zum Beispiel "Picturesque" gern als undurchdringliches Gewusel wahrnehmen, aber das befiehlt eben das Konzept. Sogar ein bisschen Chiptune leistet sich die Band im eklektischen, recht brachialen "Strawberry lemonade" – es soll entschieden vor nichts zurückgescheut werden, was das Sammelsurium an Effekten und Maschinen im Zeichen des titelgebenden "E" hergibt. Das Herzstück und den längsten Track der Platte markiert "Kiss", verschanzt sich hinter fast Eurotrash-artigem Breakbeat, während Smiths Falsett zehn Meter über dem verklebten Boden schwebt, und gönnt sich ein vierminütiges Outro. Das kann man durchaus ermüdend finden – es sei denn, man ist so aufgeputscht, dass es einem nichts mehr ausmacht. Editors selbst fordern später "Don't educate" – sie wissen nämlich, was sie tun. Und wenn es zwischenzeitlich eher nach Haudrauf-Techno denn nach Synthpop oder Dark Wave klingt, ist auch das Absicht. "Silence" liefert die Verschnaufpause direkt in der Mitte: Füße entspannen, Energy-Drink-Nachschub besorgen.

Die in der Rezension zu "Violence" aufgeworfene Frage, ob Elektro als tragendes Songwriting-Konzept zur Band passt, lässt sich nicht hinreichend beantworten. Aber diesen Anspruch möchte "EBM" auch vermutlich gar nicht stellen. Das Album wirkt eher wie ein Spin-Off zur Diskographie, anstatt sich organisch einzufügen, und wird gleichzeitig nicht zur Zäsur, denn allzu extrem lehnt die Band sich dann doch nicht aus dem Fenster. Den Mut zum kleinen Stilbruch kann man Editors, denen ja auch gerne eine unumkehrbare U2-isierung vorgeworfen wird, jedoch nicht hoch genug anrechnen. Denn ihr ausgelassener Exkurs macht Spaß und verlangt als Gegenleistung nicht viel. So manches Markenzeichen wie tränende Piano-Balladen gibt es dieses Mal entsprechend nicht – es glitzert, funkelt und dröhnt an allen Enden, "EBM" ist buchstäblich das genaue Gegenteil von "No sound but the wind". Falls doch ein wenig Melancholie durchschimmert, dann rührt sie von Smiths verträumter Stimme, Flashbacks an alte Werke der Engländer und latenter Erschöpfung nach der durchzechten Nacht. Dancing with tears in my eyes? Die kommen bloß davon, dass man einen Moment zu lang mitten ins Strobo geguckt hat.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Heart attack
  • Kiss
  • Strawberry lemonade

Tracklist

  1. Heart attack
  2. Picturesque
  3. Karma climb
  4. Kiss
  5. Silence
  6. Strawberry lemonade
  7. Vibe
  8. Educate
  9. Strange intimacy
Gesamtspielzeit: 53:00 min

Im Forum kommentieren

Konsul

2022-11-08 11:21:25

Mir hätte das Album noch etwas mehr zugesagt, wenn sie das Niveau von einigen Stücken, wie z.B. Heart Attack, Picturesque, educate gehalten hätten. Aber einige Stücke, wie Kiss und Straw…. fallen deutlich ab oder passen nicht wirklich auf das Album.

didz

2022-10-31 19:05:34

bei mir 'ballert' bei dem album übrigens auch nix...

OMalley

2022-10-31 17:38:12

Hatte nur nochmal darauf hingewiesen am Rande :D Fand den Schlagabtausch ganz unterhaltsam.

didz

2022-10-31 15:03:39

jepp :-D

jo

2022-10-31 15:01:14

Wurde das nicht schon vor Wochen (nicht) geklärt? :D

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