Lupe Fiasco - Drill music in Zion

1st And 15th / Membran
VÖ: 24.06.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Sad professor

Weil es Lupe Fiasco trotz fast dreistelligen Referenznennungen noch zu keiner eigenen Rezension auf Plattentests.de geschafft hat, hier ein kurzer Abriss. In den mittleren Nullerjahren hat Wasalu Muhammad Jaco nicht nur mit Kanye West den Sky getouched, sondern sich mit metaphernreichem, ambitionierten Conscious-Rap auch selbst einen Namen gemacht: Er war auf dem besten Weg zum Mainstream-tauglichen HipHop-Professor, ehe ein gewisser Kendrick Lamar die Fackel übernahm. Aufgrund von Label-Querelen und der daraus resultierenden Frustration trieb es Jaco in den 2010ern nämlich eher wieder in den Halbschatten, von wo aus er sperrige, akademische Mammutwerke wie "Tetsuo & youth" veröffentlichte. Gerade deswegen blieb der Mann, der nebenbei noch am Massachusetts Institute of Technology dozierte und in einer Post-Punk-Band namens Japanese Cartoon sang, jedoch eine der am meisten faszinierenden Randfiguren im Rap-Game – woran auch seine achte Platte "Drill music in Zion" nichts ändert, obwohl sie formal eine krasse Abkehr von ihren Vorgängern vollzieht. In gerade einmal drei Tagen geschrieben und aufgenommen, bilden diese gut 40 Minuten die mit Abstand kürzeste LP des Chicagoers und rahmen seine Trademarks in eine erstaunlich konzise, lockere Fassung.

Ein Spoken-Word-Vortrag von Jacos Schwester Ayesha steht im Kern des Intros "The lion's deen", das den Albumtitel durchleuchtet. Drill, ein aus Chicago stammendes Trap-Subgenre mit besonderem Gewaltfokus, kontrastiert das biblische Wort Zion, das neben seiner Bedeutung als Synonym für Israel und Jerusalem einen utopischen Friedensort bezeichnen kann. Wenn daraufhin "Ghoti" ein dichtes Referenznetz zwischen "Assassin's creed", Michael Jackson und Kapitalismuskritik über jazzigem Boom-Bap in nicht einmal zwei Minuten spinnt, weiß man zwei Dinge: Erstens macht Jaco trotz des Titels natürlich nicht plötzlich selbst "Drill music", zweitens leiden seine gewohnt verschachtelten und interpretationsoffenen Lyrics unter der relativen Kürze keineswegs. Trap-Einflüsse finden sich höchstens im melodisch offeneren "Autoboto", allerdings mit einem Twist, wenn Sängerin Nayirah in der zweiten Hälfte das Ruder übernimmt ­– und dann gleich auch "Precious things" seine Hook-Juwelen schenkt. Wie bei besagtem Kendrick gehört auch bei Jaco die selbstkritische Reflexion immer dazu, weswegen er konstant hinterfragt, ob er die abgelehnten HipHop-Tropen nicht auch selbst bedient. In Bezug auf protzigen Materialismus scheint der größtenteils beatlose Soul von "Kiosk" das Thema aus der allegorischen Perspektive eines Schmuckhändlers direkt zu behandeln.

Dass der 40-Jährige textlich zur absoluten Top-Riege seines Genres gehört, beweist "Ms. Mural" endgültig: ein poetisches Gespräch zwischen einem Maler und seinem Gönner, bei dem ersterer seine Programmatik ausbreitet und sich der Jaco selbst ja auch so wohlbekannte Konflikt von Kunst und Industrie manifestiert. Ohne Hook, dafür mit einem frei aufspielenden Saxofon treibt der Song vorwärts, leitet in "Naomi" und den Titeltrack über, die mit warmen Bläser- und Pianoklängen den Oldschool-Vibe wunderbar weitertragen. Manchmal, wie in der angestrengten Social-Media-Kritik von "Seattle", verfällt Jaco noch in einen etwas arg verkopften Dozenten-Gestus, doch insgesamt passt sich sein Flow den entspannten Instrumentals an – bis ihn am Ende die Trauer überkommt. "Rappers die too much / That's it, that's the verse", heißt es über den seufzenden Synths von "On faux nem", welche die Worte erst einmal schlucken müssen. Nicht nur im Drill hat Jaco viel zu viele seiner jungen Kollegen sterben gesehen, weswegen er sich hier gegen die leider immer noch so hochgehangene Realness im Rap wendet – vorgetragen jedoch nicht als Zeigefinger-Plädoyer, sondern als naiver Wunsch, all die Lyrics um Gang-Gewalt und Drogenmissbrauch mögen erfunden sein: "I wish that you were lying to me." Lupe Fiasco bleibt einer der versiertesten Chirurgen der HipHop-Kultur, weil sein eigenes Herz eben auch mit drin hängt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Ms. Mural
  • Drill music in Zion
  • On faux nem

Tracklist

  1. The lion's deen
  2. Ghoti
  3. Autoboto (feat. Nayirah)
  4. Precious things
  5. Kiosk
  6. Ms. Mural
  7. Naomi
  8. Drill music in Zion
  9. Seattle
  10. On faux nem
Gesamtspielzeit: 40:57 min

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Armin

2022-07-28 19:53:49- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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