Preoccupations - Arrangements

Preoccupations / H'Art
VÖ: 09.09.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Mitternachtssonne

Es wurde viel über Viet Cong geredet, den kontroversen Bandnamen, den sich Preoccupations ursprünglich gaben. Verständlich, dass sie im Folgenden mit einer schnöden Selbstbetitelung und einem noch schnöderen "New material" eher weniger diskussionsanregende Albumtitel wählten. Nun also "Arrangements", das trotz eines ähnlichen Minimalismus zumindest eine gewisse Offenheit in der Interpretation aufweist: Meint es Arrangements im musikalischen Sinn oder die Bedeutung des Wortes als Abmachung oder Vereinbarung? Haben die Kanadier vielleicht auch ihre Vorliebe für Blumengestecke entdeckt? Letzteres erscheint zumindest unwahrscheinlich angesichts des dickflüssigen Achtziger-Suds, den sich Matt Flegel weiterhin die vermutlich mit Grabsteinen gepflasterte Kehle runterkippt. Doch er und seine Mitstreiter klingen tatsächlich etwas anders, offener als sonst: weniger Synths und monotone Endlos-Patterns, dafür mehr Gitarren, rohe Live-Energie und dynamischere Strukturen.

So verlassen Preoccupations den auf dem Vorgänger eingeschlagenen Weg wieder ein Stück weit, jene hypnotischen Vermählungen von Post-Punk und Kraut-Rock, die sich bis zu Joy Divisions "Closer" zurückführen lassen. Stattdessen pendeln sie vielmehr im Spannungsfeld von Prog und Pop. Man höre allein das Herzstück "Advisor". Ein gemächliches Intro leitet in einen Song, der nach nur einer Strophe in ein raues Streicher-Meer abdriftet – ehe aus den Wellen ein ganz neuer Track zu wachsen scheint, getrieben von einer stoischen Bass-Strömung, Piano-Schlieren und Flegels sich nur knapp über Wasser haltendem Organ. Acht Minuten geprägt von Progression und Wandel, während sich kein Part unnötig in die Länge zieht. Die Lead-Single "Ricochet" sucht und findet dahingegen einen kompakteren Groove samt Mitsing-Refrain, bevor das sich aus dem Motorqualm herauskristallisierende Shoegaze-Finish doch ein paar Schlangenlinien fährt.

Die neue Prominenz der Sechssaitigen zeigt sich derweil gleich im Opener "Fix bayonets!" deutlich: herrlichster Gitarrenlärm, den Flegel unter Mike Wallace' polternden Drums zu einem rauschhaften Stück Stahlwolle-Pop zusammenknüpft. In "Death of melody" scheint ihm der Ariadnefaden kurz aus der Hand gefallen zu sein, doch schafft er es auch so, sich aus all dem Geräusch freizuschwimmen – weswegen das vergleichsweise luftige "Slowly" im Anschluss gar nicht erst versucht, seine liebliche Melodie unter instrumentalen Drecksschichten zu vergraben, und allen Avantgarde-Drang lediglich in der gespenstischen Schlussminute auslebt. Preoccupations bewegen sich nach wie vor in einem Koordinatensystem von Referenzen, die vor Mitternacht abgespielt gefühlt nur mit halber Power aus den Boxen kommen, doch ihre lebendigen Rhythmen und großen Gesten lassen regelmäßig Sonnenstrahlen auf die Weltuntergangsstimmung scheinen. Der hymnische Closer "Tearing up the grass" steigt sogar so hoch in den Himmel empor, dass er Bowie die Hand reicht.

So macht der Vierer zwar weiterhin nicht gerade Gute-Laune-Musik, bearbeitet aber zumindest eine Farbpalette, deren Vielfalt man ob des Covermotivs nicht zwingend erwartet hätte. Das späte Highlight "Recalibrate" balanciert die Kontraste in einem einzigen Stück. Metallisch schabende, geradezu Tribal-artige Beschwörungen öffnen einem melodischen Polarlichter-Reigen den Raum, bevor dieser selbst im Ambient-Gleißen verglüht. Als wäre Flegel verstummt im Erstaunen über die Aushandlungen von Licht und Schatten, die er und seine Band hier in fast kompletter Eigenregie so kurzweilig aufbereiten, auch wenn sich manch ein Moment etwas zu schnell verflüchtigt. Vielleicht sind das ja die titelgebenden "Arrangements"?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Fix bayonets!
  • Advisor
  • Recalibrate

Tracklist

  1. Fix bayonets!
  2. Ricochet
  3. Death of melody
  4. Slowly
  5. Advisor
  6. Recalibrate
  7. Tearing up the grass
Gesamtspielzeit: 38:15 min

Im Forum kommentieren

Fette Sau Alter

2022-09-20 14:11:31

Wieder ziemlich gut geworden. Und ich fand den Vorgänger auch schon klasse (auf rym z.B. sehr unterbewertet).

AliBlaBla

2022-09-11 22:33:02

Nach drei Hördurchgängen muss ich sagen: für mich die beste Veröffentlichung seit "Public strain" (das war noch WOMEN, 2010), glaube auch, das wächst noch...das wird was!

cargo

2022-09-09 11:59:15

Habe erst zwei Durchgänge hinter mir, finde die Bewertung aber jetzt schon zu mager :P

Die Weiterentwicklung ist soweit mehr als gelungen. Das Album wirkt fantastisch wie aus einem Guss. Bin sehr begeistert!

NeoMath

2022-09-09 11:51:31

Habe soeben den ersten Durchlauf hinter mir.
Mann war ich gespannt auf die Scheibe.

Die erste Rotation verblieb allerdings etwas spurenlos, aber das heißt noch nichts, denn mit den ersten beiden bzw den vorigen Alben (rechnet man VietCong mit) ging es mir genau so.

Abwarten und brav regelmäßig hören....

Armin

2022-09-05 20:55:14- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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