Oliver Sim - Hideous bastard

Young / XL / Beggars / Indigo
VÖ: 09.09.2022
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Keine falsche Scham

John Grant hat's. Andy Bell von Erasure hat's. Und schaut man sich beispielhaft beider Diskografien an, stellt sich heraus, dass eine HIV-Infektion zwar gravierend ist, aber kein Hindernis sein muss, ein erfülltes künstlerisches Leben zu führen. Doch darüber singen? Das ist noch mal eine ganz andere Kategorie. Fragt mal Oliver Sim, der das erste Stück seines Debüts mit den Worten "Been living with HIV since seventeen / Am I hideous?" beschließt. Eine Zeile, die dem Briten ganz und gar nicht leicht zu Papier fiel – und ein erschütterndes Finale für einen gediegenen, streichergetränkten Midtempo-Popsong, der sowohl Grandezza als auch latente Verzweiflung verströmt. Sogar für Humor bleibt Platz. Zumindest im Video, wo sich ein hübsch-hässlich geschminkter Sim im Gay-Club ziemlich verloren vorkommt, ehe ihm ein Glitzer-Alien erscheint. Und zwar in Person von Bronski-Beat-Sänger Jimmy Somerville, der in "Hideous" zudem eine Strophe lang die Falsettstimme erhebt – willkommen auf dem ersten Soloalbum des Bassisten von The xx.

Dessen hauptsächliche Triebfedern heißen Scham und Angst – "Hideous bastard" hätte abgesehen vom selbstironischen Titel also eine ziemlich desolate Angelegenheit werden können. Zum Glück gab es mit dem bassigen, elektronisch umtriebigen "Fruit" und dem knochentrockenen Klopfer "Romance with a memory" vorab zwei Tracks, die in die entgegengesetzte Richtung wiesen: schnittig und aufgekratzt statt weh und leidig, woran Sims Bandkollege Jamie Smith als Clubmusik-affiner Auskenner und mit vielen Wassern gewaschener Produzent maßgeblichen Anteil hat. Indie-Dance, Post-Punk und Neo-R'n'B staunen derweil nicht schlecht, denn obwohl hier zwei Drittel von The xx gemeinsame Sache machen, klingt so gut wie nichts nach der sternenklaren Eisfach-Reduziertheit von Platten wie "The xx" oder "Coexist". Und huscht hier ein schüchternes "VCR"-Bimmeln oder dort ein verdruckstes "Swept away"-Piano vorbei, ist das wenig mehr als ein Hinhören. Sim will großen Pop – und bekommt ihn oft genug.

Entsprechend rar sind auf "Hideous bastard" die "Loud places" gesät, denen Smith auf "In colour" zusammen mit Romy Madley Croft einen kurzen, aber eindrücklichen Besuch abstattete – lediglich "Sensitive child" macht seinem Namen keinerlei Ehre, stapft samt unrunder Drummachine und zorniger Stromgitarre klobig durch einen runtergerockten Tanzschuppen und bricht im Moment größten Tumults ab. Wie das Leben nun mal so spielt, wenn es einem mal wieder ein unbequemes Heimsuchungs-Paket in die Biografie schmuggelt. Umstände, unter denen man dem zögerlichen digitalen Talking-Blues "Unreliable narrator" oder der Süßstoff-Skizze "Saccharine" ihre Unschärfe verzeihen sollte, bis der wunderbar soulige Herzreißer "GMT" inklusive Brian-Wilson-Sample mit dem wenig inspierten Mittelteil versöhnt. "Romeo dies in the final scene", schmachtet Sim am Ende zum federnden Groove von "Run the credits" – und meint das bestimmt nur im übertragenen Sinne. Unsere guten Wünsche sind ihm jedenfalls sicher.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Romance with a memory
  • Sensitive child
  • GMT

Tracklist

  1. Hideous
  2. Romance with a memory
  3. Sensitive child
  4. Never here
  5. Unreliable narrator
  6. Saccharine
  7. Confident man
  8. GMT
  9. Fruit
  10. Run the credits
Gesamtspielzeit: 34:11 min

Im Forum kommentieren

Francois

2022-10-05 23:21:58

Sagen wir so,… es gab heuer viele gute Platten für die top 10

Loketrourak

2022-10-05 16:59:50

Gute Platte

ijb

2022-10-05 16:42:48

"kratzt" heißt, es ist Platz 11?

Francois

2022-10-05 15:56:04

Vor allem wird das Album in der zweiten Hälfte nochmal besser...
Saccharine und Confident Man sind extrem stark.
Fruit und der Closer ebenfalls ganz schön!

Für mich eine überraschend sehr starke Platte und kratzt an meine persönliche Top 10

ijb

2022-10-01 20:53:39

Ich finde das Album (bislang) auch echt gut, besser als die Rezension vermuten lässt. Vor allem sind die (wenigen) noisigen Parts toll (und bewegend).
Das Cover find ich auch blöd.

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