The Happy Fits - Under the shade of green

The Happy Fits / Awal
VÖ: 26.08.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Geschüttelt und gerührt

Viel braucht es nicht für zünftige Rockmusik, das Standard-Instrumentarium kennt wohl jede*r: Schlagzeug, Gitarre, Cello. Halt, stopp: Cello? Allerdings. The Happy Fits sind zwar ein bisschen die freundliche Band von nebenan, haben damit aber schon mal ein markantes Alleinstellungsmerkmal in petto. Und es ist nicht bloß ein austauschbares Gimmick: Schon mit seinem Debüt "Concentrate" hat das US-Trio 2018 einen Meilenstein hingelegt, Kammerpop, Garage-Rock und Boyband-Vocals inklusive dreistimmigem Harmoniegesang zusammengeschmissen und elf unverschämt eingängige Hits geschrieben. Diese zeichneten sich vor allem durch eine ausgesprochene Musikalität aus, die sich nicht auf bloßes Akkord-Schrubben und Vierzeiler beschränkte, sondern immer einen gewissen Twist mitlieferte. Das nun vorliegende dritte Album "Under the shade of green" beschert der Band bald ihre erste Europatour und hat dazu die Zutaten ihres Soundcocktails verfeinert und poliert.

Für eine noch immer blutjunge Band aus New Jersey klingen The Happy Fits ziemlich britisch und auch irgendwie alt, denn ihr Indie-Rock ist weiterhin durch und durch mit 60s-Folk-Pop durchsetzt und dabei auf beste Art und Weise tanzbar. Das großartige "Changes", das sich ebenfalls Synthie und eine Streichpassage gönnt, oder "Dance alone" mit seinen Surf-Licks würde auch ein Rivers Cuomo zustande bringen, hätte der das Cello für sich entdeckt. "I can be a Kardashian", wie es in der Reggae-infizierten Anti-Influencer-Hymne "In the lobby" heißt, kann man sich definitiv aus dem Mund des Weezer-Frontmanns vorstellen. Fröhlich und unaufgeregt zielen alle Songs direkt ins Kleinhirn, ob nun gezupft oder gestrichen. Vor allem profitieren The Happy Fits zusätzlich von dem meist abwechselnden und oft zweifachen Gesang, bei dem sich Ross Monteith (Gitarre) und Calvin Langman (Cello) perfekt ergänzen und der nicht selten an klassisch geschultes Musical-Handwerk erinnert.

Rock ist dennoch quicklebendig und putzmunter: Wie schon auf ihrem Zweitling "What could be better" erinnert die Band in ihren Melodiebögen mitunter an Pop-Punk-Größen wie Jimmy Eat World und Konsorten. Der Dreck ist heute zwar zum großen Teil abgeblättert, aber die Energie bleibt. Allzu Balladeskes sparen The Happy Fits sich diesmal, setzen stattdessen volle Breitseite auf albernen Spaß: In ihren aktuellen Musikvideos entwerfen sie eine Zukunft, in der Ananas zum verbotenen Geheimgut erklärt wurde, womit die Band nun illegal dealt und vom FBI gejagt wird. Eine gewisse Obsession mit Obst gehört seit jeher zur Band-DNA. Allem Humor zum Trotz darf es im stampfenden Folk-Hit "Cold turkey" (mit Pfeifsolo!), dem mit witzigen Achtziger-Drumfills ausgestatteten "Sweet things" und dem Schmachter "I'll be somewhere" weiterhin höchst romantisch und gerne auch ein bisschen cheesy werden.

"Another year, another try / Sing your tears a lullaby": Thematisch geht es ums Weitermachen in und nach der Pandemie, ums Nichtaufgeben, ein bisschen auch um bloßen Eskapismus in dunklen Zeiten. Selbst wenn unsere desolate Welt zwischen Finanzkrise, Rechtsruck und Klimawandel in Bälde untergeht, allein tanzen soll hier niemand, obwohl die zwölf Songs mit ihrer gnadenlosen Catchiness auch beim Solo-Hören allemal dazu verleiten. Leicht schräg wird die Band maximal im Closer "Do your worst", der seine Hook gegen den Strich bürstet und mit wildgewordenem Synth-Riff kollidieren lässt. Etwas angepasster als zu frühen Zeiten kommt "Under the shade of green" gewiss daher. Als musikgewordenes Antidepressivum aber oder wenigstens als zuckrige und nicht allzu deftige Erfrischung für zwischendurch eignet es sich tadellos. Will jemand eine Pizza Hawaii?

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Changes
  • Another try
  • Cold turkey
  • Do your worst

Tracklist

  1. Around and around
  2. Dance alone
  3. Changes
  4. In the lobby
  5. Little one
  6. Sweet things
  7. Another try
  8. Cold turkey
  9. I'll be somewhere
  10. Long way down
  11. Place in the world
  12. Do your worst
Gesamtspielzeit: 38:11 min

Im Forum kommentieren

Ralph mit F

2023-01-23 11:50:21

Woop woop

3.4. - Hamburg, Headcrash
4.4. - Berlin, Frannz Club
5.4. - Köln, Blue Shell

Bitte alle hingehen, ich bin da nicht im Land :')

Ralph mit F

2022-09-08 12:07:38

Euch seien auch die ersten beiden Alben und ganz besonders die Debüt-EP, "Awfully appeelin'" ans Herz gelegt :)

Nummer Neun

2022-09-08 11:24:55

Ja, das ist wirklich ein netter Tipp. Album läuft gut durch.

Peacetrail

2022-09-06 12:24:42

Starker Tipp, danke, war mir bis heute unbekannt. Macht Spaß.

Armin

2022-09-05 20:54:28- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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