Greg Puciato - Mirrorcell

Federal Prisoner
VÖ: 01.07.2022
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Es könnte schlimmer kommen

Greg Puciato ist hart im Nehmen. Einmal erklärten seine früheren Bandkollegen von The Dillinger Escape Plan ihren Sänger auf Twitter spaßeshalber für tot, später wäre er nach unsachgemäßer Einnahme von Magic Mushrooms beinahe tatsächlich gestorben, und 2015 stand Puciato plötzlich ohne Besitz da, weil sich Diebe bei einem Umzug seine komplette Habe unter den Nagel gerissen hatten. Als er im Herbst 2020 erfuhr, dass sein erstes Soloalbum "Child soldier: Creator of God" drei Wochen vor Erscheinungstermin geleakt worden war, wird der Mann aus Los Angeles also nur müde mit den Augenbrauen gewackelt haben. Zumal der Übeltäter bald gefunden war, Puciato das Ding flugs offiziell auf Bandcamp veröffentlichte und sich das Problem inmitten einer Pandemie ohnehin schnell von selbst relativierte. "Mirrorcell" erzählt auch von dieser – genauer gesagt von rund zwei Jahren auf engstem Raum, in denen man statt anderer Menschen ständig nur die eigene Visage anglotzen kann. Und ziemlich ungemütliche Songs schreiben.

Mithin fasst das knirschige Intro "In this hell you'll find yourself" diese Dreiviertelstunde treffend zusammen. Motto: Lächle, es könnte schlimmer kommen – ich lächelte und es kam schlimmer. Puciato versucht es darum erst gar nicht und stellt sich einer "Reality spiral", in der Holzfäller-Gitarren, bellende Drums und kehlige Scream- und Fauch-Vocals in einer Brühe brodeln. Mit The Dillinger Escape Plans tollwütigem Mathcore hat sein Zweitling wenig zu tun – verschwunden sind aber auch die industriellen Einschübe im Sinne von Labelpartner Jesse Draxler und die Synthwave-Parts, die das Debüt zu einer disparaten, wiewohl großartigen Angelegenheit machten. Massive Midtempo-Schlürfer wie "I eclipse" wirken eher, als würde Trent Reznor in Abrahams Wurstkessel nach Luft schnappen, der tolle, heruntergestimmte Rocker "No more lives to go" hingegen lässt erahnen, was Puciato zuletzt auf Tour mit Alice In Chains als Leadsänger abgefackelt haben muss. Grunge-Patina raus, Heavy-Duty-Metal und Ascheimergitarren-Noise rein. Passt doch.

Gut ausgeleuchtete Seitenblicke sind auf "Mirrorcell" dennoch immer erlaubt. Bei einem solchen assistiert Reba Meyers vom Hardcore-Fünfer Code Orange aus Pittsburgh, die in "Lowered" die zweite Stimme singt: Das wunderbare Shoegaze-Flirren mit leichter "Lucky Denver mint"-Note kommt genau richtig nach dem schleppenden Prachtstück "Never wanted that", dessen brütendes Riff so düster vor sich hin mäandert, als habe man es frisch aus einem nahegelegenen Sumpf gezogen. Und wenig später folgt doch noch der synthetische Ausflug, der jedoch mehr von Depeche Mode als von Nine Inch Nails hat: "We" befreit sich mit leichter Hand von der ärgsten Lockdown-Zimmerpanik und klöppelt sich luftig in eine Elektro-Rock-Zweisamkeit, die unter den gegebenen Umständen aber unerfüllt bleiben muss. Weiß auch "All waves to nothing" und bringt am Ende neun Minuten lang alle geräuschigen Aggregatzustände eines ungemein dichten Albums auf den Punkt. Und dafür muss man noch nicht einmal sonderlich hart in Nehmen sein.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • No more lives to go
  • Never wanted that
  • We

Tracklist

  1. In this hell you'll find yourself
  2. Reality spiral
  3. No more lives to go
  4. Never wanted that
  5. Lowered
  6. We
  7. I eclipse
  8. Rainbows underground
  9. All waves to nothing
Gesamtspielzeit: 45:33 min

Im Forum kommentieren

Armin

2022-07-12 21:37:04- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

fuzzmyass

2022-07-01 13:03:41

Ich hab mir die Vinyl bestellt bei Brooklyn Vegan... mal sehen

Marküs

2022-07-01 12:38:48

Schön wäre eine CD Version gewesen.

fuzzmyass

2022-07-01 09:44:51

Jedenfalls hat es mich sehr gefreut Greg wieder live sehen zu können als Sänger in der Jerry Cantrell Soloband... die Alice In Chains Songs hat er grandios gesungen

Dumbsick

2022-07-01 09:43:28

Das erste ist ein recht wilder genre-mix, der aber ebenfalls sehr gut ist:

https://www.transcendedmusic.de/2020/10/greg-puciato-child-soldier-creator-of-god-review/

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